Temporärbude blockiert Tausende Franken Taggelder
Wenn der Chef sich zum Richter aufspielt

Die Temporärbude Aidas ­aus der Ostschweiz hält Tausende Franken Taggelder eines verunfallten Maurers zurück. Als der Arbeits­unfähige seine Rechte ­geltend macht, droht sie ­mit einer Klage.

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CHEF STELLT SICH QUER: Nach dem Unfall des Mitarbeiters stellt sich Aidas-Chef Heinz Boog quer und behält Zahlungen der Suva ein. (FotoS: Keystone / PD)

Heinz Boog, der Geschäftsführer des Temporärbüros Aidas, macht gerne auf Saubermann. Auf der Website seiner Firma präsentiert er sich und seine Mitarbeitenden in Anzug und Edelweiss­hemd. Doch der Umgang mit einem verunfallten Maurer und seinen Taggeldern verlief bisher alles andere als sauber. Im vergangenen Herbst stellte Boog den Maurer Leon David* (58) für die Dauer von 12 Wochen ein. Doch bereits in der vierwöchigen Probezeit wurde ihm wegen angeblich «unzureichender Leistung» gekündigt. Auffällig: Die Kündigung erfolgte just am Tag, als David einen Unfall hatte. Nach einem Schwindelanfall hatte er sich beim Sturz aus dem Auto eine Gehirnerschütterung zugezogen.

6734 Franken vorenthalten

Seither ist David arbeitsunfähig. Doch die 6734 Franken Taggelder der Unfallversicherung Suva, die Aidas dem Maurer seit einem Monat schuldet, werden von der Temporärbude blockiert. Für Maurer David eine Katas­trophe. Er sagt:

Ich kann die Miete für unsere Wohnung nicht mehr bezahlen. Der Chef von Aidas macht meine Familie kaputt.

Deshalb holte er sich Hilfe bei Unia-Mann Lukas Auer. Dieser forderte die umgehende Auszahlung der Taggelder.

David sei schon im Sommer für Aidas im Einsatz gewesen, schrieb Boog per Mail an Auer. Und weiter: Bereits damals habe sich David «genau vor den Sommerferien den Daumen eingeklemmt» und dann eine Genesungszeit von über 6 Wochen «in Anspruch genommen». In dieser Zeit sei er «nach Kosovo in die Ferien» und habe sich diese «von ­uns und unserer Suva finanzieren lassen». David bestreitet dies vehement. Nichts liege ihm ferner, als sich selbst zu verletzen. In die Ferien verreist seien damals nur seine Frau und seine Kinder. Boog scheint David aber ganz grundsätzlich zu misstrauen.

Arzt bestätigt Probleme

Boog schickte David nach seinem zweiten Unfall zu einem Vertrauensarzt. Dieser bestätigte in einem Arztzeugnis die gesundheitlichen Probleme. Die Aussagen seien glaubhaft und widerspruchsfrei. Es sei mit einer Arbeitsunfähigkeit von mehreren Monaten zu rechnen, schrieb der Vertrauensarzt. Auf diese Aussagen stützte sich auch die Suva und zahlte die Taggelder an Aidas aus. Sowohl das Arztzeugnis wie die Abrechnung der Suva liegen work vor. Doch was tat Temporärchef Boog? Er behielt die Gelder einfach zurück – und empörte sich über die ärztlich verordnete Genesungszeit, da sich David ja «lediglich den Kopf gestossen» habe.

Ins Büro zitiert

Als Begründung für die Nichtauszahlung machte Boog geltend: David sei trotz seinen Anweisungen nicht zu ihm ins Büro gekommen. Unia-Mann Auer winkt ab:

Ein Arbeitnehmer muss nicht im Büro erscheinen, solange ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis vorliegt. Hier scheint eine Machtdemonstration beabsichtigt zu sein, um weiteren Druck auszuüben.

Weil der Personalverleiher die geschuldeten Taggelder weiterhin blockiert, ging Auer mit einer Betreibung gegen das Unternehmen vor. Inzwischen ist eine Schlichtung eingeleitet. Boog dagegen versucht es mit Einschüchterungen. Unia-Mann Auer stellte er eine Anzeige «wegen übler Nachrede» in Aussicht. Und Bauarbeiter David liess er ausrichten, einen allfälligen Umsatzverlust, «den wir wegen (…) einer ungerechtfertigten Betreibung erleiden», vollständig in Rechnung zu stellen.

Arbeitgeber ist nur Zahlstelle

Regula Dick ist Leiterin der Rechtsabteilung der Unia. Sie stellt klar: «Der Arbeitgeber fungiert als Zahlstelle der Unfallversicherung. Die Gelder gehören nicht ihm, und er darf darüber nicht verfügen.»

Wenn ein Arbeitgeber begründete Zweifel an den Angaben eines Arbeitnehmers zu einem Unfall hat, muss er dies der Unfallversicherung melden. Diese hat dann die Abklärungspflicht. Dick sagt:

Es ist nicht am Arbeitgeber zu entscheiden, ob die Leistungen geschuldet sind oder nicht.

Nach Rücksprache mit Unia-Mann Auer wird die Suva die weiteren Taggelder nun direkt an David auszahlen. Was Boog mit den eingesackten Taggeldern seines Arbeiters vorhat, will er work nicht verraten. Überhaupt will er gar nichts zu diesem Fall sagen, «aus Datenschutzgründen».

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