Soumia El Garrab (36) über das Elend auf Spaniens Plantagen:
«Wir Pflückerinnen haben ein Hundeleben!»

Erdbeeren immer und überall: Spaniens Agrarindustrie macht es möglich. Mit skrupelloser Ausbeutung. Pflückerin Soumia El Garrab hat es selber erlebt – und kommt auf Aufklärungstour in die Schweiz.

BITTER: Soumia El Garrab hat ihr halbes Leben zum Hungerlohn Erdbeeren gepflückt. (Fotos: MEE / ZVG)

Der Sommer ist noch fern. Aber schon jetzt herrscht in Spaniens Süden extreme Dürre. Verzweifelte Bauern zapfen das letzte Nass aus dem Boden – und beschleunigen damit eine längst angebrochene Entwicklung: ­Europas Gemüsegarten trocknet aus. Heute kommen 3,7 Millionen Hektaren spanische Agrarflächen nicht mehr ohne Bewässerung aus. Ein Gebiet fast so gross wie die Schweiz. Besonders die Monokulturen unter dem Plasticmeer Andalusiens schlucken enorme Wassermengen, wobei die Erdbeere zu den durstigsten gehört. Für die Herstellung eines Kilos braucht es laut WWF zwei Badewannen Wasser. Ökologisch ein Wahnsinn, aber ein sehr lukrativer – zumindest kurzfristig.

«Die Pestizide machten mich so krank, dass ich ins Spital musste.»

KRIMINELLER LOKALFILZ

Auch hiesige Detailhändler sahnen ab. Erdbeeren führen sie fast ganzjährig im Sortiment. In der Migros gibt’s das Pfund aktuell für 2.20 Franken. «Ein schädlicher Schleuderpreis!» sagt dazu Soumia Benelfatmi El Garrab (36). Die Marokkanerin hat fast ihr halbes Leben lang auf den Erdbeerfeldern bei Huelva gearbeitet. Jetzt arbeitet sie für die SAT, die andalusische Landarbeitergewerkschaft. Auf Einladung des Solifonds kommt sie demnächst für eine Vortrags­tour in die Schweiz (siehe Box). El Garrab sagt: «Der spanische Mindestlohn liegt aktuell bei 6,21 Euro pro Stunde. Aber die Beerenproduzenten zahlen oft noch weniger.»

Wobei die Niedrig- und Dumpinglöhne nicht einmal das Hauptproblem seien. Am schlimmsten sei der Filz aus Politik, Justiz und Agrarindustrie: «In Andalusien stecken die alle unter einer Decke», sagt die Gewerkschafterin. Sie selbst hat es erlebt. Nach Jahren der Plackerei in den Treibhäusern wurde sie krank. Im Spital entdeckte man Allergien und eine Atemwegserkrankung. «Wegen der Pestizide», vermutet El Garrab. Ihr Chef habe davon nichts wissen wollen, sondern gedroht: «Mach mir keinen Ärger, sonst hol ich die Guardia Civil!» Noch im Krankenstand habe er sie rausgeschmissen. Das ist illegal. El Garrab ging zur Polizei, doch die wollte sie abwimmeln. Erst nach langem Insistieren konnte sie Anzeige erstatten. Gebracht hat es nichts. Das Verfahren wurde eingestellt. Doch El Garrab gab nicht auf, sondern ging zur SAT.

Soumia El Garrab

SPANIEN WILL JUNGE MÜTTER

Die kleine Gewerkschaft ist bei den Unternehmern gefürchtet. Denn zu ihren Methoden gehören nicht nur Streiks, sondern auch Landbesetzungen und sogar Robin-Hood-Aktionen. Grund dafür ist das ex­treme Elend der Landarbeiterschaft. Rund 175 000 Menschen chrampfen in Andalu­siens Gewächshäusern – zu Hungerlöhnen und den Chefs meist völlig ausgeliefert. Immer wieder machen auch Fälle von Übergriffen und Vergewaltigungen Schlagzeilen.

Nur 10 Prozent der Landarbeiter haben den spanischen Pass, der Rest kommt aus dem Maghreb, der Subsahara und aus Osteuropa. Gültige Papiere haben viele nicht. Sie hausen in Hütten aus Blech und Plastic, direkt neben den Plantagen, wo das Trinkwasser verschmutzt ist. Andere sind legal als Saisonniers da. Für diese Kategorie hat die spanische Regierung mit Marokko ein Sonderabkommen ausgehandelt.

Demnach dürfen für die diesjährige Erdbeerernte 16 000 Marokkanerinnen temporär nach Spanien einreisen. Zugelassen werden fast nur junge Mütter. Diese gelten als weniger aufmüpfig als Männer. Zudem kehren sie nach der Saison eher wieder zu ihren Kindern zurück als Frauen ohne Bindung. So das Kalkül Spaniens. Auch El Garrab, Mutter zweier Mädchen, hatte lange den Saisonnierstatus und lebte auf dem Betrieb ihres Chefs, fernab der Zivilisation. Um 22 Uhr war jeweils Ausgangssperre. Den Arbeitgeber wechseln durfte sie nur mit Behördenerlaubnis. Sie sagt: «Es ist ein Hundeleben.»

TEURER AUSRASTER DES CHEFS

Trotzdem schöpfte sie immer wieder Hoffnung. Und ihrem Ex-Chef hat sie eine teure Lektion erteilt. Denn seine Erntearbeiterinnen gelangten immer wieder an die SAT – wegen Lohnklaus oder unterschlagener ­Sozialabgaben. Also zeigte ihn El Garrab erneut an. Und diesmal passierte etwas Sonderbares: Die Sache ging über den andalusischen Filz hinaus. Eine Inspektorin aus Madrid besuchte den Betrieb und stellte unbequeme Fragen. Es sei ein richtiges Gaudi gewesen: «Der Chef war völlig perplex, so was hatte er noch nie erlebt. Irgendwann begann er wüst zu fluchen. Dann beleidigte er sogar die Inspektorin.» Das habe diese nur noch mehr angespornt. Und sie wurde fündig: Schwarzarbeit im grossen Stil! Noch vor Ort stellte sie dem Chef eine saftige Rechnung in Aussicht. Und tatsächlich: 126 000 Euro Strafe und Nachzahlungen musste er leisten. Soumia Benelfatmi El Garrab schmunzelt. Es ist ihre Revanche.

40 Jahre Solifonds: Die einzigartige Kampfkasse

Kein weiteres Hilfswerk, sondern ein Unterstützungsfonds für soziale Befreiungskämpfe weltweit – das war das Ziel des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, des Arbeiterhilfswerks (heute Solidar), der SP und dreizehn entwicklungspolitischer Organisationen. Am 1. Mai 1983 war es so weit: der Solifonds war geboren. Seine erste Aktion galt dem Gewerkschafts­aufbau in Apartheid-Südafrika. Heute sind unzählige Engagements dazugekommen, primär in Asien, Afrika und Lateinamerika.

AUF SPENDEN ANGEWIESEN. Das Prinzip ist dasselbe geblieben. Koordinatorin Aurora García sagt: «Wir helfen schnell und un­bürokratisch.» Sie und eine weitere Kollegin bilden den schlanken Verwaltungsapparat. «Damit der Löwenanteil der Spenden an Aktivistinnen und Aktivisten gelangt.» Eine halbe Million Franken beträgt das Jahresbudget. 10 Prozent steuern die Gründer­organisationen bei, den Rest pri­vate Spenderinnen und Spender. García hofft auf neue Unterstützende, denn: «Die Kriminalisierung sozialer Bewegungen nimmt überall zu!» Zum Jubiläum hat der Soli­fonds die Gewerkschafterin Soumia El Garrab eingeladen. Sie tritt auf in Zürich (30. April), Genf (3. Mai) und Bern (5. Mai). Mehr Infos unter solifonds.ch. (jok)

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