Ratgeber
Kaufkraftverlust auf dem Sparkonto – taugen Wertpapiere als Alternative?

Wer zurzeit Geld auf dem Konto hat, zahlt drauf. Da scheinen andere Anlagen attraktiver. Gleichzeitig sind ihre Kosten und Risiken höher. work zeigt Unterschiede auf und wie sich Geldanlagen mit Wertvorstellungen verbinden lassen.

SCHLAUER SPAREN: Geld, das Sie ins Sparschwein werfen, verliert durch die Inflation an Wert. Mit Sparzinsen und anderen Anlageerträgen geben Sie Gegensteuer. (Foto: Getty)

Machen wir mal eine Milchbüechlirechnung. Am 1. Januar 2022 hatten Sie zum Beispiel 20 000 Franken auf Ihrem Sparkonto. Ende Jahr erhielten Sie einen Jahreszins von 20 Franken (0,1 Prozent). Die Inflation von 2022 frass aber 2,9 Prozent vom Vermögenswert weg. Macht 580 Franken. An der Kaufkraft gemessen, ist Ihr Sparbatzen also heute weniger wert. Das Sparen hat sich nicht gelohnt – und das wird höchstwahrscheinlich dieses Jahr so bleiben.

Natürlich ist das Sparkonto noch immer die bessere Idee, als Bargeld zu Hause aufzubewahren. Hätten Sie zum Beispiel im Jahr 2000 einen Betrag von
20 000 Franken unter die Ma­tratze gelegt, wären bis Ende 2022 über 12 Prozent durch die Inflation vernichtet worden. Mit dem Sparkonto sieht’s besser aus: Hätten Sie die 20 000 Franken – ebenfalls vor 22 Jahren – aufs Sparkonto eingezahlt und seither nicht mehr angerührt, läge der Kontostand per Ende 2022 kaufkraft­bereinigt bei etwa 19 500 Franken. Verlust knapp
2,5 Prozent.

Auf lange Sicht bieten Sparguthaben keinen oder nur einen minimalen Wertzuwachs.

SPAREN BLEIBT DIE BASIS

Über eine lange Frist bieten Sparguthaben tatsächlich keinen oder je nach Zeitabschnitt nur einen minimalen Wertzuwachs. Das hat das Finanzportal moneyland.ch in einer Studie errechnet, die bis ins Jahr 1933 zurückreicht. Immerhin sind die Guthaben keinen Kursschwankungen unterworfen, und sie sind bis 100 000 Franken pro Kundin gegen eine Bankinsolvenz abgesichert. Das Sparkonto bleibt deshalb für den Notgroschen und fürs Ansparen von grösseren Anschaffungen eine gute Wahl.

Falls Sie den Sparbatzen eh für die Kinder auf die Seite legen wollen, können Sie dafür ein Geschenkkonto einrichten – da erhalten Sie bis zu einem gewissen Betrag einen Vorzugszins. Ebenso fällt der Zinsertrag etwas höher aus, wenn Sie im Rahmen der Vorsorge sparen – mit einem Sparkonto der Säule 3 a.

AKTIEN, OBLIS, FONDS

Bekanntermassen gibt es neben dem Sparkonto einige andere Möglichkeiten, sein Geld anzulegen. In Aktien, Obligationen und Fonds zum Beispiel. Wobei Sie diese erst dann nutzen sollten, wenn Sie schon einen rechten Batzen auf dem – immer noch sichereren – Sparkonto auf der Seite haben.

Doch was sind die Unterschiede? Während Sie mit einem Sparkonto in den Geldtopf einer Bank einzahlen, füllen Sie mit Wertpapieren jenen einer öffentlichen Institution oder einer Firma (wobei die Finanzbranche natürlich auch hier mitverdient).

DIE OBLIGATION. Sie leihen einen bestimmten Betrag über eine feste Laufzeit aus und erhalten dafür einen Zins. Der ist zum einen eine Entschädigung dafür, dass Sie während der Laufzeit auf Ihr Geld verzichten, zum andern eine Risikoprämie. Denn wenn die Firma bankrottgeht, stehen Sie in der Hackordnung der Gläubiger weit hinten an. Und falls die Zinsen steigen, sinkt der Kurs börsengehandelter Obligationen – müssen Sie dann verkaufen, verlieren Sie Geld.

DIE AKTIE. Mit dem Kauf einer Aktie beteiligen Sie sich direkt am Eigenkapital einer Firma. Sie haben zwei Ertragschancen: Wenn es der Firma gutgeht, zahlt sie Ihnen eine Dividende als Gewinnanteil. Ist der Titel an der Börse gefragt ist, steigt der Aktienkurs – und damit der Wert Ihrer Beteiligung. Sie tragen aber auch Risiken: Geht es der Firma schlecht, zahlt sie weniger oder keine Dividende, und der Aktienkurs fällt. Im Konkursfall kann es auch mal zum Totalverlust kommen.

worktipp: Zinsli picken!

Seit die Nationalbank den Leitzins auf 1 Prozent erhöht hat, können die Schweizer Banken ihre Kredite teurer vergeben – bei der An­hebung der Sparzinsen üben sie aber vornehmste Zurückhaltung. Ein wichtiger Grund dafür: Viele Sparerinnen und Sparer bleiben ­ihrer Bank auch treu, wenn sie miese Zinsen bezahlt. Bei einem Sparguthaben von 20 000 Franken liegt die Differenz beim Jahreszins zwischen der grosszügigsten und der geizigsten Bank aktuell bei 250 Franken. Ha oder nid ha! Den ak­tuellen Vergleich finden Sie hier:
rebrand.ly/moneyland.

DER FONDS. Statt einzelner Obligationen oder Aktien kaufen Sie sich mit dem Fondsanteil in einen Korb von Titeln ein. Die einen Körbe enthalten nur Aktien, andere nur Obligationen oder eine Mischung aus beiden Anlageformen. Manche Fonds investieren in geographisch begrenzte Räume (zum Beispiel «Aktien Europa»), andere in gewisse Branchen («Pharma global»).

Zu unterscheiden sind passiv und aktiv gemanagte Fonds: Passive Fonds bilden einen Börsenindex nach, und ihre Kurse entwickeln sich in etwa gleich wie der gewählte Index. Aktiv gemanagte Fonds versuchen, mit ihren Investitionen besser abzuschneiden als der Durchschnitt – was manchmal gut geht, manchmal nicht.

CHANCEN, RISIKEN, KOSTEN

Wer das finanzielle Polster für Wertpapiere aufbringen kann, kommt im langjährigen Schnitt besser weg als mit dem Sparkonto. Zumindest war das in den vergangenen 100 Jahren so: Bei Schweizer Obligationen lag die jährliche Rendite seit 1926 nach Berechnung der Bank Pictet im Mittel bei 4,1 Prozent, bei Aktien erreichte sie 8,1 Prozent. Doch was für den langfristigen Durchschnitt gilt, gilt nicht für einzelne Titel oder einzelne Zeitabschnitte! Auf die falschen Titel zu setzen kann so schmerzliche Verluste erzeugen wie ein Kauf im Kurshoch, dem ein Verkauf in der Baisse folgt.

Wer Wertpapiere hält, muss auch einige Kosten einkalkulieren. Kauf und Verkauf kosten ­Abgaben, ebenso ist für die Aufbewahrung und das jährliche Wertschriftenverzeichnis eine Depotgebühr ­fällig. Bei den Fonds kommen Verwaltungskosten hinzu; sie betragen bei passiv gemanagten Fonds rund ein halbes Prozent des Fondswerts, bei aktiv gemanagten das Doppelte – oder mehr.

SCHRITT FÜR SCHRITT

1. Investieren Sie erst Geld in Wertpapiere, wenn auf dem Sparkonto mindestens drei bis sechs Monatslöhne liegen.
2. Investieren Sie nur Geld, auf das Sie in den nächsten fünf oder mehr Jahren nicht zurückgreifen müssen.
3. Investieren Sie nicht alles aufs Mal, so gleichen Sie das kurzfristige Auf und Ab der Börse besser aus. Eine gute Option ist das Fondssparen mit monatlichen Einzahlungen, das ist auch in der steuerlich privilegierten Säule 3 a möglich.
4. Erkundigen Sie sich bei der Bank Ihrer Wahl genau nach den Kosten einer Anlage, insbesondere nach den Gebühren bei Kauf und Verkauf sowie den jährlichen Verwaltungskosten von Fonds.
5. Fonds bieten Ihnen schon bei geringen Anlagebeträgen eine gute Risikostreuung. Wenn Sie auf einzelne Aktien oder Obligatio­nen setzen, sollten Sie genau verstehen, was diese Firma macht. Um Ihren Bestand zu verwalten, heisst das dann: Sie brauchen Zeit und Know-how. Berechnen Sie dies ein, wenn Sie Ihre Sparoptionen (Sparkonto oder Wertschriften) gegeneinander abwägen.
6. Stimmen Sie Ihre Anlagen auf Ihre ethische und moralische Haltung ab (siehe unten).


Geld und EthikNachhaltig anlegen

Finden Sie, Aktien zu besitzen sei pfui? Nun, dann sollten Sie wissen: Sie sind schon Aktionärin oder Aktionär – ob Sie das wollen oder nicht. Die Schweizer Pensionskassen bunkerten Ende 2021 Aktiven von 1,16 Billiarden Franken. Davon waren 366 Milliarden in Aktien angelegt.

Auch die Unia hält Aktien: «Der börsenkotierte Bestand liegt aber unter 5 Prozent des Vermögens», sagt Finanzchef und GL-Mitglied Martin Tanner: «Investitionen in Rohstoffe, Nahrungsmittel, Kryptowährungen und andere kritische Kate­gorien sind aber klar ausgeschlossen, und es besteht eine enge Zusammenarbeit mit der Stiftung Ethos.»

GREENWASHING. Vermögen anders einzusetzen als es der Bank zu ihren Zwecken zu überlassen, ist nicht von vornherein unehrenhaft. Bringen Sie Ihre Geldanlage aber in Übereinstimmung mit Ihren Werten und Haltungen. Etwa, indem Sie wie die Unia ge­wisse Branchen oder Firmen ganz ausschliessen. Indem Sie nur Fonds auswählen, die bei ­ihren Anlagen möglichst auf Nachhaltigkeit setzen – und dafür Belege vorweisen können. Denn manche Fonds tragen ein grünes Mäntelchen, ohne die Kriterien wirklich zu erfüllen. Oder indem Sie in ­einen Fonds investieren, aus dem zum Beispiel Mikro­kredite für Kleinstunter­nehmen im globalen Süden ­finanziert werden. Die NGO Greenpeace verfolgt die An­lageszene mit scharfen Augen und hat einen wertvollen Wegweiser für die nachhaltige Geldanlage herausgegeben. Sie können ihn gratis herunterladen: rebrand.ly/nachhaltig anlegen. (jk)

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