Rassismus und Machtspiele in der Lehre

«Wir wurden mundtot gemacht»

Darija Knežević

Während ihrer Lehre bei ­einer Gemeindeverwaltung hat Bianca­ Allschwiler (24) Grenzüberschreitungen, Rassismus und Schikanen erlebt und sich gewehrt. Was gar nicht gut ankam.

KEIN GEHÖR: Lernende, die sich auf der Gemeindeverwaltung für ihre Rechte einsetzten, wurden zum Schweigen gebracht. (Foto: iStock)

Auf der Toilette, im Keller oder im Archiv weinen. Das mussten Bianca Allschwiler* (24) und andere Lernende während ihrer kaufmännischen Ausbildung bei einer Berner Gemeindeverwaltung fast täglich. Denn dort war die Hierarchie ganz klar: die Stiftinnen und Stifte waren zuunterst. «Wir wurden wie das Letzte behandelt», sagt die 24jährige gegenüber work. Allschwiler musste immer wieder Rassismus, Erniedrigung, Provokationen und Machtspiele ertragen. Besonders der herrschende Rassismus bereitete der jungen Frau grosse Mühe. «Mein Migrationshintergrund war immer wieder Thema, doch viel schlimmer traf es meinen Mitstift», erzählt sie. Regelmässig wurde er von Mitarbeitenden aufgrund seiner kroatischen Herkunft beschimpft.

Als sich Allschwiler für ihren Kollegen einsetzte und ihren Chef konfrontierte, blockte ­dieser ab und behauptete, Allschwiler habe doch einfach nur ein Autoritätsproblem. Dabei hatte sie etliche Gründe, dieses Machtgefälle nicht mehr zu tolerieren: «Ständig wurden mein Aussehen und mein Körper kommentiert. Meine ­Arbeit wurde degradiert und dauernd kritisiert.» Nicht nur im Chefbüro wurde sie nicht ernst ­genommen, der gesamte Betrieb belächelte ­sie für ihren Einsatz. Erschwerend kam hinzu: ihr Chef war auch der Verantwortliche für die Lernenden. «Wer sich für seine Rechte einsetzte, wurde mundtot gemacht», sagt sie.

SKANDAL AM SCHALTER

Rassismus erfahren nicht nur die Lernenden. Bei der Einwohnerkontrolle haben die Schalter­mitarbeitenden Menschen mit Migrationshintergrund effektiv benachteiligt, indem sie sie ­extra langsam oder gar nicht bedienten. Bianca Allschwiler sagt: «Dass eine Einwohnerkontrolle ein Ort ist, wo Mitarbeitende ­ungefiltert ihren ekelhaften Rassismus rauslassen ­können, ist ein Skandal.» Sie hat sich ­deshalb bei ihrer Arbeit besonders viel Mühe gegeben mit Menschen, die von ihren Kolleginnen und Kollegen benachteiligt wurden.

Sie habe sich sogar überlegt, nach der Lehre im Betrieb zu bleiben, damit wenigstens eine ­Person bei der Einwohnerkontrolle fair und ohne Diskriminierung arbeitet. «Doch dafür hatte ich nach drei Jahren schlicht die Kraft nicht», sagt sie. Sie war einfach nur noch erleichtert, nie mehr ­einen Schritt in diese Büros setzen zu müssen.

AUF AUGENHÖHE

Heute arbeitet Allschwiler in einem Betrieb, wo es für Rassismus und andere Diskriminierungen eine Nulltoleranz gibt. «Das war mir sehr wichtig bei meiner Jobsuche.» Ihre Erfahrungen haben ihr gezeigt, dass sie gerne im sozialen Bereich arbeiten möchte, weshalb sie nach der Lehre eine Berufsmatur gemacht hat und nun Sozialarbeiterin werden möchte.

Auf ihre Lehre blickt die 24jährige mit Trauer zurück: «Ich trat die Lehre mit einem gesunden Selbstbewusstsein an. Was nach drei Jahren Erniedrigung davon übrigblieb, macht mich traurig», sagt sie. Heute sitze sie aufgrund ihrer Erfahrungen öfter auf den Mund. Umso wichtiger ist es ihr, sich am Arbeitsplatz für Lernende einzusetzen: «Lernende gehören genauso wie der Rest der Mitarbeitenden zum Betrieb. Sie ­haben das Recht, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet und sie ernst nimmt.»

*Name geändert


Schulen, Arbeitsplätze, Parteien, Verwaltungen, Nachbarschaft
Fast keine Orte, wo es keinen Rassismus gibt

Rassistische Beschimpfung an einer Tankstelle, ins Koma geprügelt wegen der Hautfarbe und Konflikte am Arbeitsplatz wegen eines Kopftuchs. Im neusten Bericht zur rassistischen Diskriminierung in der Schweiz wird deutlich, dass es hierzulande fast keine Lebensbereiche gibt, wo Menschen nicht aus ras­sistischen Motiven ausgegrenzt, beleidigt oder angegriffen werden. Der neuste Bericht, erstellt von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus in Zusammenarbeit mit der Organisation Human Rights und dem Beratungsnetz für Rassismus, zeigt bedenkliche Zahlen auf. Im Jahr 2023 wurden 876 Fälle von Rassismus gemeldet. Schaut man sich die Zahlen aus den Vorjahren an, haben sich die Meldungen innert fünf Jahren verdreifacht.

Die Lebensumfelder, in denen am meisten Diskriminierung stattfindet, sind mit 181 Fällen der Bereich der Bildung, dicht gefolgt von 124 gemeldeten Fällen im Bereich Arbeitsplatz. Weitere Orte, wo Menschen Diskriminierung erleben, sind öffentliche Räume, Verwaltungen, Nachbarschaften sowie Parteien. Die am häufigsten genannten Diskriminierungsmotive sind Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit und der Anti-Schwarze-Rassismus. Weitere Motive sind Islamfeindlichkeit, Antisemitismus sowie Rassismus gegen Menschen aus dem arabischen oder dem asiatischen Raum sowie aus der Balkanregion.

WAHLJAHR

Ursula Schneider Schüttel, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, erklärt im Vorwort des Berichts: «Auffallend ist die grosse Anzahl an ­Meldungen zu verschiedenen rassistischen und ausländerfeindlichen Kampagnen im Wahljahr.» Zudem blickt Schneider Schüttel kritisch in das Schweizer Bildungssystem und den Umgang dort mit Rassismus: «Meldungen von ras­sistischer Diskriminierung in der Schule stehen in diesem Jahr an erster Stelle. Das ist sehr bedenklich.» Der Anstieg von Fällen an Schulen ist auch auf die Sensibilisierung rund um das Thema Rassismus zurückzuführen.

Anlaufstellen: Wer Rassismus erfährt, findet hier Hilfe


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