Konferenz beschliesst GAV-Ziele

Malerinnen und Gipser wollen mehr Ferien, mehr Lohn und eine bezahlte Reisezeit!

Jonas Komposch

Trotz Bauboom und Sanierungswelle steckt das Maler- und Gipsergewerbe in einer Krise. Sie ist zu einem guten Teil hausgemacht. Jetzt gehen die Berufsleute in die Offensive!

WOLLEN MEHR: Die Malerinnen und Gipser haben einen Forderungskatalog für die GAV-Verhandlungen zusammengestellt. (Foto: Keystone)

Das Zürcher Volkshaus war fest in Malerinnen- und Gipserhänden am letzten Samstag. Die Unia hatte zur Berufskonferenz gerufen, rund 70 Delegierte aus der ganzen Deutschschweiz und dem Tessin sind ihr gefolgt. Ihr Hauptaugenmerk galt dem Gesamtarbeitsvertrag (GAV), der Ende März 2025 ausläuft, sowie den GAV-Neuverhandlungen, die schon nach den Sommerferien beginnen. Und hierfür verabschiedeten die Berufsleute einen Forderungskatalog, der es in sich hat:

  1. Mehr Ferien! Heute sieht der GAV des Deutschschweizer und Tessiner Maler- und Gipsergewerbes bloss 22 Tage Ferien vor (27 Tage gibt es ab dem 50. Geburtstag). Zum Vergleich: Das sind mickrige zwei Tage mehr, als das Gesetz vorschreibt. Und im GAV Ausbaugewerbe der Westschweiz gibt es für alle Gipserinnen und Maler immerhin 3 Tage mehr Ferien!
  2. Mehr Lohn! Heute liegt der Mindestlohn eines gelernten Malers mit drei Jahren Berufserfahrung erst bei 5001 Franken. Eine branchenfremde Malerarbeiterin darf man sogar mit 4122 Franken abspeisen. Auch hier wäre deutlich mehr nötig – und auch möglich, wie die Westschweiz zeigt. Dort liegen die Mindestlöhne zwischen 330 und 409 Franken höher.
  3. Voll bezahlte Reisezeit! Früher zwackten die Firmen ihren Angestellten eine ganze Stunde Reisezeit pro Tag vom Lohn ab. Und noch heute sind 30 Minuten Reisezeit pro Tag unbezahlt, das entspricht 2,5 Stunden pro Woche oder etwa 4000 Franken Lohneinbusse pro Jahr. Diese Praxis gehört verboten, Reisezeit ist Arbeitszeit.
  4. Besserer Kündigungsschutz! Verlängerung der Kündigungsfrist für Arbeitnehmende ab 55 Jahren, so wie das in anderen Bauberufen längst der Fall ist. Besserer Schutz für gewerkschaftliche Vertrauensleute.
  5. GAV auch für Lernende! Heute sind in fast allen Bauberufen auch die Lernenden dem GAV unterstellt. Die grossen Ausnahmen sind das Maler- und Gipsergewerbe sowie das Schreinergewerbe. Zum Nachteil der Stiftinnen und Stifte. Sie haben etwa kein Anrecht auf einen 13. Monatslohn. Das soll sich ändern!
  6. Eingrenzung der Samstagsarbeit! Immer mehr Maler und Gipserinnen haben faktisch eine Sechstagewoche. Auch weil Samstagsarbeit immer noch zuschlagsfrei möglich ist. Das muss sich ändern. Die Bewilligungspraxis für Samstagsarbeit soll neu organisiert und strenger werden. Und Lohnzuschläge sollen obligatorisch werden, so wie in anderen Bauberufen.

Die Teilnehmenden der Berufskonferenz des Maler- und Gipsergewerbes wissen: Gemeinsam sind wir stark! (Foto: Unia)

Die letzte Forderung wurde von der Versammlung als wichtigste auserkoren. Gerade in der Ostschweiz, einer Region mit besonders ausgeprägtem Arbeitskräftemangel, sei die Samstagsarbeit schon fast zum Normalfall geworden, berichteten mehrere Delegierte. So könne es nicht weitergehen. Tatsächlich steckt das Maler- und Gipsergewerbe in einer regelrechten Krise – trotz guter Auftragslage.

HORRENDE LEHRABBRUCHQUOTE

Dazu ein paar Eckwerte: Der Fachkräftemangel überbordet zunehmend und betrifft schon jetzt die grosse Mehrheit aller Betriebe. Zudem gehen diese sogar selbst davon aus, dass sich der Mangel noch verschärfen wird. Das zeigt eine Studie des Büros Bass. Die Folge: Viele Firmen weichen auf Temporärangestellte aus. Schon heute liegt die Temporärquote bei hohen 13 Prozent. Das verstärkt den Druck auf die Löhne und besonders auf die älteren Mitarbeitenden. Werden Ältere entlassen, finden sie meist nur noch als Temporäre Arbeit. Aber auch bei den Berufseinsteigern sieht’s düster aus: Die Gipserfirmen haben errechnet, dass sie ganze 40 Prozent weniger Lernende haben als noch vor zwei Jahren! Ebenso alarmierend ist die Lehrabbruchquote. Konkret: 37 Prozent aller angehenden Malerinnen und Maler lösen ihren Lehrvertrag vorzeitig auf. Sogar 43 Prozent aller Lernenden sind es bei den Gipserinnen und Gipsern. Das ist eine der höchsten Lehrabbruchquoten der Schweiz. Und sie ist auch rund 10 Prozent höher als im übrigen Baugewerbe.

FRAUEN VERGRAULT

Verschärfend hinzu kommt die Situation der Frauen. Zwar gibt es gerade im Malergewerbe immer mehr Frauen. Doch viele verlassen die Branche rasch wieder. Die Gründe sind bekannt: mangelnde Teilzeitmöglichkeiten für Mütter, fehlende sanitäre Anlagen, dreckige WC, Machokultur und Sexismus. Zu allem Überfluss hinzu kommt noch der immer ruinösere Preiskampf zwischen den Firmen. Mehrere Delegierte berichteten von so tiefen Dumping-Offerten, das bloss noch mit illegalen Arbeitsmethoden Profite möglich seien. Auch hier wollen die Berufsleute den Hebel ansetzen – mit viel mehr und schärferen Kontrollen.


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