Menschenhandel: So gehen Behörden gegen kriminelle Netzwerke vor

Die Opfer schützen, die Ausbeuter jagen!

Christian Egg

Die Berner Spezialität im Kampf gegen Schattenwirtschaft und ­Menschenhandel: Grosskontrollen. Deren ­Erfinder erklärt, wie sie funktionieren, was sie ­bringen – und an welche ­Kriminellen er trotz allem nicht herankommt.

TATORT NAGELSTUDIO: Dieses Jahr sorgte ein Fall für Aufsehen, bei dem ein vietnamesisches Ehepaar in einem Nagelstudio ausgebeutet wurde. (Foto: Keystone)

Dezember 2023. In einer Grosskontrolle beim ­Paketdienst DPD zeigt sich: Fahrer müssen zum Teil bis 80 Stunden pro Woche arbeiten. Zu ­einem Lohn von ein paar Franken pro Stunde. Sechs von 40 Überprüften arbeiten ohne Be­willigung.

April 2024. Ein Ehepaar aus Vietnam berichtet ­­in den Tamedia-Zeitungen, wie es über Jahre in ­Nagelstudios ausgebeutet wurde. Gerade mal 2000 Franken Monatslohn, abzüglich Kost und Logis. Für die Reise in die Schweiz musste das Paar über 30 000 Franken bezahlen. Schulden, die es jetzt abarbeiten muss.

Mai 2024. Anklage der Berner Staatsanwaltschaft gegen einen Wirt, unter anderem wegen Menschenhandel. Demnach hat er Opfern zu tiefe oder gar keine Löhne ausbezahlt. Sie mussten sieben Tage pro Woche arbeiten und schliefen meist im Keller auf einer Matratze.

In allen Fällen hat die Berner Justiz ermittelt oder tut es weiterhin. Grundlage ist eine Stadt­berner Spezialität: grossangelegte Überraschungskontrollen, bei denen sämtliche Stellen einen ­Betrieb gemeinsam unter die Lupe nehmen. Die Fremdenpolizei plant und leitet den Einsatz. Am Tag X sind rund 20 Mitarbeitende von Kantons­polizei, Gewerbepolizei, paritätischer Arbeits­markt­kontrolle und Zoll im Einsatz, je nach Branche auch die Gewerkschaften.

Alexander Ott, Chef der Stadtberner Fremdenpolizei, hat dieses Vorgehen vor zehn Jahren eingeführt. Im Gespräch mit work sagt er: «Wir wollen nicht in erster Linie die bestrafen, die zu Dumpinglöhnen arbeiten. Sondern die zur Rechenschaft ziehen, die von Schwarzarbeit und Ausbeutung profitieren.»

Und das gelinge am besten im Verbund. Zum Beispiel brauche es die Polizei, wenn jemand wegrennen wolle oder sich renitent verhalte. «Aber wenn wir wollen, dass Opfer aus­sagen, braucht es Menschenkenntnis und ein sensibles Vorgehen.» Bei Bedarf vermittelt die Fremdenpolizei Opfern eine sichere Unterkunft und bietet Unterstützung – zum Beispiel einen Platz im Opferschutzprogramm einer spezia­li­sier­ten Organisation.

Das zahlt sich aus: Etwa in der Hälfte der kontrollierten Betriebe kooperieren Opfer mit den Behörden. Das vietnamesische Paar gehört ebenso dazu wie zwei Hilfsköche, die gegen den Dumping-Beizer aussagten. Auffliegen liess Ott auch einen Arbeitgeber, der reihenweise «Fake-Arbeitsverträge» ausgestellt habe. Nach wenigen Tagen habe er die Leute aufs RAV geschickt, um Arbeitslosengeld zu beziehen. «Tatsächlich arbeiteten sie in einem anderen Betrieb, ohne Bewilligung. Der Chef kontrollierte beide Betriebe und strich den Profit ein.»

WIE EIN WURZELSYSTEM

Richtig spannend wird’s für den Polizisten Ott, wenn er bei verschiedenen Kontrollen auf die gleichen Firmenbesitzer trifft. Oder auf Namen, die bereits anderen Stellen aufgefallen sind, etwa dem Betreibungsamt. Dann erkennt er Muster. Er und sein Team erstellen Diagramme, wer zu wem Verbindungen hat. Wie im Krimi. Das sehe aus wie ein verzweigtes Wurzelsystem, sagt er. «Und da gibt es Knotenpunkte. Die wollen wir finden!»

Und dann sagt Ott noch etwas, das in jeden Mafiafilm passt. Aber nicht so recht in die Schweiz: «Der Chef eines solchen Systems ist nicht mehr fassbar.» Oft seien das bekannte Figuren, die wirtschaftlich und politisch gut vernetzt seien. «Wir wissen haargenau: Der hält die Fäden in der Hand. Er weiss wohl auch, dass wir es wissen. Aber wir können ihm nichts nachweisen.» Bei einem Verdacht sei stets jemand zur Stelle, der die Schuld auf sich nehme. Um den Chef zu schützen.

Weniger subtil war dagegen der Gipsermeister, der letztes Jahr in Zürich verurteilt wurde. Bis zu 100 Gipser aus Osteuropa hatte er mit falschen Versprechen in die Schweiz gelockt und hier zu Dumpinglöhnen ausgebeutet – bis ein Polier die Unia einschaltete und die Justiz aktiv wurde. Am Schluss konnte sie dem Schweizer gewerbsmässigen Menschenhandel und 13 weitere Delikte nachweisen (work berichtete). Letztes Jahr wurde der Mann erst­instanzlich zu zehn Jahren Gefängnis ver­urteilt. Seine Berufung ist noch hängig.

KINDER ZUM BETTELN GEZWUNGEN

Wird Alexander Ott nach seinem grössten Erfolg gefragt, nennt er nicht Täterinnen oder Täter, die hinter Gitter mussten. Sondern Kinder aus Osteuropa, die in Bern von Banden zum Betteln gezwungen wurden.

2009 rief Ott ein Projekt ins Leben, das diese Praxis innerhalb von zwei Jahren praktisch zum Verschwinden brachte. Die Kinder wurden dabei in ihre Heimatländer zurückgebracht und konnten mit Hilfe einer Schutzorganisation eine Ausbildung absolvieren. Rückblickend sagt Ott: «Wir haben die Opfer aus der Ausbeutung herausgelöst und ihnen ermöglicht, auf eigenen Beinen zu stehen. Das freut mich bis heute.»

Gegen Menschenhandel: Berner Modell als Vorbild

Die Täterinnen und Täter sind gerissen und skrupellos, die Opfer eingeschüchtert: Deshalb ist Menschenhandel äusserst schwer zu erkennen. Helfen können Verbundskontrollen, wie sie die Stadt Bern bereits praktiziert. Dies hält auch der dritte Aktionsplan gegen Menschenhandel von Bund und Kantonen fest. Solche Kontrollen sollen in den Kantonen zumindest «thematisiert» und ihre «Vorteile für die Bekämpfung von Menschenhandel zum Zweck der Ausbeutung der ­Arbeitskraft aufgezeigt» werden.

Die Juristin Marie Saulnier Bloch, Menschenrechtsexpertin bei der Unia, sieht in den riesigen Unterschieden zwischen den Kantonen das Hauptproblem im Kampf gegen Menschenhandel: «Genf, Zürich und Bern engagieren sich stark. Andernorts hat Menschenhandel noch nicht die Priorität, die nötig wäre.»

INTERESSE. Alexander Ott, Chef der Berner Fremdenpolizei, sieht allerdings da und dort Bewegung. Ende April hat er in Baselland die Verbundskontrollen vorgestellt – an einem «runden Tisch gegen Clan-Kriminalität». Die Delegation des Kantons habe grosses Interesse gezeigt, sagt Ott. Auch der Kanton Luzern interessiere sich für das Berner Modell.


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