Jetzt wollen Sabine Kalin und Viktor Szabo endlich ihren Lohn
«Schluss mit dem Bschiss!»

Krasses Foul auf der Baustelle: Ausgerechnet beim Hausbau von Ex-Fussballprofi Blerim Džemaili zahlt eine Ostschweizer Firma die Löhne nicht aus. Jetzt gehen vier Büezer und eine Sekretärin vor Gericht.

JETZT REICHT’S! Sekretärin Sabine Kalin und Metallbauer Viktor Szabo wollen von der AMA Baumanagement GmbH endlich ihren Lohn. (Foto: Stephan Bösch)

 

Metallbauer Viktor Szabo aus Romanshorn TG ist masslos enttäuscht von Maxamed C., genannt Momo. Seit mehr als zehn Jahren kenne er C. jetzt schon: «Wir haben oft zusammen Billard gespielt. Er war ein herzlicher und hilfsbereiter Mensch. Aber jetzt…»

Das Unheil begann im letzten Herbst mit einer neuen Stelle. In der Baufirma AMA von Maxamed C., die dieser allerdings kürzlich verkauft hatte. Die neuen Eigentümer, Bosko B. und Philipp G., boten Szabo einen Job an. Stundenlohn 40 Franken, 42 Stunden pro Woche, unbefristeter Arbeitsvertrag. Klingt gut, dachte Szabo, und unterschrieb. Die Baustelle war in Kilchberg am Zürichsee, ein fünfstöckiges Mehrfamilienhaus. Ab September montierte Szabo dort Balkon- und Treppengeländer sowie Fensterrahmen.

FUSSBALLSTAR: Blerim Dzemaili (Foto: Keystone)

Schon bald merkte der 38jährige: Bauherrin des Neubaus ist  die Dzemaili Services AG. Diese gehört zu je 50 Prozent dem Fussballstar Blerim Džemaili und dessen Bruder. Nach seiner Rückkehr zum FC Zürich war der Fussballer zum dritten Mal Schweizer Meister geworden und beendete letztes Jahr seine Profikarriere. Nach seinen Zukunftsplänen gefragt, sagte der Džemaili Ende Jahr im «Blick»: «Im Moment baue ich mein Haus in der Nähe von Zürich fertig.»

Metallbauer trifft Mittelfeldspieler

 

Ja, er habe den Fussballstar dort getroffen, sagt Metaller Szabo. Freundlich und «ganz korrekt» sei die Familie gewesen. Anders als sein Arbeitgeber, die AMA Baumanagement GmbH. Denn Szabo hat bis heute keinen Rappen Lohn erhalten. Eine Berechnung der Unia zeigt: Die AMA schuldet ihm gegen 30 000 Franken. Mindestens vier andere Mitarbeitende der Firma warten ebenfalls bis heute auf ihre Löhne.

Die alten und neuen Besitzer hätten sich gegenseitig beschuldigt, Geld aus der Firma abgezogen zu haben, sagt Szabo. Das Handelsregister bringt ans Licht: In den letzten drei Jahren wechselten die Eigentümer der Firma nicht nur einmal, sondern viermal. Zudem wechselte die AMA zweimal ihren Zweck und einmal den Kanton. Maxamed C. wurde zunächst Mit- und dann alleiniger Besitzer, bis er im Mai 2023 die Firma verkaufte – um sie kurz vor Ende Jahr wieder zurückzukaufen. Warum, bleibt unklar. Weder bei der Firma noch auf C.s Handynummer antwortet jemand auf Anrufe.

Sekretärin Sabine Kalin arbeitete seit Mai 2023 Teilzeit im Büro der AMA. In den ersten Monaten habe sie den Lohn noch erhalten, allerdings nie pünktlich, berichtet sie. Chaotisch sei es in der Firma zu- und hergegangen. Ab August sei es noch schlimmer geworden. Anstatt des ganzen Lohns seien nur noch Bruchteile ausgezahlt worden – in bar: «Manchmal haben sie uns ein paar Nötli verteilt. Und erwarteten dann, dass wir dafür dankbar waren.» Ab Oktober 2023 bekam auch sie gar keinen Lohn mehr.

Die alleinerziehende Mutter musste beim Sozialamt anklopfen und wird seither von ihrer Gemeinde unterstützt. Heilfroh sei sie darüber, sagt sie. Metallbauer Szabo sagt, er habe zuerst seine finanzielle Reserve aufgebraucht und Sachen verkauft, die er nicht mehr brauche. Dann hätten ihm seine Schwester und ein Kollege Geld gepumpt. «Aber für die Dezembermiete hat auch das nicht mehr gereicht.» Da ging auch er aufs Sozialamt und bekam ein Darlehen. Seit Januar hat er eine neue Stelle, wieder im Metallbau. «Deshalb kann ich das Geld bald zurückzahlen.»

 

Gegen 100 000 Franken Löhne eingesackt

 

Viel zu lange habe er C. und den anderen Verantwortlichen geglaubt, sagt Viktor Szabo heute. «Noch im November sagte er mir: Ich organisiere dein Geld! Aber am Schluss haben sie uns alle verarscht.» Im Dezember hatte er die Nase voll und wandte sich an die Unia, die seither ihn und vier andere Geschädigte unterstützt. Gesamthaft dürften es gegen 100 000 Franken sein, die ihnen die AMA bis heute schuldet.

Derzeit ist unklar, ob bei der Firma noch genügend Geld zu holen sei. Falls nicht, muss der Generalunternehmer blechen – wenigstens den Mindestlohn laut dem Metallbau-Gesamtarbeitsvertrag. Das ist die sogenannte Solidarhaftung für das Baugewerbe, die seit 2013 im Gesetz steht.

 

Wer übernimmt die Verantwortung?

 

Generalunternehmerin für den Džemaili-Bau ist die Immobasis. Die Zürcher Firma verspricht auf ihrer Website: «Wir übernehmen die volle Verantwortung für alle Arbeiten rund um das Bauprojekt.» Zur Verantwortung solcher Unternehmen gehört ­– auch das steht im Gesetz –, die Handwerksfirmen sorgfältig zu prüfen. Und dafür gibt es seit ein paar Jahren das Anti-Dumping-System ISAB: Es zeigt für jede Firma an, wie sie bei GAV-Kontrollen abgeschnitten hat.

Also auch für die AMA Baumanagement. Diese gibt dort an, sie sei, erstens, dem GAV Gebäudetechnik unterstellt, gehöre also zur Heizungs- und Sanitärbranche. Und sie habe, zweitens, keine Mitarbeitenden.

Wie kommt die Immobasis dazu, ausgerechnet die AMA zu engagieren? Eine Firma aus Romanshorn am Bodensee, anderthalb Autostunden entfernt von der Baustelle? Eine Firma mit vielen Besitzerwechseln und null Mitarbeitenden? Hat die Immobasis das ISAB-System überhaupt benutzt? Oder ging es einzig darum, den Auftrag an den Billigsten zu vergeben?

Antworten darauf gibt’s von der Immobasis nicht. Nur ein Schreiben einer Anwältin. Die Firma weise «die Vorwürfe vollumfänglich zurück». Und sie behalte sich rechtliche Schritte gegen «die Behauptungen» vor. Nur eine Frage beantwortet die Firma: Sie habe «kurz vor Weihnachten» erfahren, dass die AMA den Lohn eines Mitarbeiters nicht gezahlt habe. Was sie daraufhin unternommen hat, verrät sie nicht.

Und Blerim Džemaili? work erreicht den Fussballer am Telefon. Er sagt, er habe bis zum vorliegenden Artikel keine Kenntnis von den offenen Lohnansprüchen gehabt und er setze sich dafür ein, dass sämtliche auf der Baustelle der Dzemaili Services AG tätigen Unternehmen und Personen ihren Pflichten nachkämen.

Viktor Szabo, Sabine Kalin und die anderen nehmen jetzt die Sache selber in die Hand. Sie wollen ihre Lohnforderung vor Gericht durchsetzen. Drei von ihnen haben ihre Klagen bereits eingereicht, die Unia hat sie dabei unterstützt. Im April kommt es zur Schlichtungsverhandlung mit der AMA.

 

 

Aktualisiert am 14.02.24, 17.11

 

 

 

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