worktag
Sinja Willi und Heinz Marti von «Linggi Schnure»

Die engagierte ­Berner Gesangstruppe ­«Linggi Schnure» singt ihre Lieder mit vollem ­Körpereinsatz. Das tut sie am 1. Mai und auch sonst, seit 50 Jahren, mit Lust und Witz.

GENERATIONENBAND: Die 32jährige Sinja Willi und der 72jährige Heinz Marti singen gemeinsam bei «Linggi Schnure». (Foto: Isabelle Haklar)

«Wow», denkt Sinja Willi, «die haben mega Spass auf der Bühne.» Vor etwa acht Jahren sieht sie in Köniz bei Bern zum ersten Mal einen Auftritt der Gruppe «Linggi Schnure». Gut 15 Frauen und Männer, die Lieder mit politischen Texten darbieten. Nicht nur mit der Stimme: «Auch die Mimik und der ganze Körper leben das Lied.» Nach zwei weiteren Konzertbesuchen reicht der Sozialarbeiterin das Zuschauen nicht mehr. Sie wird Teil der Truppe.

An der Berner Maifeier bestreitet «Linggi Schnure» jeweils den Abschluss. Zusammen mit dem Chor Linksdrall gibt sie die Internationale zum besten, das Kampflied der Arbeiterbewegung seit mehr als 150 Jahren. Doch im Gespräch mit work wird rasch klar: Ein Nostalgie-Singgrüppli ist das nicht. Sondern ein experimentierfreudiges Amateur-Kollektiv aus drei Generationen, verbunden durch die Freude am Singen.

AUFTAKT ZUM WOCHENENDE

Einer von ihnen ist Heinz Marti, genannt Hene, Anwalt und mit 72 Jahren «auf dem Weg in den Ruhestand». Das Singen, sagt er, «tut mir einfach gut – vor allem, wenn ich den ganzen Tag nur sitze». Die 32jährige Sinja Willi sagt, sie sei früher regelmässig in die Kirche gegangen. Damit habe sie aufgehört – «aber dann hat mir das Singen gefehlt». Bis sie auf die «Linggi Schnure» stiess. Die Probe jeden Freitagabend, der oft ein gemeinsames Essen folgt, sei zudem der perfekte Ausstieg aus der Arbeitswoche und der Einstieg ins Wochenende.

Fünf Frauen und zwei Männer zählt das Kollektiv derzeit. Neue Mitglieder seien willkommen, sagt Willi: «Alles, was es braucht, ist Lust am Singen und den Willen, sich einzubringen.» Marti ergänzt: «Und die Bereitschaft, ­regelmässig an die Probe zu kommen.»

Die Gruppe verknüpft Gesang, Comedy und eine politische Botschaft. Sinja Willi sagt: «Wir wählen Lieder aus, die mit Witz auch ein wenig schmerzen.» Zum Beispiel «Klimawandel» der St. Galler Band Stahlberger. Der Song schwärmt vom «Dampfschiff fahre uf em Vierwaldstätter-Meer», weil der Meeresspiegel steigt: «D Schwimmweschtehärsteller wärbed um Chunde / Und endlech, endlech isch au s Rhiintal verschwunde.»

IN DER TRADITION VON AGITPROP

Gegründet wurde «Linggi Schnure» in den Siebzigern von linken Aktivistinnen und Aktivisten. Heinz Marti ist fast seit dem Anfang dabei und sagt, sie hätten damals politische Inhalte mit einfachen Liedern transportiert. Dann schmunzelt er und sagt: «Wir sahen uns in der Tradition von Agitprop. Manchmal waren die Melodien sehr im Holzhammerstil. Heute sind wir anders unterwegs. Feiner.»

Im Repertoire sind mehrheitlich Songs von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern, etwa von Les Reines Prochaines oder dem Zürcher Sänger Faber, aber auch von der deutschen Band Element of Crime. Einmal hätten sie ein Stück des klassischen Komponisten Johannes Brahms einstudiert, sagt Sinja Willi und schwärmt: «Wir experimentieren. Das gefällt mir so an dieser Gruppe.» Marti sagt von sich, er sei musikalisch in den 70ern stehengeblieben, bei den Stones und den Beatles. Wenn jemand aus dem Kollektiv ein Stück vorschlage, kenne er das meist nicht. «Mich dann darauf einzulassen ist jedesmal ein Abenteuer.» Ein Highlight sei etwa «Toti Sigarette» von Stiller Has gewesen, das den Kater nach einem Alkohol- und Drogenabsturz beschreibt: «völlig düregheit», sagt der Jurist und grinst. Makabre Kost war auch «Seeräuber-Jenny» aus Brechts

«Dreigroschenoper». In der Ballade träumt eine Dienstmagd davon, dass Piraten die Stadt überfallen und alle, die sie verachtet haben, töten. Das Stück zur Aufführung zu bringen sei eine grosse Leistung gewesen, so Marti: «Die Musik von Kurt Weill war für uns schwierig. Aber wir haben’s geschafft. Und die Message hat auch gestimmt.»

A propos Message: Was bedeutet den beiden der 1. Mai? Sinja Willi sagt, sie habe keinen Bezug zu dem Tag. Heinz Marti dagegen schon. Ehrensache, dass er immer dabei ist. Auch wenn er findet, die Anliegen des Frauenstreiktags vom 14. Juni seien heutzutage gesellschaftspolitisch die wichtigeren. Aber der 1. Mai als Tag der Gewerkschaftsbewegung, das sei eine Tradition. Ein Ritual. «Und in diesem Sinne eben auch wichtig, weil wir dem Bürgertum zeigen: Wir sind da.»

DURCHGESCHÜTTELT

Während Jahren führte «Linggi Schnure» am Abend des 1. Mai in Bern ihr Programm auf. Dieses Jahr nicht. Das hat einen traurigen Grund: Im letzten halben Jahr sind zwei Mitglieder verstorben. Das habe die Gruppe durchgeschüttelt, sagt Sinja Willi: «Wir haben an beiden Beerdigungen gesungen, sonst sind wir nicht aufgetreten.» Auch das 50jährige Bestehen im vergangenen Jahr habe man nicht gefeiert. Heinz Marti: «Nach den zwei Todesfällen hatte niemand Bock auf ein Fest. Aber hey, vielleicht feiern wir dann halt 55 Jahre!» Er möchte auf jeden Fall bald den Termin für den nächsten Auftritt festlegen: «Das gibt uns ein bisschen Druck, etwas wirklich so gut hinzubringen, dass wir es aufführen können.»

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