Schon sechs Femizide in der Schweiz in diesem Jahr
Ermordet, weil sie Frauen sind

Das Jahr 2024 ist erst wenige Monate alt, doch die Anzahl der Femizide ist erschütternd. In der Schweiz alleine wurden dieses Jahr bereits sechs Frauen ermordet. Der Appell aus den Schweizer Frauenhäusern: Es braucht mehr Schutzplätze, politisches Engagement und Präventionsarbeit.

SCHREIENDE UNGERECHTIGKEIT: Frauen schreien für die Opfer von Femizid am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen in Zürich. (Foto: Keystone)

Die Schweiz hat ein massives Problem mit Gewalt gegen Frauen. Das zeigen die kürzlich vom Bundesamt für Statistik publizierten Zahlen: Im vergangenen Jahr wurden 20 Frauen getötet, es kam zu 42 versuchten Morden an Frauen, 2765 erlebten Beschimpfungen und 198 sexuellen Nötigungen. Und das sind nur die den Behörden bekannten Straftaten; wie gross die Dunkelziffer ist, lässt sich schwer einschätzen. Für Blertë Berisha, Co-Geschäftsleiterin der Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein, ein besorgniserregender Zustand. Denn die Schweiz hat viel zu wenig Schutzplätze für gewaltbetroffene Frauen.

AKUTE GEFAHR

Berisha klärt auf: «Häusliche Gewalt fängt nicht erst mit blauen Flecken an.» Viele Frauen erleben in ihrer Beziehung psychische Gewalt. Darunter fallen Beleidigungen, Demütigungen, Erniedrigungen, Drohungen sowie Kontrollen oder Verbote. Obwohl die Schweiz 2017 die Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt mitunterzeichnet hat, ist diese nicht umgesetzt. So fehlen zum Beispiel sehr viele Schutzplätze. Die Istanbul-Konvention verlangt pro 10 000 Einwohnerinnen und Einwohner ein Familienzimmer. Doch der Blick in die Frauenhäuser ist ernüchternd: Aktuell sind in der Schweiz 77 Prozent zu wenig Zimmer vorhanden. «Es braucht einen stärkeren politischen Willen, sich für spezifische Schutzunterkünfte mit ausreichenden Plätzen einzusetzen, um allen Opfern von Gewalt und ihren Kindern Schutz zu gewähren», so Berisha.

 

Wie akut die Lage ist, zeigt auch die Entwicklung im laufenden Jahr. In den ersten drei Monaten wurden in der Schweiz bereits sechs Frauen ermordet, weil sie Frauen sind. Alle zwei Wochen wird eine Frau von ihrem Ehemann, Lebensgefährten, Ex-Partner, Bruder oder Sohn getötet.

HILFE FÜR BETROFFENE

Die Rechercheplattform «Stop Femizid» erfasst alle bekannten Femizide in der Schweiz bereits über mehrere Jahre. Wer von häuslicher Gewalt weiss oder selbst betroffen ist, findet auf der Website Hilfe. Mehr Informationen unter: stopfemizid.ch.

 

 

HÄUSLICHE GEWALT IST NICHT PRIVATSACHE

«Kommt es zu häuslicher Gewalt in Familien, leiden die Kinder extrem darunter. Das wird oft vergessen», sagt Berisha. Deshalb ist Gewaltprävention gerade an Schulen sehr wichtig. Kinder, die in gewaltvollen Haushalten aufwachsen, müssen aufgeklärt werden, damit sie selbst nicht Gewalt ausüben oder tolerieren. Weitere wichtige Präventionsarbeit ist laut Berisha auch die Opfer- sowie Täterarbeit. Gewaltbetroffene brauchen Gerechtigkeit – auch ausserhalb des Strafrechts. Deshalb sind Einsicht sowie Entschuldigung von den Tätern enorm wichtig.

 

Zudem brauche es bei den Behörden – spezifisch bei der Polizei – mehr Aufklärung beim Thema häusliche Gewalt. Berisha sagt: «Es ist fatal, wenn Täter bereits aus früheren Gewaltanwendungen bei den Behörden bekannt sind und es trotzdem zu Femiziden kommt.» Denn klar ist: häusliche Gewalt ist nicht Privatsache, nur weil es in den eigenen vier Wänden passiert. Auch strafrechtlich nicht. Ein grosser Teil der Vorfälle von häuslicher Gewalt sind Offizialdelikte, das heisst, die Polizei muss von Amtes wegen die Tat verfolgen. Darunter fallen unter anderem Körperverletzung, Drohungen, Sexualdelikte.

 

BLICK INS AUSLAND

 Blickt man in unsere Nachbarländer, ist die Situation ähnlich prekär wie hierzulande. Ende Februar vermeldeten die österreichischen Medien innerhalb von vier Tagen sechs Morde an Frauen. Die Altersspanne der Opfer könnte nicht grösser sein. In einem niederösterreichischen Vorort wurde eine 84jährige Frau von ihrem 93jährigen Lebensgefährten erschossen. Wenige Tage später erwürgte ein Vater seine 13jährige Tochter.

 

In Italien sprechen die Zahlen der Femizide ebenfalls für ein massives Gewaltproblem: Jeden dritten Tag wird eine Frau ermordet. Bei der Hälfte der Femizide ist der Täter der Ex-Partner oder Partner. Bereits seit mehreren Monaten bildet sich in Italien eine feministische Bewegung gegen die Frauenmorde im Land. Ins Rollen brachte dies der Mord an einer Studentin, der im vergangenen Dezember vorgefallen ist. Der Mord an der 22jährigen durch ihren Partner wurde sogar auf Video festgehalten (work berichtete: rebrand.ly/femiziditalien).

 

Ein ähnlicher Fall ereignete sich im vergangenen Jahr in Bosnien und Herzegowina (work berichtete: rebrand.ly/femizidbalkan). Auch in diesem Fall filmte der Täter den Mord an seiner Ehefrau. Der Femizid löste auf dem Balkan eine Protestwelle aus. In Kroatien fruchteten die Proteste: Mitte März stimmte das Parlament einer Änderung im Strafgesetzbuch zu. Die geschlechtsbezogene Tötung von Frauen ist künftig ein eigenständiger Straftatbestand. Dringend nötig, wie aktuelle Ereignisse in der kroatischen Hauptstadt Zagreb zeigen: Anfang April berichteten mehrere kroatische Medien von zwei Femiziden an einem Tag.

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