Mopac-Entlassungen: Franziska Hulligers finaler Triumph
«Sich wehren lohnt sich immer!»

Vor über zehn Jahren wurde Franziska Hulliger (65) geschasst – aus purer Rache! Das liess sich die Büezerin nicht gefallen. Jetzt macht sich ihr Durchhaltewille bezahlt.

ENDLICH ENTSCHÄDIGUNG: Jetzt kann Ex-Packerin Franziska Hulliger ihren wohlverdienten Ruhestand geniessen. (Foto: Matthias Luggen)

Gegen Mittag füllt sich die Pizzeria Bernerhof in Burgdorf mit Büezerinnen und Büezern. Viele von ihnen in grellen Arbeitskleidern. Die wohl einzigen Pensionierten in der Beiz sind Franziska Hulliger (65) und ihr Ehemann Bruno (67). Anders als für die hungrigen Werktätigen hier geht’s dem Rentnerpaar heute nicht um eine schnelle Mittagsverpflegung. Für die beiden ist der Restaurantbesuch fast ein Tagesausflug. «Wir geniessen unsere Zeit zusammen», sagt Franziska Hulliger. Zurücklehnen und geniessen – zu lange war dies unvorstellbar.

Über zehn Jahre musste Franziska Hulliger gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber Mopac kämpfen – wegen einer Rachekündigung. Im Jahr 2011 entliess der damalige Chef des Emmentaler Verpackungsunternehmens alle 260 Mitarbeitenden. Bloss, um sie mit einem schlechteren Arbeitsvertrag gleich wieder anzustellen!

Der Mopac-Chef kürzte die Löhne beim Ehepaar Hulliger um 730 Franken pro Monat!

TIEFLÖHNE NACH EUROKURS

Sein Plan: Mit der Änderungskündigung die Löhne an den damals sehr tiefen Eurokurs anpassen. In den Augen von Franziska Hulliger eine dreiste Abzocke. Damals war sie bei Mopac als Packerin im Stundenlohn tätig und verdiente im Monat brutto 3200 Franken. Mit dem neuen Vertrag wären es gerade mal 2880 Franken gewesen. Ähnlich war’s bei Ehemann Bruno, der bei Mopac im Lager arbeitete: Statt 4100 hätte er nur noch 3690 Franken verdient. Mit den neuen Verträgen wäre das Monatseinkommen von Ehepaar Hulliger um 730 Franken geschrumpft. Damit wären die beiden nicht mehr über die Runden gekommen. Hulliger plagten Existenzängste, und sie erzählte ihre Geschichte in der Öffentlichkeit – auch im work. Darauf reagierte der Mopac-Chef prompt. Er stellte die couragierte Franziska Hulliger einfach vor die Tür. Seine Begründung: Hulliger habe schon immer zu langsam gearbeitet.

CHEF VOR GERICHT

Um sich gegen diese missbräuchliche Kündigung zu wehren, holte sich Hulliger rechtliche Unterstützung bei ihrer Gewerkschaft. Nadaw Penner, Mitarbeiter des Rechtsdiensts bei der Unia Bern, betreute den Fall von Anfang an. Er sagt: «Fränzi habe ich als mutige und selbstsichere Frau erlebt. Sie hat sehr viel Durchhaltevermögen gezeigt und nie die Hoffnung verloren.» 2013 sass Hulliger ihrem Ex-Chef schliesslich im Regionalgericht Burgdorf gegenüber. Sie einigten sich auf eine Entschädigung, die Auszahlung liess aber lange auf sich warten. Erst im Dezember 2022 landete die Entschädigung endlich auf Hulligers Konto. Wie hoch der Betrag genau ist, möchte sie nicht sagen. Sicher sei aber: «Für uns ist das eine Stange Geld!» Auch bei Mopac änderte sich einiges: Der Chef von Hulliger stand kurz vor der Pleite. Der Betrieb in Wasen BE wurde 2016 von einem neuen Käufer übernommen, was unter anderem auch der Grund war, dass Hulliger so lange auf ihre Entschädigung warten musste.

ÜBER 300 BEWERBUNGEN

In den neun Jahren zwischen dem Urteil und der Auszahlung ist bei Franziska Hulliger viel passiert: «Die Stellensuche war ein Kampf. Mit Mitte fünfzig einen neuen Job zu finden war verdammt schwierig.» Für das Ehepaar kamen schwierige Jahre, das Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Es dauerte zwei Jahre und über 300 Bewerbungen, bis Hulliger eine Stelle fand. Geklappt hat es schliesslich bei der Gastronomiegruppe ZFV, wo sie im Service anfangen konnte. Für Hulliger ein Glück, denn: «Dort habe ich mich endlich wieder richtig wohl gefühlt.»

Und wie fühlt es sich an, jetzt, nachdem die langersehnte Entschädigung eingetroffen ist? «Wir sind einfach froh, dass die Mopac-Geschichte endlich vorbei ist und wir dieses Kapitel schliessen können», sagt Franziska Hulliger. Bruno und sie hätten jetzt endlich Zeit, um sich mit Freunden zu treffen. Zum Jassen oder für kleine Ausflüge. Und was sagt sie zu ihrer Mopac-Zeit? «Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich mich schon viel früher wehren. Denn das lohnt sich immer!»

5 Kommentare

  1. Gerber André 24. Januar 2023 um 16:50 Uhr

    Ich gratuliere Frau Hulliger zu Ihrem Kampf. Es geht einfach nicht an, dass ständig die Schwachen noch mehr geschwächt werden. Das ist eine Riesenschweinerei!

  2. Pierre Bayerdörfer 20. Januar 2023 um 18:27 Uhr

    Ich und Franziska haben uns 2018 bei der Lancierung unserer PK-Initiative kennen und schätzen gelernt. Mit meinem Verein Workfair 50+ setzen wir uns seit 2016 für das Potential älterer Menschen ein. Wir kämpfen für politische Anpassungen im Bereich der Sozialwerke, der RAV und der Sozialhilfe, damit wir der steigenden Altersarmut proaktiv begegnen können. Ich bin froh, Sie an meiner Seite zu wissen und darf stolz sein, als Springer (wenn jemand aus der Jass Runde ausfällt) vom Baselbiet ins Emmental anreisen zu können.

    • Franziska Hulliger 21. Januar 2023 um 11:11 Uhr

      Guten Tag lieber Pierre Bayerdörfer
      Danke für Deinen guten Kommentar. Auch ich bin stolz darauf in Deinem Team zu sein. Nur Gemeinsam und im Team zu Kämpfen führt zum Erfolg. Ich wünschte mir mehr Menschen die so sind wie Du. So Kämpferisch wie du bist und Mutig sollten noch viel mehr sein, dann würden wir auch viel mehr erreichen. Weiter so Pierre.
      Wir kämpfen weiter und geben nicht auf. Wir drücken dir ganz fest die Daumen für deine Landratswahl am 12. Februar im Bezirk Waldenburg Baselland.

  3. Franziska Hulliger 20. Januar 2023 um 11:33 Uhr

    Sich wehren lohnt sich immer. Wir müssen den Arbeitgeber eine Grenze setzen, denn mit uns Arbeitnehmern kann man nicht einfach umgehen wie man will. Wir sind keine Ware sondern Menschen.

    • Erika Witzig 22. Januar 2023 um 11:38 Uhr

      War schon immer mein Motto: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!“ Herzlichen Glückwunsch und geniesst Euren Ruhestand. Liebe Grüsse

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