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Behörden degradieren Armutsbetroffene – auch heute noch!

Zehntausende Kinder und Jugendliche hat die Schweiz unschuldig weggesperrt. 10 Jahre nach der ­offiziellen Entschuldigung für das Unrecht ist Behördengewalt für Armutsbetroffene jedoch keineswegs Geschichte. Im Gegenteil.

DRÜCKENDE NOT: Wer in Armut lebt, gerät schnell in Verdacht, selber schuld zu sein, und läuft Gefahr, in soziale Isolation zu geraten. (Foto: Keystone)

Vor zehn Jahren war es so weit: Der Bundesrat entschuldigte sich bei den Menschen, die jahrzehntelang ohne Gerichtsurteil administrativ versorgt worden waren: Verdingkinder, Leute aus ärmlichen Verhältnissen, Unangepasste jeglicher Art. Bis ins Jahr 1981 wurde rund 60’000 Betroffenen die Freiheit genommen, wie Studien zeigen. Ex-Bundesrätin Simonetta Sommaruga sagte: «Das darf nie wieder passieren!»

Doch die Folgen dieser menschenrechtswidrigen Politik sind bis heute spürbar. Weit über 700’000 Personen gelten heute in der Schweiz als arm, haben also maximal 2289 Franken im Monat zur Vefügung. Viele leben aber schon seit Generationen in Armut. Warum ist das so? Dieser Frage und vielen mehr ging ein vom Bund unterstütztes Studienprojekt nach, das im Anschluss an die bundesrätliche Entschuldigung startete. Die ­Resultate liegen jetzt vor.*

Wer Rechte geltend macht, gilt schnell einmal als aggressiv.

KRÄFTEZEHREND

Das Besondere daran: Es ist keine Studie über Armutsbetroffene, sondern mit ihnen. Sie wirkten mit und konnten ihre Erfahrungen direkt einbringen. Fachleute aus der Sozialpraxis und der Wissenschaft hörten ihnen zu. Diese Methode nennt sich «Wissen-Kreuzen»: Alle Beteiligten sprechen auf Augenhöhe und bringen ihr Wissen ein mit dem gemeinsamen Ziel, Armut, ihre Ursachen und Mechanismen besser zu verstehen.

So berichteten Betroffene, wie es ist, mit minimen Mitteln leben zu müssen: «Wir müssen nicht nur kämpfen, damit es uns bessergeht. Wir müssen stärker sein als Leute, deren Leben sozu­sagen normal verläuft.» Andere schilderten ihren kräftezehrenden Kampf mit der Sozialbürokratie und wie sie andauernd gegen Unverständnis ankämpfen müssen: «Dieses Unverständnis ermüdet. Und es ist nicht ein Büro, mit dem wir es zu tun haben, es sind mehrere Büros, mehrere Systeme(work berichtete)

Armutsbetroffene begegnen tiefsitzenden Vorurteilen. Viele finden, Arme seien selber schuld an ihrer Misere. In der Leistungsgesellschaft wird Armut individualisiert. So bleiben die Bedingungen unbeachtet, die Armut erst erzeugen. «Diese Unkenntnis schafft Raum für das Beibehalten von abwertenden Stereotypen gegenüber Menschen, die in Armut leben», heisst es im Bericht.

ATD Vierte Welt: Mehr Würde für Arme

Nicht nur Caritas kümmert sich um Armut und ­Armutsbetroffene. Das tut auch die Bewegung ATD Vierte Welt, die in der Deutschschweiz weniger ­bekannt ist. Sie führt ein nationales Zentrum in Treyvaux FR. Mit ATD ist «All Together for Dignity» (Gemeinsam für die Würde aller) gemeint. ATD kommt ursprünglich aus Frankreich, wurde 1975 vom sozial engagierten katholischen Priester ­Joseph Wresinski gegründet und ist heute in vielen Ländern tätig.

GEÄCHTET UND ISOLIERT

Als grosses Problem stellte sich heraus, dass Behörden Armutsbetroffene kaum für voll nehmen. Sie betrachten diese als Abhängige, quasi als Unmündige. Diese Optik beraubt Menschen, die in Armut leben, ihrer Autonomie und zwingt sie in eine Position, wo sie nur gehorchen müssen. Die Scham, als zweitklassiger Mensch zu gelten, hindert viele, die ihnen zustehenden Rechte einzufordern, und hält sie in einer Art sozialer Isolation gefangen. Dies sei, so der Bericht, einer der Hauptgründe für das Fortbestehen von Armut über Generationen hinweg: «Die Isolation beeinträchtigt den Aufbau von Identität und hält die Betroffenen in Scham und Schweigen fest.» Wer trotzdem einmal Rechte geltend macht, wird von Behörden schnell als aggressiv eingestuft und sanktioniert.

Die Studie macht bewusst, wie die Behörden eine Art Gewalt ausüben. Sie billigen den Betroffenen weder eine gleichberechtigte Teilnahme noch Entscheidungsfreiheit zu. Kontrolle statt Ermächtigung zur Eigenständigkeit stünden im Vordergrund. Als Fazit stellt der Bericht eine lange Liste von Verbesserungen auf allen Ebenen vor. Sie reicht von der aktiven Bekämpfung der Vorurteile über regelmässige Armutsmonitorings und Sensibilisierungskampagnen bis hin zur Schaffung von Treffpunkten, wo sich Betroffene austauschen und Mut schöpfen können. Ein Reformprogramm für Jahrzehnte.

* Beziehungen zwischen Institutionen, der Gesellschaft und Menschen in Armut in der Scheiz: Eine Gewalterfahrung, die weitergeht. Schlussbericht des Forschungsprojekts «Armut – ­­Identität – Gesellschaft 2019–2023». Download auf atd.ch

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