Neue Studie über sexuelle Übergriffe
Wenn der Arzt die Ärztin belästigt

Fast ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz hat sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Das zeigt eine neue Studie des Universitätsspitals Lausanne (CHUV). Die Zahlen sind alarmierend. Doch fast ebenso beunruhigend ist, was nach Belästigungen passiert: meistens nämlich nichts.

ÜBERGRIFFE: Ein Drittel der befragten Ärztinnen und Ärzte berichten von mehren Übergriffen pro Jahr, manche von mehreren pro Woche, einige werden sogar täglich belästigt. (Foto: zvg)

Eine Untersuchung der Uni und des Universität Lausanne zeigt erschreckende Zahlen: 31,3 Prozent der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte gaben an, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren zu haben.

Frauen sind dreimal häufiger betroffen als ihre männlichen Kollegen.

Knapp die Hälfte der Betroffenen erlebte solche Übergriffe nicht einmal, sondern wiederholt: Ein Drittel der Antwortenden berichten von mehren Übergriffen pro Jahr, manche von mehreren pro Woche, einige werden sogar täglich belästigt.

Die Untersuchung haben Kevin Dzi und Ralf J. Jox vom «Institut des humanités en médecine» am CHUV und der Universität Lausanne durchgeführt. Im Auftrag des Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (vsao) befragten sie Ärztinnen und Ärzte zu ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Mitte Januar haben die Autoren im vsao Journal, dem Verbandsmagazin des Berufsverbands, über die Ergebnisse berichtet. Die Daten stammen aus einer anonymen Online-Umfrage, die der vsao im Herbst 2025 über drei Monate hinweg über seinen Newsletter und seine Social-Media-Kanäle verbreitete. 1837 Ärztinnen und Ärzte nahmen teil, 1290 Frauen und 531 Männer.

Die Vorfälle ziehen sich durch alle medizinischen Fachgebiete. Besonders häufig betroffen: Allgemeine Chirurgie mit 37 Prozent, Pädiatrie mit 36 Prozent, Innere Medizin mit 33 Prozent. Die Täterinnen und Täter? In 47 Prozent der Fälle ärztliche Kolleginnen und Kollegen. Dicht gefolgt von Patientinnen und Patienten mit 42 Prozent und Vorgesetzten mit 41 Prozent.

Das grosse Schweigen

Wer in einer Hierarchie nach oben blickt und dort seinen Belästiger sieht, überlegt sich zweimal, ob er den Mund aufmacht. Genau das zeigen die Daten:

71 Prozent der Betroffenen melden die Vorfälle nicht. Bei Männern liegt die Quote sogar bei 79 Prozent. Der häufigste Grund für das Schweigen ist ernüchternd: Fast zwei Drittel glauben schlicht nicht daran, dass eine Meldung etwas bringt.

Dieses Misstrauen kommt nicht von ungefähr. Denn selbst wer den Schritt wagt und meldet, wird oft enttäuscht. In mehr als einem Drittel der Fälle folgen keinerlei Massnahmen. Keine Untersuchung, kein Schutz, keine Konsequenzen für die Täter. Wer sich wehrt, steht am Ende nicht selten allein da.

Belästigt? Hier gibt’s Hilfe!

Auf belästigt.ch erhalten Lohnabhängige in der Deutschschweiz eine professionelle und vertrauliche Online-Erstberatung zu sexueller und sexistischer Belästigung am Arbeitsplatz. Das Beratungsteam reagiert in der Regel innert drei Arbeitstagen. Falls sinnvoll und nötig, werden Betroffene an geeignete Fachstellen weitervermittelt.
Das Portal, zu dessen Trägerschaft auch die Unia gehört, bietet zudem Hintergrundinformationen, Fallbeispiele, Videos, praktische Tipps sowie Kontaktadressen. Die Inhalte richten sich auch an Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber und unterstützen Prävention und korrekten Umgang mit Vorfällen.

Weitere Gründe für das Schweigen: 30 Prozent fürchten, als schwach oder als Opfer wahrgenommen zu werden. 26,5 Prozent fühlen sich von Kolleginnen, Kollegen oder Vorgesetzten nicht ausreichend unterstützt. Und erschreckend oft: schlichtes Unwissen. 27,3 Prozent der Betroffenen wusste gar nicht, an wen sie sich wenden könnten. Eine weitere Ursache für das Schweigen ist die Angst vor Vergeltung, denn viele der Übergriffigen sitzen in Machtpositionen.

Die Folgen tragen die Opfer

Sexuelle Belästigung hinterlässt Spuren. 60 Prozent der Betroffenen berichten von Stress, 35 Prozent von emotionaler Erschöpfung, 30 Prozent von Motivationsverlust. Viele können sich nicht mehr konzentrieren. In den anonymen Antworten schildern Betroffene Wut, Frustration und Ohnmacht. Manche beschreiben, wie sie das Vertrauen in ihre Vorgesetzten verloren haben. Andere berichten von Schlafstörungen und einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit.

Für einige endet es noch drastischer: 5 Prozent konnten zeitweise nicht mehr zur Arbeit gehen. 7,5 Prozent mussten ihren Arbeitsplatz verlassen oder wechseln. Die Täter bleiben. Die Opfer gehen.

Drastische Zahlen auch in der Pflege

Bereits 2023 sorgte eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) für Aufsehen. Die Pflegewissenschaftlerin Milena Bruschini befragte 251 Pflegefachpersonen und Pflegestudierende – 90 Prozent davon Frauen – zu ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Anders als die CHUV-Studie fokussierte sie dabei ausschliesslich auf Übergriffe durch Patientinnen und Patienten.

Das Ergebnis: 95,6 Prozent der Befragten hatten in den zwölf Monaten vor der Befragung mindestens einen Übergriff erlebt. 88 Prozent berichteten von anzüglichen Kommentaren, 84 Prozent von sexistischen Witzen, 52 Prozent wurden betatscht, 24 Prozent gegen ihren Willen geküsst. Nur 17 Prozent gaben an, je eine Schulung zum Thema erhalten zu haben.

Die Zahlen sind wegen des unterschiedlichen Fokus nicht direkt vergleichbar. Doch das Muster gleicht sich:

Übergriffe werden bagatellisiert, Betroffene fühlen sich nicht ernst genommen, Schulungen fehlen.

Studien-Autorin Bruschini selbst erlebte als junge Pflegefachfrau, wie zwei Patienten sie mit sexualisierten Bemerkungen erniedrigten. Als sie sich ihrer Betreuerin anvertraute, wurde der Vorfall heruntergespielt. Der Patient habe es bestimmt nicht so gemeint.

Strukturelles Versagen

Artikel 328 des Obligationenrechts ist eindeutig: Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht sexuell belästigt werden. Die Realität im Schweizer Gesundheitswesen sieht anders aus. Wenn fast jede Pflegefachperson und fast jede dritte Ärztin Übergriffe erlebt, wenn Meldungen ins Leere laufen und Täter in Machtpositionen unbehelligt bleiben, dann handelt es sich nicht um Einzelfälle. Dann ist das System das Problem.

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