Temperatur-Tortur in Warenhallen und Laden-Filialen
Gnadenlose Gluthitze unter dem Glasdach

Innentemperaturen von knapp 30 Grad: Für Verkäufer und Logistike­rinnen können Hitzetage zur Qual werden. Doch eine verbindliche Norm dazu, welche Temperatur noch zulässig ist, gibt es hierzulande nicht.

WIE IM TREIBHAUS: In der Jumbo-Filiale in Meyrin GE brennt die Sonne durch das Glasdach direkt auf die Kassen der Gartenabteilung. Für die Mitarbeitenden schier unerträglich. (Foto: PD)

Diesen Sommer kam die Hitze früh: Schon Mitte Juni wurde es über 30 Grad heiss – in Chur sogar 35 Grad. Im Juli ­folg­­te eine zweite Hitzewelle mit Spitzenwerten bis 37 Grad. Für Bauleute sind solche Temperaturen gefährlich: Es drohen Sonnenstich und Hitzschlag, das Unfallrisiko steigt.

Viele Medien machten über den Sommer die Hitze am Arbeitsplatz zum The­­ma. Meist mit mehr oder weniger originellen Tipps für Menschen, die im Büro arbeiten. Ein Problem sind heisse Temperaturen aber auch für alle, die in unklimatisierten und schlecht isolierten Räumen arbeiten müssen – etwa in Logistikhallen oder grossen Verkaufszentren wie Baumärkten. Im Hauptlager von Digitec Galaxus, dem grössten Online-Händler der Schweiz, kämpfen Mitarbeitende wegen der Hitze regelmässig mit Übelkeit oder Kreislaufproblemen.

Das Problem: Diese Hallen sind in der Regel aus Blech gebaut – und heizen sich an der Sonne gnadenlos auf. Und die meisten Mitarbeitenden darin sitzen nicht am Schreibtisch, sondern sind oft stundenlang auf den Beinen. Sie wären also erst recht angewiesen auf eine Temperatur am Arbeitsplatz, die nicht gesundheitsschädigend ist.

ImVerkauf sollte die Temperatur am Arbeitsplatz zwischen 18 und 21 Grad liegen.

«EINE ZUMUTUNG»

Zum Beispiel in der Jumbo-Filiale in Meyrin bei Genf. Während der Hitzewellen war es im Inneren gegen 30 Grad heiss. Mehr noch: Am Nachmittag brannte die Sonne durch das Glasdach direkt auf die Kassen der Gartenabteilung. In der französischsprachigen Unia-Zeitung «Événement» sagt ein Jumbo-Mitarbeiter: «In dieser Hitze zu arbeiten ist eine Zumutung. Zudem spiegelt das Licht so stark, dass wir den Bildschirm der Kasse nicht mehr lesen können.»

KLARE REGELN IN DEUTSCHLAND

Wie heiss darf es am Arbeitsplatz sein? In Deutschland ist die Frage gesetzlich geregelt: In Innenräumen sollen Arbeitgeber bereits ab 26 Grad etwas gegen die Hitze unternehmen. Ab 30 Grad sind sie zwingend zu Massnahmen verpflichtet. Und in Räumen mit über 35 Grad darf nicht gearbeitet werden.

Im Schweizer Recht gibt es keine solchen Obergrenzen. Das Arbeitsgesetz verpflichtet aber Betriebe dazu, «alle Massnahmen» zu treffen, die zum Schutz der Gesundheit «notwendig, anwendbar und angemessen» sind. Das Raumklima muss zudem «der Art der Arbeit angemessen» sein. Für «leichte bis mittelschwere» Arbeit wie den Verkauf hält das Seco in ­einer Wegleitung fest: Die günstige Temperatur liegt zwischen 18 und 21 Grad – während Hitzeperioden müssten allerdings auch höhere Temperaturen «toleriert» werden.

Mehr nützen als Ventilatoren würden Sonnenstoren.

MEHR PAUSEN – ABER NICHT FÜR ALLE

In Meyrin liess Coop-Tochter Jumbo Ventilatoren und gekühltes Wasser für die Mitarbeitenden bereitstellen, erlaubte das Tragen von kurzen Hosen sowie zusätzliche Pausen – letztere allerdings nicht für Mit­arbeitende an der Kasse. Sie dürfen ihren Posten nur verlassen, wenn es der Chef erlaubt. Hinter den Kassen liess der Filialleiter zudem ­einen Sonnenschirm aufstellen – «ungenügend», befand der zitierte Mitarbeiter.

Laut Christine Michel, Unia-Expertin für Arbeitssicherheit, greifen diese Massnahmen zu kurz, zumindest für die Leute an der Kasse: «Sie lösen das Problem nicht wirklich, machen höchstens die Hitze ­erträglicher.» Sinnvoller, so Michel, wäre eine technische Lösung – etwa eine Klimaanlage oder Sonnenstoren am Glasdach: «Das käme allen zugute, weil es verhindern würde, dass es in der Filiale überhaupt so heiss wird. Problem gelöst.»

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