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Gewaltbetroffene Frauen haben die Wahl – zwischen Pest und Cholera

Ämter und Behörden schützen Frauen nicht vor gewalttätigen Partnern. Rechtsanwältin Asha Hedayati erlebt das tagtäglich. Besonders gefährdet sind Mütter, die finanziell von ihren Partnern abhängig sind.

AUTORIN ASHA HEDAYATI: «Der Staat ist nicht nur oft untätig, sondern stützt durch seine Untätigkeit die Gewalt gegenüber Frauen sogar noch systematisch.» (Foto: ZVG)

Staatliche Strukturen schützen gewalttätige Männer, statt betroffenen Frauen zu helfen. Das zeigt das neue Buch «Die stille Gewalt» von Rechtsanwältin Asha Hedayati auf. Sie beschreibt aufrüttelnde Schicksale direkt aus dem Gerichtssaal.

Im Einstieg des Buches zählt Hedayati schockierende Fakten auf: In Deutschland wurden im Jahr 2021 insgesamt 115 314 Frauen Opfer von Gewalt, davon wurden 113 ermordet. In der Schweiz wurden 2021 26 Frauen getötet. Rechnet man die Femizide auf die Bevöl­kerungsgrösse herunter, so wurden in der Schweiz prozentual um ein Viel­faches mehr Frauen ermordet. In der Schweiz wird alle zwei Wochen eine Frau durch ihren Ehemann, Lebensgefährten, Ex-Partner, Bruder oder Sohn getötet. Und jede Woche erlebt eine Frau ­einen Femizid-Versuch.

Das grosse Problem laut der Autorin: Gewalt gegen Frauen wird noch immer als privates Pro­blem gesehen. In solchen Fällen heisse es dann oft, das Paar habe «Eheprobleme», der Mann ein «Agressionsproblem» oder die Frau schlicht die «falsche Wahl» bei der Partnersuche getroffen.

Gewalt gegen Frauen wird noch immer als privates Problem gesehen.

GEWALT ODER ARMUT

Die Rollenverteilung in unserer Gesellschaft begünstigt gewaltvolle Beziehungen. Besonders die wirtschaftliche Gewalt ist tief verankert. Viele Frauen sind finanziell abhängig von ihren Partnern. Teilweise haben sie keinen Einblick in die gemeinsamen Finanzen. Noch prekärer ist die ­Situation bei Müttern, die nach der Schwangerschaft Teilzeit arbeiten oder ganz zu Hause ­bei den Kindern bleiben müssen, weil sich das «mehr lohnt».

Die unbezahlte Care-Arbeit ist für Frauen eine enorme Belastung. «Die gleichrangige Verteilung und Übernahme von Care-Arbeit ist für die Verbesserung der ökonomischen Situation der Frau zentral», so Hedayati. Die finanzielle Abhängigkeit erschwert die Trennung vom gewalt­tätigen Partner. Mit ihrem eigenen, tiefen Einkommen können sich Frauen weder eine Wohnung noch ein würdevolles Leben für sich und die Kinder leisten. Sie haben also die Wahl zwischen Pest und Cholera: Gewaltbeziehung oder Armut.

ERST TRENNUNG, DANN ABSCHIEBUNG

Sich aus einer gewaltvollen Beziehung zu lösen ­erfordert Kraft und Mut. Einige Fälle der Rechtsanwältin zeigen: Trennen sich die Frauen, nimmt die Gewalt durch ihre Expartner zu. So hatte ­Hedayati eine Mandantin vertreten, die von ihrem Exmann bei einem Treffen zur Übergabe der Kinder massiv verletzt wurde. Sie fotografierte ihre Verletzungen, Würgemale und blauen Flecken und zeigte ihn an. Weil ihr Expartner die Tat bestritt und Aussage gegen Aussage stand, wurde das Verfahren eingestellt.

Besonders prekär ist die Situation für Frauen, die um ihren Aufenthaltsstatus bangen müssen. Ist ihr Aufenthaltsrecht mit der Gewaltbeziehung verbunden, droht bei einer Trennung die Abschiebung. Weiter leiden auch migrantische Frauen aus Gewaltbeziehungen nicht nur unter ihrem Partner, sondern auch an rassistischem Verhalten von Behörden und Ämtern. Diese nehmen die ­Anliegen der Frauen nicht ernst und schieben die ausgeübte Gewalt auf die Kultur ihrer Herkunftsländer. Dabei zeigt das Buch deutlich: Gewalt in Beziehungen findet in allen sozialen Schichten statt. Unabhängig von Herkunft, Alter, politischer Ausrichtung oder Bildungsstand.

Für Hedayati ist die Gewalt an Frauen und das tatenlose Zusehen des Staates eine Menschenrechtsverletzung: «Frauen, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind, erleben Verletzungen ihrer elementaren Grundrechte.» Doch die Autorin kennt Lösungen: mehr Gewaltprävention sowie mehr Frauenhäuser und Anlaufstellen für Betroffene. Hedyati gelingt es, anhand von Beispielen ­ihrer eigenen Mandantinnen ein detailliertes Bild zu zeichnen. Eine aufwühlende ­Lektüre.

ASHA HEDAYATI, geboren 1984 in Teheran, ist Rechtsanwältin in Berlin. Seit fast zehn Jahren ist sie im Bereich Familienrecht tätig. Ihr Schwerpunkt: Sie vertritt Frauen in Scheidungs-, Elternschafts- und Gewaltverfahren. Weiter ist sie als Gastdozentin tätig und bildet Sozialarbeiterinnen von Frauenhäusern und Beratungsstellen aus. Das Buch «Die stille Gewalt» ist ihr erstes Werk.

Asha Hedayati: Die stille Gewalt. Wie der Staat Frauen alleine lässt. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2023, ca. Fr. 30.–.

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