Den Pflegeberuf attraktiver machen: Ein Spital im Kanton Zürich zeigt, wie das geht
Das Wagnis von Wetzikon ist gelungen – vorerst

Zehn Prozent weniger arbeiten für den gleichen Lohn: So will das Spital Wetzikon ZH den Pflege­notstand entschärfen. Die Bilanz nach einem Jahr: vorsichtig positiv.

MUTIGER SCHRITT: Das Spital Wetzikon gönnt den Pflegenden mehr freie Tage. Die Zahl der Abgänge und Absenzen sinkt. (Foto: PD)

Die 260 Pflegerinnen und Pfleger des Spitals Wetzikon im Zürcher Oberland haben jetzt mehr Zeit, um sich zu erholen. Sie können 24 zusätzliche freie Tage pro Jahr beziehen. Denn vor einem Jahr hat der Betrieb die Arbeitszeit um zehn Prozent gesenkt, und zwar bei gleichem Lohn.

Die gemeinnützige Ak­tiengesellschaft (vollständig im öffentlichen Besitz) reagierte damit auf die zahlreichen Abgänge: In den zwei Jahren zuvor hatten 17 Prozent der Pflegenden die Intensivstation und fast 35 Prozent die Notfallstation verlassen. Viele von ihnen wegen körper­licher oder psychischer Beschwerden, verursacht durch die hohe Arbeitsbelastung.

Weil Fachkräfte in der Pflege rar sind, musste das Spital die Lücken mit Temporärkräften stopfen. Doch die vielen Wechsel haben laut Geschäftsführer Matthias P. Spielmann die Qualität verschlechtert. Zudem kosten Temporäre in der Pflege fast 40 Prozent mehr als festangestelltes Personal.

Die Verkürzung der ­Arbeitszeit liess sich das Spital einiges kosten: Es stellte 26 zusätzliche Vollzeitpflegekräfte ein. Gegenüber der Tessiner Unia-Zeitung «area» sagte Spitalsprecherin Janine Wächter, man betrachte diese Mehrausgaben nicht als Kosten, sondern als Investition: «Mit Mitarbeitenden, die dem Haus treu bleiben, müssen wir nicht auf teure Aushilfskräfte zurückgreifen.»

«Wir erhalten jetzt viel mehr Bewerbungen.»

WENIGER AUSFÄLLE

Nach einem Jahr sei die Bilanz positiv: «Jetzt verlassen weniger Pflegende den Betrieb. Auch die krankheitsbedingten Ausfälle sind zurückgegangen.» Gesunken, aber «noch zu hoch», sei der Anteil der Temporären. Dafür erhalte das Spital jetzt viel mehr Bewerbungen: «Vorher gab es Wochen und Monate, in denen wir auf Stelleninserate keine einzige Rückmeldung bekamen.»

Samuel Burri, Verantwortlicher Pflege bei der Unia, sagt zum Wetziker Modell: «Es ist ein spannendes Experiment. Es zeigt, dass der Exodus in der Pflege entschärft werden kann, wenn die Arbeitsbedingungen attraktiver gestaltet werden.» Genau dies forderte die Pflegeinitiative. Sie wurde im November 2021 angenommen, wird aber zu langsam umgesetzt.

NOCH BIS ENDE JAHR

Das findet auch Spitalsprecherin Wächter – und räumt ein: «Unsere Lösung hat einen Nachteil. Sie erlaubt es der Politik, wichtige Entscheidungen aufzuschieben. Etwa eine Erhöhung der Tarife für die Pflege. Denn mit den heutigen Tarifen lässt sich unser Modell auf Dauer nicht finanzieren.» Vorerst läuft dieses Modell in Wetzikon bis Ende Jahr. Wie es danach weitergeht, ist offen.


Handlungsbedarf Bund muss Tarife anpassen

Das gibt’s selten: eine gemeinsame Erklärung von Gewerkschaften, ­Arbeitgeberverbänden und den Gesundheits­direktorinnen und -direktoren der Kantone. Doch angesichts des drama­tischen Fachkräftemangels in Spitälern, Heimen und Spitex ­haben sie sich zu gemeinsamen Grundsätzen verpflichtet. Etwa diesem: «Die Kantone und die Arbeitgeber­verbände anerkennen, dass auch bei den Arbeitsbedingungen Handlungsbedarf besteht.»

MEHR LOHN. Nötig ­seien unter anderem «anforderungsgerechte Löhne» und eine «angemessene Personaldotation». Der Bund müsse ausserdem die Spital­tarife und die Finanzierung der Langzeitpflege anpassen. (che)

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