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Wasserstoff-Logistik: Erlebt ein altes, abgelaufenes DDR-Patent einen zweiten Frühling?

Die Anzeichen mehren sich, dass dem deutschen Technologie-Start-up Ambartec ein Durchbruch in der Energie- und Wasserstoffspeicherung gelingt. Klappt es, liesse sich schon bald Wasserstoff in Containern transportieren wie Bananen. Per Schiff und per Bahn. Es wäre eine riesige Sensation!

ZUKUNFT: Kommt statt dem Milchmann von Peter Bichsel nächstens der Wasserstoffmann bei Frau Blum vorbei? Druckfrei mit 30 000 Kilowattstunden Wasserstoff im Container? (Foto: ZVG)

Es findet weltweit ein Wettbewerb der Technologien und der politischen ­Rahmenbedingungen statt. Auch und gerade auf dem Gebiet der neuen, ­erneuerbaren Energien. Wer am Ende die Nase vorne hat, bleibt ungewiss.

Überraschung 1: Die Preise für Solar­module sausen in den Keller. Für Grosseinkäufer runter auf 100 Franken pro Kilowatt-Peak. China baut pro Jahr mehr Solarmodule, als der Weltmarkt zurzeit verbauen kann. In den nächsten zwei, drei Jahren werden auch die Preise der Batterien zu einem ­entsprechenden Sturzflug ansetzen.

Überraschung 2: Der deutsche Energie­anbieter Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) ist ein europäischer Stromriese. Er verkauft mehr Strom als die Schweizer Energiekonzerne Axpo, Alpiq, BKW & Co. zusammen. Neu baut die EnBW nur mehr Solarkraftwerke mit dezentralen Batterien vor Ort. Schluss mit Flatterstrom! Schluss mit nicht regulierbarer Bandenergie! Geliefert wird, wenn Bedarf vorhanden ist.

Überraschung 3: Die Anzeichen mehren sich, dass dem deutschen Technologie-Start-up-Unternehmen Ambartec ein Durchbruch gelingt – und zwar auf der Basis einer alten DDR-Technologie. Dank Ambartec soll es schon im nächsten Jahr möglich sein, druckfrei pro Kilo Eisenpellets eine Kilowattstunde Strom zu transportieren. Der Strom kann dann wie Bananen in Containern per Schiff und Bahn transportiert werden. Merke: Für die Produktion einer Tonne Eisen bläst man heute noch 1,5 Tonnen CO2 in die Luft. Doch dank Wasserstoff werden wir nächstens klimafrei Eisen und Stahl produzieren können.

Mit einem Ambartec-Container lassen sich – wenn alles klappt – 30 000 Kilowattstunden Wasserstoff transportieren. Grosse Containerschiffe können 20 000 dieser Standardcontainer mit auf ihre Reisen nehmen. Und somit 600 Millionen Kilowattstunden klimafreien Wasserstoff.

In Marokko ist es möglich, Strom dank Wind und Sonne spottbillig zu produzieren. Und damit in einem nächsten Schritt auch den Wasserstoff. Der Hafen der Stadt Tanger hat eine Kapazität von 6 Millionen Containern pro Jahr. Ein Containerschiff braucht für die Fahrt von Tanger nach Genua und zurück sechs Tage, samt dem Beladen und Entladen der Container. Ein Containerschiff kostet 200 Millionen Franken, so viel wie ein F-35-Kampfjet in Anschaffung und Betrieb. Der Bund müsste ein solches Schiff kaufen und es auf den Namen «Amherd & Rösti» taufen. Wenn es sein muss, könnte dieses pro Jahr 30 Milliarden Kilowattstunden Wasserstoff Richtung Schweiz bringen. Ab Genua ginge der Strom weiter mit der Bahn.

Wollen wir Atomkraftwerke aus dem Markt drängen, trotz Strommehrbedarf und ohne mehr eigene Solar­anlagen und Windräder, müssten jeden Tag 40 Züge von Genua Richtung Schweiz rattern. Und wieder zurück. Denn eine 750 Meter lange Zugskomposition kann 70 Standardcontainer transportieren. Und somit zweieinhalb Millionen Kilowattstunden Wasserstoff.

Und wie steht’s mit dem Preis? Der Transport eines Containers von der marokkanischen Stadt Rabat nach Gerlafingen SO darf nicht mehr als 450 Franken kosten, damit der Wasserstoff konkurrenzfähig wird. Und somit 1,5 Rappen pro Kilowattstunde. Sollte nach Adam Riese in einer ersten An-
näherung drinliegen.

Konkurrenz droht diesem Containerkonzept von Seiten der Balkonkraftwerke, deren Strom wir direkt in die eigene Wohnungssteckdose einspeisen können. In der Schweiz informieren uns Konsumentinnen und Konsumenten die Sendung «Kassensturz» und die Zeitschrift «Saldo». In Deutschland tut es die Stiftung Warentest. In der neuesten Ausgabe vergleicht sie verschiedene Balkonkraftwerke. Erstens sind die Preise inzwischen noch einmal massiv gesunken. Zweitens müssen die Wechselrichter weniger stark strahlen. Und drittens werden nächstens Batterien für den Tag-und-Nacht-Ausgleich sorgen.

Wenig mutige Prognose: Strom wird so oder anders nicht teurer, sondern atomstromfrei billiger. Vielleicht zentral produziert, vielleicht dezentral. Vor allem, wenn das neue Stromgesetz am 9. Juni angenommen wird.

Links zum Thema:

  • rebrand.ly/balkon-kraftwerke Im Test war nur eines von acht im Jahr 2023 eingekauften Balkonkraftwerken wirklich gut. Das wird
    den Wettbewerb ­stimulieren.
  • rebrand.ly/balkon-krafwerk-kaufen Dieser Händler bietet ein komplettes Balkonkraftwerk mit einer Leistung von 800 Watt samt Wechselrichter für 449 Euro an.
  • ambartec.de Wer mehr über die Ambartec-Technologie erfahren will, wird hier fündig.

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