Das grosse work-Interview zum Jahresauftakt mit Unia-Präsidentin Vania Alleva
«Die Vielfalt ist unsere Stärke»

Unia-Chefin Vania Alleva über Arbeitgeber, die nicht mehr logisch ­denken, brandgefährliche SVP-­Initiativen und die ­besten Orientierungshilfen für stürmische Zeiten.

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UNIA-PRÄSIDENTIN VANIA ALLEVA: «Wir sagen ganz klar Nein zu den bürgerlichen Angriffen auf das Arbeitsgesetz. Wenn es sein muss, auch mit Referenden.» (Foto: Gaetan Bally)

work: Das Jahr hat dramatisch begonnen, mit der Tragödie in Crans-Montana und der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro durch die USA. Wie sind Sie ins 2026 gestartet?
Vania Alleva: Sagen wir mal: nachdenklich. Die ­Tragödie in Crans-Montana hat mich zunächst sprachlos gemacht. Und die Kriege, die weltweiten Verstösse gegen das Völkerrecht und die immer schamlosere Gewalteskalation rechter Autokraten sind besorgniserregend. Doch gerade deshalb braucht es jetzt all unsere Kräfte. Solidarität, Gewerkschaftsarbeit, kollektives Handeln ist jetzt wichtiger denn je.

Blicken wir zunächst auf das letzte Jahr zurück. 2025 wurde die Unia 20 Jahre alt. Hat sie sich gebührend gefeiert?
Wir haben das Jubiläum mit einem Buch gefeiert, einem Fest und am Kongress in Brig unter dem Motto «20 Jahre stark – gemeinsam für soziale Gerechtigkeit». Die Unia ist eine Erfolgsgeschichte. Sie ist eine soziale Kraft, die den Arbeitnehmenden eine Stimme gibt. Und eine zentrale Säule im Schweizer Modell der Arbeitsmarkt­regulierung mit Verträgen, Mindestlöhnen und Lohnschutz.

JUBILÄUM 2025: Der Kongress in Brig Ende Oktober machte sein Motto «Gemeinsam für soziale Gerechtig­keit» auch auf der Strasse sichtbar.  (Foto: Manu Friedrich)

Und was hat die Unia im letzten Jahr ­besonders beschäftigt?
Es war ein intensives Jahr, geprägt von weltweiten Kriegen, Konflikten und einem verschärften ­Klassenkampf von oben. Aber Resignation und Angst sind fehl am Platz. Vielmehr müssen wir ­gemeinsam für bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen einstehen und für die Einhaltung der Grundrechte. In den Branchen, Betrieben und auf der Strasse haben wir Angriffe auf Arbeits­bedingungen, Löhne und Gesamtarbeitsverträge abgewehrt.

Was hat die Unia konkret in den Branchen und Betrieben erreicht?
Die Unia hat in zahlreichen Branchen und Betrieben Verbesserungen erreicht. Zum Beispiel mit der Erneuerung des Coop-GAV. Dieser bringt Verbesserungen bei den Mindestlöhnen und den Arbeitszeiten. Auch in der Reinigung steigen mit dem neuen GAV die Mindestlöhne. Oder der neue GAV im Maler- und Gipsergewerbe: Er bringt unter anderem mehr bezahlte Reisezeiten und Zuschläge für Samstagsarbeit. Schliesslich hatten wir eindrückliche Mobilisierungen rund um die Erneuerung des Landesmantelvertrages im Bau. Die Protesttage, an denen sich über 15 000 Bauleute beteiligt haben, waren entscheidend dafür, dass die Baumeister von ihren radikalen Forderungen abgekommen sind und eine gute Lösung gefunden wurde, über welche die Branchenkonferenz jetzt noch entscheiden wird.

Für den Bau-LMV brauchte es grossen Druck, damit eine Einigung in fast letzter Minute zustande kam. Woran lag das?
Die ideologische Haltung der Leitung des Baumeisterverbandes hat die Verhandlungen enorm erschwert. Sie kamen mit absurden Abbauideen, und über eigentlich überfällige Verbesserungen wollten sie gar nicht erst reden. Zum Beispiel eine Anpassung aller Löhne an die Teuerung, bezahlte Reisezeiten oder Arbeitszeiten, die nicht krank machen. Doch die Baumeister wollten genau das Gegenteil.

HARTES RINGEN MIT DEN BAUMEISTERN: Der Kampf für einen neuen LMV brauchte Kraft. Hier: Demo im Oktober 2025 in La Chaux-de-Fonds. (Foto: Lucas Dubuis)

Sind die Verhandlungen generell schwieriger geworden?
Die Diskussionen sind immer stärker ideologisch geprägt. Wir müssen zunehmend um Selbstverständlichkeiten ringen. Die Vertragspartnerschaft ist eine wichtige Errungenschaft in diesem Land. Doch manchmal sind wir mit Arbeitgebern konfrontiert, die das Wesentliche aus den Augen verloren haben und offenbar am liebsten Wildwestzustände hätten am Arbeitsmarkt.

Und das bei einem grossen Fachkräfte­mangel…
Auf dem Bau, in vielen gewerblichen Branchen oder in der Pflege verlassen zahlreiche Arbeitnehmende ihren Beruf wegen der schlechten Lohn- und Arbeitsbedingungen. Die logische Konsequenz wäre, die Lohn- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Doch genau das Gegenteil passiert. Und das ist nicht rational. Denn wer die Menschen in den Branchen halten will, muss Anreize schaffen und ins Personal investieren. Doch viele Manager wollen einfach nur immer noch mehr Profite.

Ein gewerkschaftlicher Knackpunkt sind seit Jahren die sinkenden Mitglieder­zahlen. Wie haben sich diese im letzten Jahr ­entwickelt?
Die Mitgliederentwicklung bleibt eine Herausforderung. Aber wir sind froh, dass es 2025 im Vergleich zu den letzten Jahren besser gelaufen ist und wir den Mitgliederrückgang deutlich reduzieren konnten, mit einem Wachstum bei den Frauen. Wir werden alles daransetzen, dass wir im 2026 die Trendwende erreichen.

Und gibt es regionale Unterschiede?
Es gibt Regionen, die ein kontinuierliches Mitgliederwachstum haben, zum Beispiel der Kanton Waadt oder das Wallis. Das zeigt, dass die Trendwende in der Mitgliederentwicklung möglich ist.

Wie will die Unia mehr junge Menschen für die Gewerkschaft begeistern?
Die Mehrheit unserer Mitglieder sind zwischen 30 und 50 Jahre alt, und das ist gut so. Aber natürlich möchten wir mehr junge Mitglieder, die sich ­aktiv beteiligen. Deshalb sind wir zum Beispiel an Berufsschulen präsent mit Themen, die die Jugendlichen beschäftigen, wie die Kampagne für acht Wochen Ferien in der Lehre. Oder indem wir die digitale Kommunikation im Bereich Social Media stärken, um noch präsenter zu sein auf den ­Kanälen, auf denen sich die jungen Menschen informieren.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den ­anderen Gewerkschaften und Verbänden? Geht es eher um Konkurrenz oder um Allianz?
Ganz klar um Allianzen. Was für die Arbeitnehmenden gilt, gilt auch für die Gewerkschaften: Gemeinsam sind wir stärker. Gewerkschaft­liche Allianzen haben ja auch zur Gründung der Unia geführt. In Bezug auf die enormen ­Herausforderungen und dringend nötigen Verbesserungen in der Pflege wollen wir eng mit dem VPOD und anderen Verbänden zusammenarbeiten.

Heute ist die Unia die grösste Gewerkschaft in der Schweiz, eine rote Riesin. Wie gelingt es ihr, die vielen unterschiedlichen Interessen und regionalen Unterschiede unter einem Dach zu vereinen?
Die Vielfalt ist unsere Stärke. Wir haben eine lebhafte Basisdemokratie. Da ist sehr viel Feuer und Energie. Der Kongress hat diese Vielfalt sichtbar gemacht. Es gab engagierte Diskussionen, zum Teil auch knappe Beschlüsse, aber immer in ­einem sehr konstruktiven Klima. Solche Auseinandersetzungen sind nötig, damit wir uns immer wieder auf gemeinsame Prioritäten einigen ­können.

In welchen Branchen und Betrieben liegen die Schwerpunkte 2026?
Wir wollen in den Dienstleistungsberufen schneller wachsen und unsere Stärke in Bau, ­Gewerbe und Industrie halten. Zentral ist die Erneuerung des L-GAV im Gastgewerbe. Es ist der grösste GAV in der Schweiz. Seit 2019 waren die Verhandlungen blockiert, doch jetzt geht es endlich wieder vorwärts. Weitere Schwerpunkte sind die Langzeitpflege, die GAV-Verhandlungen im Schreinereigewerbe und Holzbau oder die GAV-Verhandlungen «Second Œuvre» in der ­Romandie.

GEMEINSAM FÜR EINEN BESSEREN L-GAV: Unia, Syna und die Hotel & Gastro Union an der Medienkonferenz vom 11. November 2025 in Bern. (Foto: Tom Ulrich)

Eine Schwerpunktkampagne nächstes Jahr richtet sich gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.
Die Unia setzt sich für belästigungsfreie Arbeitsplätze ein. Jede zweite Person wurde bereits am Arbeitsplatz belästigt. Das muss endlich auf­hören. Deshalb werden wir in den nächsten zwei Jahren in den Berufsschulen, an den Arbeits­plätzen und auf der Strasse für das Thema sensibilisieren und aufzeigen, wie sich Frauen wehren können, was ihre Rechte sind und wo sie Hilfe bekommen.

Und was tut die Unia selbst als Arbeitgeberin gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz?
Bei der Unia gibt es eine Nulltoleranzpolitik bei sexueller Belästigung. Wir haben seit Jahren eine Charta, die wir kollektiv erarbeitet haben und mit der alle Arbeitnehmenden geschult werden. Die setzen wir konsequent um.

Auch auf politischer Ebene wird 2026 ein entscheidendes Jahr. Zentral ist der Kampf gegen die 10-Millionen-Initiative der SVP, über die wir voraussichtlich im Juni ­abstimmen werden. Was macht sie so ­gefährlich?
Sie greift nicht nur die Grundrechte an, sondern den Lohnschutz und die Rechte von allen Arbeitnehmenden. Deshalb ist diese Chaos-Initiative der SVP brandgefährlich. Alle Schweizer Löhne kämen unter Druck, ebenso die Arbeitsbedingungen. Denn die Personenfreizügigkeit mit den ­flankierenden Massnahmen zum Schutz der Schweizer Löhne würde wegfallen. Die Initiative gefährdet Arbeitsplätze und den Wohlstand in der Schweiz.

WOLF IM SCHAFSPELZ: Unia-Aktion im September 2025 vor dem Bundeshaus zur SVP-Initiative, die am ­8. März 2026 zur Abstimmung kommt. (Foto: Manu Friederich)

Doch damit nicht genug. Im Parlament ist eine ganze Reihe von Vorstössen hängig, die die Löhne und die Gesundheit der Büezer und Büezerinnen frontal angreifen…
Die rechtsbürgerliche Mehrheit im Parlament ist ausser Rand und Band. Sie will an zwölf statt wie bisher an maximal vier Sonntagen chrampfen lassen, ohne dass dafür eine Bewilligung nötig wäre. Die Arbeitnehmenden sollen bis zu 17 Stunden pro Tag arbeiten müssen. Die Arbeitgeber sollen sogar Nachtarbeit kurzfristig anordnen können. Und zudem sollen die gesetzlichen Mindestlöhne gesenkt werden können. Wir sagen ganz klar Nein zu diesen Angriffen auf das Arbeitsgesetz. Wenn es sein muss, auch mit Referenden.

Und wie geht es weiter mit den Verhand­lungen zu den Bilateralen III?
Wir haben in unzähligen Arbeitsgruppen innenpolitische Massnahmen zum Schutz der Löhne verhandelt. Das Thema wird uns auch weiterhin beschäftigen. Denn für uns ist klar: Wir wollen ein geregeltes Verhältnis mit der EU, aber nicht zu jedem Preis. Wir können den Bi­lateralen III nur zustimmen, wenn die Löhne und die Rechte der ­Arbeitnehmenden mit den innenpolitischen Massnahmen genügend geschützt sind. Jetzt geht das Massnahmenpaket ins eidgenössische Parlament, wo sich zeigen wird, ob unsere roten ­Linien respektiert werden. Davon wird unsere Position im Hinblick auf eine Volksabstimmung abhängen.

Bereits am 8. März kommt die SVP-Halbierungsinitiative zur Abstimmung. Diese will die SRG massiv schwächen. Wieso brauchen wir ein öffentlich finanziertes Medienhaus?
Diese Volksinitiative ist radikal, weil sie den Service public in den Medien abschaffen will. Das ist brandgefährlich, weil unabhängige Information enorm wichtig ist für die Meinungsbildung und für die Demokratie. Gerade in Zeiten von Populismus und Fake News braucht es vertrauenswürdigen Journalismus. Diesen Angriff müssen wir abwehren. Sonst drohen ­ähnliche Entwicklungen wie in den USA, wo einige Grosskapitalisten die wichtigsten ­Medien besitzen und kontrollieren.

Am gleichen Tag kommt auch die Klima­fonds-Initiative an die Urnen. Wieso unterstützen die Gewerkschaften diese Initiative?
Die Klimakrise trifft viele Arbeitnehmende hart. Wer draussen arbeitet – auf den Baustellen, im Gartenbau, in der ­Sicherheit oder in der Sommergastronomie – ist Hitze und Extremwetterereignissen direkt ausgesetzt. Dadurch steigen sowohl das Unfallrisiko als auch die Risiken für Herz-Kreislauf- und Hautkrebserkrankungen. Deshalb braucht es mehr Klimaschutz. Und dieser muss gebaut werden. Dazu braucht es mehr Fachleute, und deshalb sieht die Initiative hier Beiträge an Aus- und Weiterbildungen sowie Umschulungen vor. Zusätzlich könnten dringend notwendige Klimainvestitionen der öffentlichen Hand und von Privaten ausgelöst werden, ohne die Kaufkraft der Arbeitnehmenden zusätzlich zu belasten. Es ist jetzt Zeit für einen «Boost» für den Klimaschutz und für die ­inländische Wirtschaft. Denn der Klimafonds ist nicht nur gerecht ­finanziert, er schafft auch mehr Gerechtigkeit.

Zum Schluss: Die Welt scheint aus den Fugen, eine neue Ära der Weltunordnung hat begonnen. Woran orientieren Sie sich?
Mein Kompass zeigt auf Solidarität, Gemeinschaft, sozialen Ausgleich und Gerechtigkeit. Ich orientiere mich an den Grundrechten und den kollektiven Bewegungen. Ich brauche weder ideologische Grabenkämpfe noch Ausgrenzung, sondern Vielfalt und konstruktive Debatten.

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