Dokumentarfilm: Wie aus Arbeitern Ausländer wurden
Am Set mit Samir

Drei Sulzer-Büezer aus Italien ­berichten vor laufender ­Kamera über ihr bewegtes ­Leben. work hat den Zürcher Regisseur ­Samir und seine Crew ­einen ­Drehtag lang begleitet.

Treffpunkt für den Filmdreh: das Res­taurant Cooperativa in Winterthur, das «Copi». Hier gründeten sozialistische Arbeiter 1906 einen Ort für jene, die Heimweh nach Italien hatten. Im Angebot waren Pasta, Salami und Co. zu sehr billigen Preisen. Später kam ein italienisches Restaurant hinzu. Heute noch lebt das «Copi» von der Italianità, im Ausschank gibt’s Campari, Chianti und Crodino.

In diesem Lokal wurde aber nicht nur gut gegessen und getrunken, sondern auch gekämpft. Und zwar für ein besseres Leben der italienischen Einwanderer in Winterthur. Darüber wissen Luigi Fucentese, Francesco Leone und Cosimo Lazzaro genau Bescheid. Und erzählen Filmemacher Samir vor laufender Kamera ihre Geschich­­te. Den Anfang macht Luigi Fucentese (83), heutiger Präsident vom «Copi». «Ich erinnere mich noch so genau ­daran: Als ich im Oktober 1961 in Winterthur ankam, war mir so kalt. Der Temperaturunterschied zu meinem Heimatdorf in der Nähe von Pompei kam mir absurd vor!» Seine dicksten Kleider habe er eingepackt. Aber klar, in Winterthur sei ja «Winter», meint er neckisch.

DUNKLES KAPITEL

Der 83jährige spricht über sein Leben als Arbeiter beim Maschinenbauer Sulzer, wo er 45 Jahre lang chrampfte. Und viele Jahre Chef der Personalkommission war. «Mit der Gewerkschaftsarbeit haben wir Italienerinnen und Italiener einen Weg gefunden, eine Stimme zu haben und uns politisch einzubringen», sagt er. Nicht nur das: Fucentese war Parteimitglied der PSI, der Italienischen Sozialistischen Partei, und hat das ECAP mit­gegründet, ein gewerkschaftsnahes Institut für Erwachsenenbildung. Und heute hält er als Präsident vom «Copi» den Treffpunkt für die italienische Community weiter am Leben.

Mit seinem Dokumentarfilm «Die wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausländer» will Samir die Geschichte der Migrantinnen und Migranten der Schweiz erzählen. Dafür trifft er Gewerkschafterinnen, Politiker und Büezerinnen und Büezer. «Wenn eine Fabrikarbeiterin oder ein Bauarbeiter mir gegenübersitzt und mir die Lebensgeschichte mit all den Tiefen erzählt – das bewegt mich am meisten bei den Dreharbeiten!» Auch Unia-Präsidentin Vania Alleva sprach im Rahmen von Samirs neuem Dokumentarfilm vor seiner Kamera. Als Seconda und Arbeiterkind erzählt sie über ihren Weg an die Spitze der grössten Gewerkschaft des Landes.

Im Film thematisiert Regisseur Samir auch die Fremdenfeindlichkeit, die sich 1970 mit der Schwarzenbach-Initiative zuspitzte – Tausenden Mi­gran­tinnen und Migranten drohte bei einem Ja die Ausschaffung. Die ­Initiative wurde nur knapp abgelehnt. Auch Fucentese erinnerte sich an dieses dunkle Kapitel, denn auch unter den Gewerkschafterinnen und Gewerschaftern gab es Sympathisanten für die radikale Initiative.

EINE EIGENE SPRACHE

Im vergangenen Herbst präsentierte Samir bei einer kleinen Tour erste Ausschnitte. «Wir erzählen die Geschichte von Tausenden Migrantinnen und Migranten», sagt er. Auch bei work war ein kleiner Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm zu sehen: ein Interview mit Frauenstreik-Anfüh­rerin Christiane Brunner.

Als nächster steht Francesco Leo­ne (73) vor der Kamera. Dafür bereitet Samirs Filmcrew eilig das neue Set vor. Sobald Licht, Kamera und Ton stimmen, beginnt Leone zu erzählen. Für den Filmdreh hat er extra ein altes Arbeitstenü angezogen, in verblasster Schrift ist das Logo von Sulzer zu erkennen. Mit 19 Jahren wanderte er nach Winterthur aus. Obwohl er nicht der einzige Italiener bei Sulzer war, gab es Schwierigkeiten, sich zu verständigen. «Alle hatten einen eigenen Dialekt, einige kamen ja auch aus Spanien. Also haben wir eine eigene Sprache erfunden, die alle mehr oder weniger verstanden», sagt er.

TRÄNEN IN DEN AUGEN

Beim letzten Protagonisten, Cosimo Lazzaro (82), steht die Filmcrew lichttechnisch vor Herausforderungen. Langsam geht die Sonne unter, deshalb richten sie draussen vor dem Fenster eine Lichtinstallation als Ersatzsonne ein. Lazzaro blickt auf die 60 Jahre zurück, die er bereits in Winterthur lebt, und auf sein Arbeitsleben bei Sulzer. Er engagierte sich in vielen Vereinen, etwa den «Colonie Libere». Diese wurden von Antifaschisten während des Zweiten Weltkriegs gegründet und setzen sich für ein besseres Leben für italienische Migrantinnen und Migranten in der Schweiz ein. Lazzaro war immer politisch engagiert, einbürgern liess er sich aber nicht. Der Grund: «Ich habe mein ganzes Leben lang hart für dieses Land gearbeitet. Man müsste mir den Schweizer Pass schenken!»

Als Regisseur Samir die Schwarzenbach-Initiative anspricht, erzählt Lazzaro von Rassismus und der Ausgrenzung im Alltag. Urplötzlich wechselt er das Thema, hat Tränen in den Augen. Diese Reaktion kennt Samir ­bereits von anderen Protagonistinnen und Protagonisten: «Viele haben den Rassismus verdrängt und immer versucht, das Positive zu sehen.» Diese persönlichen Geschichten spornen Filmemacher Samir weiter an. Denn: «Wir können nicht die Zukunft ändern, ohne die Vergangenheit zu kennen.»

Preisgekrönter Filmemacher

Filmemacher Samir, geboren 1955 in Bagdad, Irak, kam als Sechsjähriger mit seinen Eltern nach Zürich. Er absolvierte eine Lehre als Typograph, engagierte sich gewerkschaftlich und ist heute als Regisseur tätig. Für seine ­Arbeiten hat Samir zahlreiche Preise erhalten. Sein letzter Film, «Baghdad in My Shadow», wurde im work rezensiert. Der aktuelle Dokumentarfilm ist bis im Sommer fertiggestellt und feiert am 1. September 2024 Premiere in den Kinos.

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