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«Fallen Leaves»: Eine bittersüsse Romanze in der kalten Arbeitswelt

Eine Kassierin in Weltuntergangsstimmung. Ein Metallarbeiter mit Karaoke- und Alkoholproblem. Zwei Liebende, die sich finden – auf Ab- und Umwegen. Das ist das neuste Meisterwerk des finnischen Kultregisseurs Aki Kaurismäki.

KURZ VOR GLÜCK: Verkäuferin Ansa gibt Holappa ihre Telefonnummer, doch als er sie anrufen will, ist der Zettel weg – und die Hoffnung auf ein Wiedersehen schwindet. (Foto: The Match Factory)

Holappa arbeitet in einer Metall­fabrik im Hafen von Helsinki. Seine Büez ist schweisstreibend und ungesund. Für die Bearbeitung der Metallstücke muss er in einen Ganzkörperanzug steigen und sieht darin aus wie ein Astronaut. Auf die Dauer hält er das nicht aus ohne Alkohol. Den Flachmann hat er stets griffbereit im Spind. Freitags geht er mit einem Freund ins Karaoke-­Lokal, wo er weitertrinkt. Bier, Schnaps und Wodka. So trist sieht sein Leben aus.

Nicht viel besser ergeht es Ansa. Sie arbeitet in einem Supermarkt als Kassierin. Wortlos scannt sie die Waren der Kundschaft ein. Abends sitzt sie allein zu Hause. Das Radio im karg ein­gerichteten Wohnzimmer bringt News vom Ukrainekrieg, nichts anderes. Fast nicht zum Aushalten. Auch Ansas Leben ist öde und unerfüllt. Sie wartet aufs Glück, das einfach nicht kommen will.

Der Film ist eine Ode an die kleinen Leute, die sich durchs Leben schlagen.

BLUTIGES DATE

Bis der Zufall Ansa und Holappa zusammenbringt. Erst tauschen sie nur verschämt einige Blicke aus. Doch daraus wächst mehr. Es wäre aber kein Kaurismäki, stünde nicht ein tragikomischer Hindernislauf an, bis die beiden zueinanderfinden. So geht das Paar in spe ins Kino und schaut sich einen Zombie-Film an. Viel Blut für Frischverliebte, doch das scheint ihnen nichts auszumachen. Zu gehemmt sind beide, um sich im Dunkeln auch nur an der Hand zu nehmen.

Das Verhängnis beginnt, als ­Holappa den Zettel verliert, auf den Ansa ihre Telefonnummer geschrieben hat. Vergeblich wartet sie zu Hause auf seinen Anruf, während er abends vor dem Kino herumsteht in der Hoffnung, Ansa zufällig wieder zu treffen. Dann schmeisst Holappa angesichts eines schikanösen Chefs den Job hin und verdingt sich auf dem Bau, wo er aber bald entlassen wird, weil er heimlich trinkt. Auch Ansa verliert ihre Stelle im Supermarkt, nur weil sie ein abgelaufenes Sandwich mitnimmt, statt es nach Vorschrift wegzuwerfen. Wenig später sieht man Ansa in einer Bar Gläser abwaschen, bis der Besitzer, ein Gauner, von der Polizei abgeführt wird. Darauf verrichtet sie in einer Giesserei Schwerarbeit. Die moderne Arbeitswelt ist unmenschlich, kalt und grausam. Jedenfalls für solche, die ganz unten sind. Wie Ansa und Holappa.

GLAS UM GLAS

Dann aber dreht sich das Glücksrad doch noch. Jedoch erst, nachdem Holappa dem Alkohol abgeschworen hat. Ansa will keinen, der trinkt. Ein schwieriges Unterfangen in der finnischen Männerwelt, die – in Kaurismäkis Augen – vorwiegend aus schrägen Typen besteht, die herumsitzen, Glas um Glas leeren und dabei kein Wort sagen. Dann landet Holappa auch noch kurzfristig im künstlichen Koma, nachdem ihn ein Tram überfahren hat. Die Liebe zu Ansa holt ihn zurück ins Leben. Ein Happy End ganz nach Kaurismäki-Art.

Der finnische Kultregisseur präsentiert uns mit «Fallen Leaves» seinen mittlerweile zwanzigsten Spielfilm. Ein Juwel, in dem alles drin ist, was ihn auszeichnet: Tragikomik, Melancholie, Einsamkeit und Bitternis, viel Kritik am entfremdeten Leben, aber auch viel Menschlichkeit und ein Existentialismus, der Mitleid und Hoffnung weckt.

In Cannes erhielt der Film im vergangenen Mai den Preis der Jury. Kaurismäkis Ode an die einfachen Leute, die sich durchs Leben schlagen und das kleine Glück suchen, welches das Schicksal für sie bereithält, ist zum Lachen und zum Weinen, zum Grübeln und Sinnieren. Typisch Kaurismäki eben. So wie es ihm keiner nachmacht.

Fallen Leaves, ab 7. September in den Kinos.

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