Streik im Stadion der Olympischen Spiele 2024
Sans-papiers legen Olympia-Baustelle in Paris lahm

Präsident Emmanuel Macron will sich mit den Olympischen Spielen ein ­Denkmal setzen. Dazu braucht er Heerscharen von Sans-papiers. Das nutzen diese nun zu ihren Gunsten.

Im scheinwerferlicht: Auf der «Arena Adidas»-Baustelle haben Sans-papiers gestreikt und einen Blitzsieg errungen! (Foto: Bouygues Bâtiment – Île-de-France)

Morgens um 6 Uhr traten die Unsichtbaren ins Licht der Scheinwerfer. Sie, die keine regulären Papiere besitzen, von der Polizei gejagt werden, versteckt leben müssen, aber die französische Wirtschaft und den Service public am Laufen halten und dabei übelst ausgebeutet werden. Denn offiziell gibt es sie gar nicht (obschon sie Steuern und Sozialabgaben bezahlen). Zurzeit richten sie Paris für die Olympischen Sommerspiele 2024 her.

An jenem frühen Morgen im Oktober legten sie ihre Arbeit nieder, und ein paar Hundert Papierlose besetzten die Baustelle der Olympia-«Arena Adidas» am nördlichen Pariser Stadtrand, begleitet von der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft CNT-SO, weiteren Gewerkschaften und etlichen Papierlosen-Kollektiven. Sie verlangten die Regularisierung, das Ende der amtlichen Heuchelei. Sie riefen: «Ohne Papiere kein Olympia!» Ihr Transparent verkündete: «Immigranten stoppen die Olympischen Spiele.»

Sogleich wurde im Elysée-Palast die höchste Alarmstufe ausgerufen. Präsident Emmanuel Macron hat «Paris 2024» zu seiner ganz grossen Sache erklärt, über die er persönlich mit harter Hand wacht. Die Olympiade soll zur Weltshow des Präsidenten werden, zu seinem und Frankreichs Glanze, mit einer Eröffnungszeremonie auf der Seine, über eine Strecke von 12 Kilometern, gegen die Disney und Hollywood vereint schlappes Dorftheater sind.

Frankreichs Innenminister befahl den Polizisten, Paris von Clochards zu säubern.

SOZIALE SÄUBERUNG

Dafür wird in und um Paris viel gebaut und mit eisernem Besen gefegt. Macrons Innenminister Gérald Darmanin, der in diesen Tagen nebenbei ein besonders brutales Immigrations- und Asylgesetz durchpeitscht, befahl seinen Polizistinnen und Polizisten, Paris von Obdachlosen, Drogenkonsumenten, Strassenkindern, Clochards, Musikantinnen, Schaustellern usw. zu säubern. Er lässt Bussen und Verurteilungen regnen und dekretierte: «null Kriminalität» vor und während der Spiele. Dafür sorgen 30 000 «Flics». Notunterkünfte werden geleert, und bereits sind 1500 Familien irgendwohin in die Provinz geschickt worden. Ein Quartier in der Banlieue wurde abgerissen, um Platz für Olympia-Unterkünfte zu schaffen. Eine geschasste Bewohnerin: «Bei dieser Party wollen sie unsere ­Gesichter nicht sehen.» Im Pariser Norden sind Armenküchen und Lebensmittelausgaben verboten. Die Hilfsorganisationen befürchten «eine soziale Säuberung». Dafür wurden die Ladenöffnungszeiten stark erweitert, Sonntage eingeschlossen.

Ein Sondergesetz hebelt Grundrechte aus und gibt der Polizei mehr Macht.

TOTALE ÜBERWACHUNG

Es ist eine irrsinnige Veranstaltung. Der Historiker Johann Chapoutot, Professor an der Elite­universität Sorbonne, sieht in den Olympischen Spielen eine «Dystopie der totalen Überwachung und des grenzenlosen Konsums für das 21. Jahrhundert». Ein Sondergesetz, im März erlassen, hebelt Grundrechte aus, gibt der Polizei nie gekannte Vollmachten, erlaubt fast grenzenloses Bespitzeln und Bestrafen, Kameras, vorsorgliche Verhaftungen und einiges mehr. Unwahrscheinlich, dass dieser Unterdrückungsapparat nach den Spielen wieder abgebaut wird. Er ist bereits Normalität.

Er akzeptiere nur «den totalen Erfolg», sagte Macron. Als da im Oktober die Unsichtbaren riefen «Wir sind da!», rasten sofort Emissäre des Staates, der Stadt und der rund 30 Unternehmer und Subunternehmer in die «Arena Adidas». Die Verhandlungen waren brutal, erzählt Bauarbeiterin Valérie, aber sie endeten mit einem Blitzsieg: Die Unsichtbaren bekommen Papiere. Doch sie wollen mehr, mindestens die Legalisierung sämtlicher Papierlosen auf allen OIympia-Baustellen. Also besetzten sie am nächsten Morgen eine Agentur des Temporärvermittlers Adecco.

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