Asbest-Witwe Schwarzmann wartet auf eine Entschuldigung

«Sie sollen sehen, was sie getan haben»

Patricia D'Incau

Als Schulbub jobbte er in der Eternit. 35 Jahre später ist Roland Schwarzmann tot. Vom Asbest. Für seine Familie beginnt eine Odyssee.

Trauer bleibt: Elsbeth Schwarzmann erinnert sich gut. Nach der ersten Operation fühlte sich ihr Mann gesund. Aber der Krebs kehrte zurück. Roland Schwarzmann starb 2007. (Foto: Jasmin Frei)

Plötzlich war da ein Druck auf der Brust. Roland Schwarzmann spürt ihn beim Velofahren, beim Tennisspielen, beim Joggen. Das Atmen fällt ihm zunehmend schwer. Während der Ferien auf Zypern wird ihm klar: etwas stimmt nicht. Eine Erkältung vielleicht oder das Herz, denkt Schwarzmann. Zurück in der Schweiz, geht der damals 46jährige zum Hausarzt. Die Röntgenbilder zeigen eine Veränderung der Lunge. Die Diagnose: Brustfellkrebs. Das war 2004.

OHNE MUNDSCHUTZ

Die Nachricht erreicht Ehefrau Elsbeth Schwarzmann am Telefon. Rückblickend sagt sie: «Wenn du so etwas hörst, legt es dich zusammen.» Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in Näfels, einer Gemeinde mit knapp 4000 Seelen im Kanton Glarus. Neben ihr am runden Tisch sitzt Markus, der Älteste der drei Schwarzmann-Söhne. Er war 19, als sein Vater krank wurde. Sein jüngster Bruder, Robin, erst 13.

Die Ärzte geben Roland Schwarzmann noch sechs bis acht Monate. Die Biopsie im Universitätsspital Zürich zeigt: Der Krebs kommt vom Asbest. Vom Asbest in der Eternit in Niederurnen. Im Jahr 1972 arbeitete Schwarzmann während fünf Wochen in der Schmidheiny-Fabrik. Als Schulbub in den Sommerferien. Er ist 14, schleift Eternitplatten – ohne Mundschutz. Der tödliche Asbeststaub dringt in seine Lunge.

Die Eternit ist damals eine der grösseren Herstellerinnen von Asbestprodukten. Das Geschäft floriert: Bis die Faser 1990 in der Schweiz verboten wird, wird kaum ein Haus ohne Asbest gebaut. Asbest gilt als Wunderfaser, weil er eine grosse Festigkeit besitzt, hitzebeständig und billig ist und hervorragend dämmt. Er steckt in Isolationen, Bodenbelägen, Decken. Dass Asbest aber auch hochgradig krebserregend ist, wurde lange Zeit heruntergespielt. Bis die Krankheit ausbricht, können Jahrzehnte vergehen.

FREUND JANN

Nach der Diagnose reagiert Roland Schwarzmann, von Beruf Treuhänder, schnell. Er meldet sich bei der Suva, ersucht darum, dass sein Krebs als Berufskrankheit anerkannt werde. Dass die Suva zahle. Mit Erfolg.

Weniger gut ergeht es seinem Freund Marcel Jann. Schwarzmann lernt ihn im Zürcher Universitätsspital kennen. Auch Jann hat Krebs. Auch bei ihm ist der Asbest schuld. Nur: Geld von der Suva bekommt er nicht. Denn seine Vergiftung hat er sich nicht bei der Arbeit geholt, sondern als Junge beim Spielen. Die Janns wohnten in Niederurnen direkt neben der Fabrik.
Heute könnte sich Jann an einen Fonds für Asbestopfer wenden (siehe Box «Endlich Hilfe»). Ein Durchbruch! Doch damals blieb ihm nur der juristische Weg. Schwarzmann unterstützt Jann. Gemeinsam reichen sie Klage ein. Ihnen geht es nicht nur ums Geld. Sie wollen, dass die Eternit und ihr ehemaliger CEO, Stephan Schmidheiny, zur Rechenschaft gezogen werden.
Roland Schwarzmann wird operiert. Er überlebt den schweren Eingriff, bei dem ihm der rechte Lungenflügel entfernt wird, und die Tortur der Bestrahlung. In einem Neujahrsgruss an Freunde schreibt er im Dezember 2005: «In kleinsten Schritten kehrten die Energie und Lebensfreude wieder.» Schwarzmann gilt als geheilt.

DER LETZTE SOMMER

Im Sommer fährt er mit seinen Söhnen auf den Walensee hinaus. Sohn Markus erinnert sich: «Mit dem kleinen Holzboot, das mein Vater noch kurz vor seiner Krankheit gekauft hatte.» Es ist der letzte Sommer, den die Familie zusammen verbringt. Der Krebs kommt zurück. Am 23. Februar 2007 stirbt Roland Schwarzmann.

2008 lehnt das Bundesgericht als letzte Instanz Schwarzmanns und Janns Klage ab. Ihre Fälle gelten als verjährt. Als es in der Zwischenzeit zu Vermittlungsgesprächen zwischen der Familie und der Eternit AG kommt, erleidet Schwarzmanns Frau Elsbeth einen Herzinfarkt. Noch heute schüttelt es sie, wenn sie daran zurückdenkt: «Menschen gegenüberzusitzen, die so tun, als sei nichts passiert, als sei niemand verantwortlich, das war zu viel.»

HOFFNUNG

Über Umwege werden die Familien Schwarzmann und Jann später doch noch entschädigt. Die Schwarzmanns aufgrund des Opferhilfegesetzes durch den Kanton Glarus. Die Janns wiederum erhalten Geld aus einem Fonds, den Eternit nach den vielen Negativschlagzeilen für Härtefälle eingerichtet hat.

Das ist nur eine kleine Genugtuung für so viel Schmerz. Bis heute hatte sich Beton-Milliardär Stephan Schmidheiny vor keinem Schweizer Gericht zu verantworten. Markus Schwarzmann gibt die Hoffnung aber nicht auf. Er möchte, dass der Wunsch seines Vaters doch noch erfüllt werde: «Dass sie zu ihrer Verantwortung stehen. Dass sie kommen und sich entschuldigen.» Denn: «Sie sollen sehen, was sie getan haben.»


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