Offener Brief einer Asbestwitwe

«Herr Schmidheiny, es ist Zeit für eine Geste der Wiedergutmachung»

Claudio Carrer*

Die Italienerin Silvana Mossano wurde wegen der Eternit-Fabrik in ihrem Dorf zur Witwe. In einem offenen Brief an den Schweizer Milliardär und früheren Eternit-Besitzer Stephan Schmidheiny (76) fordert sie diesen auf, einen Beitrag an die Erforschung der Krebsart zu leisten, die seine Asbestfabrik verursacht hat.

ADRESSAT: Der Schweizer Milliardär Stephan Schmidheiny hat einen offenen Brief mit klaren Forderungen erhalten. (Foto: Keystone)

Silvana Mossano, Journalistin und Schriftstellerin, ist Einwohnerin von Casale Monferrato, jener Kleinstadt im italienischen Piemont, die eine traurige Berühmtheit erlangt hat. Hier befand sich die grösste Eternit-Fabrik Italiens. In Casale mit seinen 32 000 Einwohnerinnen und Einwohnern sind schon über 3000 Menschen an den Folgen der Asbestverarbeitung gestorben. Auch heute noch, über 40 Jahre nachdem die Fabrik geschlossen worden war, sterben jährlich noch rund 50 Menschen an Krebs, der durch Asbestfasern ausgelöst wird, die die Menschen Jahrzehnte zuvor eingeatmet hatten. Casale Monferrato war vom Asbeststaub kontaminiert, betroffen waren nicht nur die Büezerinnen und Büezer der Eternit-Fabrik.

Zu den Verstorbenen gehört auch Marco Giorcelli. Er war der Ehemann von Silvana Mossano und verstarb am 15. März 2012 im Alter von 51 Jahren nach der Mesotheliom-Diagnose, einer Art Brustfellkrebs, der durch Asbestfasern ausgelöst wird. Wie seine Frau  war auch er Journalist und beschäftigte sich intensiv mit der Eternit-Tragödie. Er ist unter anderem Autor des Buches «Malapolvere», das mit viel Sensibilität das brutale Leid schildert, das seiner Stadt von der Asbestindustrie und Stephan Schmidheiny zugefügt wurde.

ORT DES GRAUENS: Die Eternit-Fabrik in Casale Monferrato. (Foto: Keystone)

Der heute 76jährige Schweizer Milliardär Schmidheiny leitete zwischen 1976 und 1986 die Schweizer Eternit-Gruppe, zu der auch die Fabrik in Casale Monferrato gehörte. Im Juni des letzten Jahres verurteilte ein Geschworenengericht den früheren Schweizer Unternehmer in erster Instanz zu 12 Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung von 147 Arbeitern und Anwohnerinnen der Eternit-Fabrik in Casale.

An ihn hat Silvana Mossano nun einen offenen Brief geschrieben. Darin bittet sie ihn, als Geste der Wiedergutmachung einen ausserordentlichen Beitrag an die Mesotheliom-Forschung zu leisten. Denn noch heute tötet dieser Krebs Menschen und lässt die Bewohnerinnen und Bewohner von Casale in einer ständigen Angst leben. Den offenen Brief an Stephan Schmidheiny geben wir hier wieder:

Herr Stephan Schmidheiny, guten Tag

Ich schreibe Ihnen diesen offenen Brief, um Ihnen die Gelegenheit zum Dialog zu bieten. Ich tue dies mit Tränen, aber ohne Vorurteile. Denn ich habe nie zugelassen, dass aus mir der Kummer spricht. Ich bin eine Casalese. Ich bin eine Asbestwitwe. Ich bin eine Journalistin. Ich bin eine Schale voller Tränen für die vielen, vielen Menschen, die von dieser monströsen Krankheit gezeichnet wurden, von der die Wissenschaft festgestellt hat, dass sie durch Asbestfasern verursacht wird.

Wie viel ist in den letzten Jahrzehnten gesagt, wie viel geschrieben und wie viel debattiert worden. Auf Konferenzen und in Gerichtsverfahren sind neue Erkenntnisse gereift, wurden juristische und wissenschaftliche Überlegungen modifiziert, Rechts- und Grundsatzfragen revidiert. Und die Wissenschaft hat Fortschritte gemacht, um das schreckliche Übel auszurotten, das ich in zahlreichen Artikeln als das böse Stiefkind des Asbests bezeichnet habe. Die Rede ist von der Krebserkrankung Mesotheliom.

15 Jahre sind seit dem ersten Eternit-Prozess vergangen, in dem Sie, Herr Schmidheiny, als Angeklagter auftraten und das mit einem harten Urteil endete, das in der Berufung zwar bestätigt, allerdings wegen Verjährung wieder aufgehoben wurde. Im Juni 2023 wurden Sie erneut verurteilt. Nun wird es ein Berufungsverfahren geben. In der Zwischenzeit werden weitere Menschen krank, werden leiden und sterben. Wir alle in Casale, und zwar wirklich alle, leben mit der Angst, dass ein Husten, ein schmerzender Rücken oder ein Gefühl der Erschöpfung in der tödlichen Diagnose enden könnte.

PROTEST: Studentinnen in Casale Monferrato: «Eternit, wie viele Male werden wir noch getötet werden?» (Foto: Keystone)

Und wer gewinnt am Ende? Auf diese Frage gibt es nur eine einzige Antwort: Gewinnen können wir nur, wenn wir diese Krankheit besiegen. Das gilt für mich, für meine Leute, ja für alle Menschen auf dieser Welt, die dem Asbest ausgesetzt waren. Auch für Sie, Herr Schmidheiny. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass Ihr Einsatz als Jugendlicher in einer Asbestfabrik Sie nicht ruhig schlafen lässt. Ja, wir können uns alle nicht sicher fühlen. Denn die bösartige Asbestfaser ist still und geduldig: Sie ist in uns, ruht sich aus, schläft, sogar 50 Jahre und länger, bis sie eines Tages erwacht und nicht aufhört zu wüten, bis es zu Ende geht. Wir müssen diese Faser aufhalten, Herr Schmidheiny. Wir müssen Ihren verruchten Stiefsohn unschädlich machen.

Ihn zu stoppen haben wir bisher nicht geschafft. Obwohl viele Wissenschafter, Forscher und Ärzte es unermüdlich versucht haben und dies auch weiterhin tun. Jeder leistet seinen Beitrag. Aber die Zeit verstreicht, und weitere Menschen leiden und sterben. Wissen Sie, was diese Diagnose einem Menschen antut, Herr Schmidheiny? Für jemanden, der für das wunderbare Projekt namens Leben noch viele Pläne geschmiedet hat? Ihm wird ein harter Schlag versetzt. Plötzlich muss er alles, was er noch geniessen wollte, auf die sehr kurze Lebenszeit herunterbrechen, die ihm noch bleibt.

Und was tun wir, Herr Schmidheiny? Angeln wir uns weiter von einem Prozess zum nächsten? Ich bewundere die Männer und Frauen der Justiz und bin ihnen dankbar. Sie haben versucht und versuchen immer noch, mit ihrem Instrument diese Tragödie aufzuarbeiten. Sie haben uns – die stolze und mutige Gemeinschaft, der ich angehöre – dazu gebracht, uns gegen das Böse aufzulehnen und nicht zu resignieren. Auch wenn die Rekonstruktion der tragischen Schicksale unsere Würde und Widerstandskraft auf die Probe gestellt hat, haben wir unsere Tapferkeit gefunden.

Doch nun stellt sich die Frage: Wie lange werden wir über die Schuldfrage dieses Dramas noch juristisch diskutieren? Lassen Sie uns die Dinge realistisch betrachten: Sie wurden erneut verurteilt und werden im Berufungsverfahren von Ihren Anwälten gut verteidigt werden. Aber Ihr Name – und das wissen Sie – wird immer mit diesen vielen Todesfällen sowie mit den Begriffen Asbest und Mesotheliom verbunden bleiben. Können Sie diese Last bis zum Ende Ihrer Tage weitertragen? Und mehr noch: Wollen Sie diese Last Ihren Erben weitergeben? Es gäbe eine Alternative. Sie heisst wiederherstellende Gerechtigkeit. Dies ist mein persönlicher Appell an Sie. Hören Sie mich bitte an. Es gäbe die Möglichkeit, dass Sie und die Vertreter der Opfergemeinschaft zusammenkommen und mit Hilfe eines Vermittlers versuchen, Frieden zu schliessen. Das ist eine Herausforderung. Aber eigentlich geht es um die simple Frage: Was kann getan werden, um den entstandenen Schaden zu beheben?

GEFÄHRLICH: Einblick in die Asbest-Fabrik von Casale Monferrato. (Foto: Keystone)

Herr Schmidheiny, Sie können sich weiterhin in den Gerichtssälen verteidigen lassen. Aber selbst wenn es Ihnen gelingt, Verurteilungen ausser Kraft zu setzen, wird es Ihnen nicht gelingen, eine unumstössliche Tatsache zu leugnen: Asbest verursacht Krebs. Sie und Ihre Vorfahren haben in Italien und anderswo auf der Welt mit Asbest arbeiten lassen. Und Asbest hat getötet. Das ist kein Urteil, das ist eine historische Tatsache.

Verlassen Sie Ihre Festung, in die Sie geflüchtet sind, und nehmen Sie die Herausforderung an, die über eine Spende von ein paar Millionen Euro hinausgeht. Die Herausforderung besteht darin, ein Heilmittel gegen diese Krankheit zu entwickeln. Wir alle haben bei Covid gesehen, dass Investitionen und die Konzentration von Ressourcen in die Forschung zu einem schnellen Ergebnis führen können.

Warum gehen wir nicht auch gemeinsam gegen Mesotheliom vor? Menschen sterben nicht nur in Casale Monferrato an den Folgen der Asbestverarbeitung, sondern überall auf der Welt. Sie sind sicher nicht für alle Asbesttodesfälle in der Welt verantwortlich, Herr Schmidheiny, aber Sie könnten für die Genesung der Betroffenen verantwortlich sein.

Sie werden nun einwenden: «Aber was habe ich davon, wenn die Prozesse gegen mich trotzdem weitergehen?» Was Sie gewinnen, Herr Schmidheiny? Ihr Gewissen, Ihr Image, das Ihnen am Herzen liegt, und Ihre Würde. Es ist an der Zeit: Übernehmen Sie die unternehmerische und ethische Leitung der Erforschung eines Medikaments gegen diesen Krebs.

Ich bediene mich des Zitats eines «Riesen» der Geschichte. «Der Lohn für den Frieden ist der Frieden selbst», sagte Mahatma Gandhi. Lassen Sie es mich anpassen: Der Lohn für die Friedensstiftung ist die Friedensstiftung selbst. Es erfordert Mut, sich dieser Herausforderung zu stellen. Aber gehen Sie voran, und andere werden Ihnen folgen.

Ich werde nicht aufhören, diesen Appell an Sie zu richten. Meine Stimme wird, zusammen mit den anderen Stimmen, in jeden Winkel dieser Erde dringen. Und selbst wenn ich alleingelassen werde, bleibe ich hartnäckig und werde nichts unversucht lassen. Also, Herr Schmidheiny, handeln Sie jetzt, nicht später!

ECHTE «CASALESE»: Journalistin Silvana Mossano.

Auf Wiedersehen, Herr Schmidheiny. Arrivederci.
Silvana Mossano

 

 

 

 

 

* Dieser Artikel ist zuerst in der italienischsprachigen Unia-Zeitung «Area» erschienen. Zum Original-Beitrag.


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