Verkäuferin Doris Schneeberger (54) fordert:
«Sollen die Politiker doch mal am Sonntag an der Kasse stehen!»

Arbeiterinnen und Arbeiter im Detailhandel stehen unter Druck – besonders während der Adventszeit. Zudem fordern die Bürgerlichen immer längere Öffnungszeiten. Doch Jumbo-Verkäuerin Doris Schneeberger wehrt sich dagegen.

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AN NOCH MEHR SONNTAGEN ARBEITEN? Nicht mit Verkäuferin Doris ­Schneeberger. (Foto: Florian Bachmann)

Für Doris Schneeberger (54) ist schwimmen wie Meditation. Schwerelos zieht sie im Wasser Bahn um Bahn. Keine Ablenkung, kein Druck, kein Stress. Ein Hobby, das der Jumbo-Verkäuferin als Ausgleich dient. «An meinen freien Tagen bin ich immer im Hallenbad. Gerade jetzt in der stressigen Adventszeit hilft es mir, von der Arbeit abzuschalten», sagt sie zu work. Schnee­berger arbeitet seit über zehn Jahren in einer Jumbo-Filiale im Kanton Zürich. Dass dort von Anfang November bis Ende ­Dezember die Hölle los ist, gehört zum Job. Das war schon immer so: «Ich arbeite mein halbes Leben im Verkauf. Während der Adventszeit wissen wir: Jetzt müssen wir durebisse», sagt Schneeberger.

1988 hat sie eine Lehre im Verkauf gemacht und ist seither dem Beruf treu geblieben. Blickt sie auf den Weihnachtsverkauf zurück, hat sich dieser in vielen Punkten geändert:

Zum Beispiel stellen wir die Weihnachtsbäume und Lichterketten schon Anfang November auf. Der Weihnachtsstress beginnt also schon viel früher als nötig.

Auch körperlich ist diese Zeit kein Zuckerschlecken: Immer wieder jagt Schneeberger etliche Tannenbäume durch das Netzgerät, um sie für den Transport in die Weihnachtsstuben ihrer Kundschaft vorzubereiten. «Ich muss nicht ins Fitnessstudio, mein Job hält mich fit», meint die 54jährige neckisch.

Die Adventszeit habe aber auch ihre schönen Seiten. Das Team von Schneeberger spannt im Dezember noch mal richtig zusammen. Und obwohl die Kundinnen und Kunden gestresst mit Tunnelblick durch die Jumbo-Filiale schwirren, bemerken immerhin deren Kinder die Weihnachtsstimmung im Laden. «Leuchtende Kinderaugen erfreuen immer wieder das Herz des Verkaufspersonals», so Schneeberger, selbst Mutter von zwei erwachsenen Töchtern.

Ignoranz

Auch nach der Weihnachtszeit gibt es für das Verkaufspersonal keine Verschnaufpause. Denn die Bürgerlichen lassen ihnen keine Ruhe: Die Öffnungszeiten sollen immer weiter in den Abend ausgedehnt werden. Und obwohl sich das Schweizer Stimmvolk bereits etliche Male gegen mehr Sonntagsarbeit positioniert hat, gehen die Angriffe auf die Gesundheit der Verkäuferinnen und Verkäufer weiter (siehe Box). Ganz aktuell: Die Bürgerlichen wollen an 12 statt an 4 Sonntagen im Jahr chrampfen lassen. Damit ist Verkäuferin Schneeberger nicht einverstanden: «Was es bedeutet, am Sonntag auch bei der Arbeit erschei­nen zu müssen, verstehen die Anzugträger, die mehr Sonntagsarbeit fordern, bestimmt nicht. Sollen die Politiker doch mal am Sonntag an der Kasse stehen!» so Schneebergers Vorschlag.

Das Anliegen macht sie hässig. Das war auch der Grund, weshalb sie an der Petitionsübergabe diesen Oktober in Bern dabei war. Über 9000 Menschen haben die Petition «Nein zu mehr Sonntagsarbeit» unterschrieben. Die Übergabe war ein bestärkendes Erlebnis für die Verkäuferin. Doch auch Enttäuschung schwingt mit:

Für mich war es die erste Petitionsübergabe, und ich habe erwartet, dass sich wenigstens ein paar Politikerinnen und Politiker vor das Bundeshaus wagen und unsere Anliegen anhören.

Gegenstrom

Doch was bedeutet es konkret, am Sonntag zu arbeiten? Im Team von Schneeberger arbeiten viele Mütter, auch alleinerziehende. Die Kinderbetreuung zu organisieren ist ohnehin kompliziert. «Wie soll das auch noch sonntags gemanagt werden?» fragt sie sich. Weiter muss man berücksichtigen, dass nicht alle einen kurzen Arbeitsweg haben und auf den öffentlichen Verkehr angewiesen sind. Dieser ist sonntags reduziert, gerade in abgelegene Gegenden. Und neben all den organisatorischen Hürden ist für Schneeberger klar: Das Verkaufspersonal braucht einen gesunden Rhythmus, Zeit für die Familie und fürs Abschalten vom Stress. Das kann Schneeberger persönlich eben am besten im Hallenbad. Sie sagt: «Beim Thema Sonntagsarbeit ist für mich der Kurs klar: Hier schwimme ich mit aller Kraft im Gegenstrom.»

Bürgerliche: Der Angriff

Mit der Zürcher Standesinitiative «Befristete Flexibilisierung der Ladenöffnungszeiten» greifen die Bürgerlichen frontal die Arbeitszeiten im Detailhandel an. Ihre Forderung konkret: Jährlich sollen zwölf Sonntage zu Arbeitstagen umfunktioniert werden. Das Geschäft liegt zurzeit bei der Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerates auf dem Tisch. Für das Verkaufspersonal hätte eine Annahme fatale Folgen. Gemeinsam mit den Gewerkschaften wehren sie sich.

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