Fotojournalist Klaus Petrus war eine Woche lang auf der Balkanroute unterwegs. Hier sein Tagebuch:

Die Vergessenen von Bihac

Klaus Petrus

Kürzlich ist der Bieler Fotojournalist Klaus Petrus für seine dokumentarische Arbeit auf der Balkanroute ausgezeichnet worden. Exklusiv für work war er jetzt wieder dort, wo bis heute fast 100’000 Migrantinnen und Migranten aus dem Nahen Osten und den nordafrikanischen Ländern auf ihrem Weg nach Westeuropa durchkommen. In der Stadt Bihać. Von dort versuchen sie, die Grenze zur EU zu ­überqueren, immer und immer wieder. Ein grausames Glücksspiel. Petrus hat mit den Flüchtenden geredet.

POLIZEIGEWALT: Migranten mit Verbrennungen von Zigarettenstummeln, gebrochenen Gliedern, verstauchten Fussgelenken, Striemen am Rücken, Hundebissen. (Foto: Klaus Petrus)

Montag, 9. 5. 2022:
Wo sind die Touristen?

TOR ZU EUROPA: Bihać im Nordwesten von Bosnien-Herzegowina. (Karte: Adobe)

Später Nachmittag, ich fahre mit dem Bus aus der kroatischen Hauptstadt Zagreb an die bosnische Grenze. Nach Bihać , Stadt an der grünen Una, einst Hochburg von Marschall Titos Partisanen und für Jahrzehnte der wirtschaftliche Mittelpunkt von Westbosnien. Dann kam der Krieg. 1992 bis 1995: 100’000 Tote, zwei Millionen Vertriebene, auf ewig offene Wunden und das bestimmte Gefühl, von aller Welt vergessen zu werden. Davon erholen konnte sich Bihać mit seinen 43’000 Einwohnerinnen und Einwohnern bis heute nicht. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent, alte Menschen durchstöbern den Abfall, die Jungen suchen, wieder einmal, ihr Glück anderswo.

Wenigstens kamen früher noch die Touristinnen und Touristen. Bis sich im Frühjahr 2018 Geflüchtete aus dem Nahen Osten und den nordafrikanischen Ländern auf den Weg in Richtung EU machten: von Serbien aus durch Bosnien bis nach Biha´c, wo sie hofften, über die Grenze nach Kroatien zu gelangen. Und von dort: weiter nach Slowenien oder Italien, in den EU-Schengen-Raum.

VERGITTERT. Damals war ich zum ersten Mal hier, wollte über die «neue» Balkanroute berichten. Hinter dem Busbahnhof, im Gebüsch, fand ich sie, erschöpft und in Decken gehüllt. Erst waren es Hunderte, dann wurden es mehr, bis heute haben fast 100’000 Migranten das Land durchquert.

Die Bevölkerung von Bihać, hauptsächlich muslimisch, brachte ihnen Essen und Kleider, man drückte ihnen Münzen in die Hand, schenkte ihnen ein freundliches Wort. Doch dann wurde es der Stadt zu viel. Bürgermeister Šuhret Fazli´c sagte: «Auf uns lastet Europas Migrationsproblem.»

Und so begann die Polizei, die Migrantinnen und Migrantenen aus der Stadt in offizielle Lager zu verfrachten. Erst Alle Orte, an denen tausende Menschen Zuflucht gesucht hatten, wurden vergittert: wurde ein baufälliges Altersheim vergittert, dann eine verlassene Autofabrik, schliesslich alle die leerstehenden Häuser; tausende Migranten hatten dort Zuflucht gesucht. Nicht allen in Bihać ist wohl dabei, man möchte doch niemanden vertreiben, eigentlich. Werden die Touristen diesen Sommer wiederkommen?


Dienstag, 10. 5. 2022: Leben im «Dschungel»

LEERE BARACKE: Hier lebt der Pakistani Haider K. zusammen mit drei Freunden. (Foto: Klaus Petrus)

Manchmal ist es ein Waldstück, manchmal in einer alten Fabrik, in einem verfallenen Schlachthaus, einer Scheune oder, wie hier, irgendwo in den Hügeln ausserhalb von Bihać, in einer leerstehenden Baracke: drei Räume, keine Fenster, kein fliessendes Wasser und kein Strom, das Dach ein einziges Loch.

Haider K., der 25jährige Pakistani, lebt hier seit Monaten mit drei Freunden, alles Afghani. Sie haben sich auf den griechischen Inseln getroffen, das war vor zwei Jahren.

HEIMWEH. Erst versuchten sie ihr Glück an der serbisch-ungarischen Grenze, aber dort, sagt Haider K., sei kein Durchkommen mehr. Schon vor Jahren liess der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán einen Zaun errichten, 175 Kilometer lang und drei Meter hoch. Jetzt sitzen die Afghanen in Bosnien fest. Den Winter verbrachte Haider K. in Sarajewo in einem offiziellen Flüchtlingslager. Beinahe ­verrückt sei er geworden, die Tage waren öd und leer, die Stimmung angespannt. Dann lieber draussen leben, im «Dschungel». Zum Glück komme nun der Sommer, und die Nächte würden wärmer, sagt Haider K. Wasser hätten sie vom Bach hinter der Hütte, und hungern müssten sie nicht. An manchen Tagen kaufen sie von ihrem Geld in der Stadt das Nötigste ein, an anderen kommen Helfer von kleinen Organisationen oder Einheimische und bringen den Pakistani Brot und Gemüse. Nur das Heimweh, sagt Haider K., sei nicht wegzubekommen.


Mittwoch, 11. 5. 2022: Spiel mit Grenze

MUHAMMED Z.: Vielleicht zwanzig, vielleicht auch dreissig Mal hat er versucht, die Grenze zu überqueren. (Foto: Klaus Petrus)

Bihać, Bosnien – Triest, Italien: 250 Kilometer. Das sind mit dem Auto vier Stunden, nimmt man es gemütlich. Für Muhammed Z. liegen Welten dazwischen. Der 27jährige Afghane war schon einmal dort, fast jedenfalls. Zehn Kilometer vor der italienischen Grenze wurde er von der Polizei aufgegriffen und erst nach Kroatien und von dort über die Grenze nach Bosnien zurückgebracht. Wenn Muhammed Z. davon erzählt, klingt das nach einem Leiterspiel: ein paar Felder vor, dann zurück auf Anfang, Pech gehabt! Tatsächlich nennen die Migrantinnen und Migranten ihren Versuch, über die Grenze zu gelangen, «Game», bei dem oft genug das Glück entscheidet oder die Willkür.

20-KILO-RUCKSACK. Wie viele Male Muhammed Z. dieses Spiel schon ­gespielt hat, weiss er nicht mehr. Vielleicht zwanzig, vielleicht auch dreissig Mal. Heute will er sich, zusammen mit einer Gruppe anderer Afghanen, wieder auf den Weg machen. Für die Strecke von der bosnischen Grenze durch Kroatien nach Slowenien rechnen sie elf bis fünfzehn Tage. Von da wollen sie weiter nach Italien. Sie werden während der Abenddämmerung und frühmorgens laufen, dazwischen wollen sie sich ausruhen oder verstecken – wie leicht verstaucht man sich nachts den Fuss, wie schnell wird man am helllichten Tag an die Polizei verraten. Der Rucksack darf nicht mehr als 20 Kilo ­wiegen, darin sind: 5 grosse Weissbrote, 2 Flaschen Wasser, Büchsen mit Thunfisch, Biscuits, Zahnpasta, Feuchtigkeitstücher, eine Powerbank für Strom, Unterhosen und Socken, ein paar Dosen Energydrinks, sie heissen «Monster» und «Hell».

Noch bleibt Zeit für einen Tee. Muhammed Z. erzählt von daheim, der Mutter gehe es gut, seine Frau schimpfe manchmal mit ihm per Whatsapp. Vielleicht wäre er seiner Familie eine grössere Hilfe, wenn er zu Hause geblieben wäre, sagt ­Muhammed Z. und wiegt mit dem Kopf. Oder auch nicht. Dann ziehen sie los.


Donnerstag, 12. 5. 2022: Auf Biegen und Brechen

MISSHANDLUNG: Tausende Grenzpolizisten hindern die Migranten mit Gewalt am Übertritt. (Foto: Klaus Petrus)

Unzählige Male versuchte er, unbemerkt über die Grenze zu gehen. Und immer spürten ihn die kroatischen Grenzpolizisten auf. Machten sein Handy kaputt. Drückten sein Gesicht in den Matsch. Verdrehten ihm die Arme. Stopften seinen Mund mit faulem Obst, liessen ihn halbnackt im Kreis laufen. Fassten ihm zwischen die Beine, grölten und spuckten – und schickten ihn nach Bosnien zurück. Adil, der junge Berber aus Algerien, redet laut und hastig, wenn er davon erzählt. Als würde ihm keiner glauben.

GEWALT. Dabei sagt er doch bloss, was andere auch berichten. Seit 2016 dokumentiere ich gewaltsame Übergriffe der Grenzpolizei auf Geflüchtete: das erste Mal in Subotica an der serbisch-ungarischen Grenze, als mir ein Pakistani seinen Unterarm mit Verbrennungen entgegenstreckte; sie stammten angeblich von Zigaretten, die ungarische Grenzsoldaten auf ihm ausdrückten. Was ich als Einzelfall deutete, erwies sich bald als System der Abschreckung und Einschüchterung: kaputte Handys, gebrochene Arme, verstauchte Fussgelenke, Striemen am Rücken, Hundebisse. Inzwischen sind die Beweise erdrückend. Es existiert sogar ein «Schwarzbuch der Pushbacks», 1500 Seiten des Schreckens und der Schande, dokumentiert vom «Border Violence Monitoring Network». Einem Netzwerk, dem mehrere Organisationen aus der Flüchtlingshilfe angehören.

Die verantwortlichen Regierungen bestreiten die Vorwürfe. Die EU stockt unter dem Vorwand der besseren Kontrolle den Grenzschutz weiter auf. Den kroatischen Grenzschutz unterstützt sie mit 6,8 Mil­lionen Euro pro Jahr. Zu den Menschenrechtsverletzungen an ihren Aussengrenzen auf dem Balkan schweigt sich die EU aus.


Freitag, 13. 5. 2022:
Der Beste auf dem Platz

SO ETWAS WIE ALLTAG: Cricket-Match am Stadtrand von Bihać. (Foto: Klaus Petrus)

«Bei Allah», sagt Hassan, der Afghane, «hier gleicht ein Tag dem anderen. Das Licht, die Wolken, die Farben, alles eins. Wir hängen rum, kochen, reden, wir spielen Cricket – ich bin der Beste auf dem Platz –, wir schneiden uns die Haare, chatten, schlafen … Was wollen wir sonst tun? Wir warten, wir tun nichts anderes als das.»

SCHMUGGLER. Karim, auch er Mitte zwanzig, widerspricht. «Mir fehlt es an nichts, ich lebe, bin gesund, und wenn ich in einem halben Jahr noch hier rumhänge, kehre ich halt zurück. Wallah, bei Gott, es ist ein Abenteuer. Alles. Das ganze Leben.» Blödsinn, murrt Hassan, und nimmt mich beiseite. Er erzählt von Karims Eltern und wie reich die seien und dass sie ihrem Sohn, dem einzigen, dauernd Geld schickten. Schon bald, ereifert sich Hassan, werde Karim, dieser Schwätzer, einem Schmuggler tausend Euro in die Hand drücken oder mehr. Dann sei er auf und davon, mit seinem Grinsen im Gesicht.

Dann ruft einer Hassan zu: «Wir kriegen schon wieder aufs Dach, nun komm schon!» Auf dem Feld spielen sie noch immer Cricket. Wir sind am nördlichen Stadtrand von Bihać, aus einem der Häuser dröhnt Balkan-Pop. Die Sonne neigt sich, und es wird endlich kühl an diesem langen Tag.


Samstag, 14. 5. 2022: Mehr als nur Flüchtlinge

SAMIRA MIT IHREN TÖCHTERN: Seit Wochen hausen sie in einem leerstehenden Gebäude. (Foto: Klaus Petrus)

Fotoshooting in einer Ruine: Samira, ihre Jüngste auf dem Arm, zupft das Kopftuch zurecht. Die Freundinnen links und rechts tuscheln und lachen. Sie halten das schwarze Tuch vor die Wand des leerstehenden Hauses, wo die Afghaninnen mit ihren Familien seit Wochen Unterschlupf gefunden haben. Das Tuch ist wie ein Trick: es soll die Menschen, die davorstehen, aus dieser Umgebung holen, in die sie unfreiwillig geraten sind. Eine notdürftige Behausung, oft schmutzig und unwirtlich, ohne Privatsphäre.

SICHTAR MACHEN. Der Auslöser für diese Portraits war ein Gespräch im Frühjahr 2017, in Horgoš, einem Dorf an der serbisch-ungarischen Grenze, als Sultan zu mir sagte: «Damals in Belgrad, als die halbe Welt auf uns schaute und von Europas Migrationskrise redete, haben wir gelernt, für euch zu posieren.» Daraufhin sprachen wir lange über die vielen, diese immergleichen Bilder, die wir Fotojournalisten von Geflüchteten machen: in Decken gehüllt, in einer lausigen Baracke, vor einem Feuer kauernd, mit finsteren Gesichtern. Und wie sich genau diese Bilder von «dem Flüchtling» in unseren Köpfen festgesetzt haben. Ob ein Tuch da etwas ausrichten kann? Kaum. Vielleicht aber werden dadurch die Gesichter sichtbarer. Von Menschen, die mehr sind als bloss Flüchtlinge.


Sonntag, 15. 5. 2022: Stumme Zeugen der Flucht

ZURÜCKGELASSENES STOFFTIER: Eine Familie musste wohl aufbrechen, konnte nur das Nötigste einpacken für den langen Marsch. (Foto: Klaus Petrus)

Auf der Flucht bleibt vieles auf der Strecke. Hoffnungen, aber auch Habseligkeiten. Zum Beispiel: ein Stofftier in einem leerstehenden Haus in Bosanska Bojna, dem westlichsten Zipfel von Bosnien, nur wenige Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt. Eine Familie musste wohl aufbrechen, konnte nur das Nötigste einpacken für den langen Marsch durch die Wälder und über die Berge.

FLÜGEL. Andere Migrantinnen und Migranten werden nachkommen, sie werden deren Zuhause übernehmen, werden auf derselben Ma­tratze schlafen, unter dieselben ­Decken kriechen. Sie werden in derselben Ecke ein Feuer entfachen und ihr Essen zubereiten. Manchmal bleiben sie nur für ein paar Tage, manchmal für Wochen oder Monate. Dann werden auch sie weiterziehen, und auch sie werden Dinge zurücklassen müssen.

Irgendwann habe ich begonnen, diese Gegenstände zu fotografieren, als stumme Zeugen der Flucht, die selber wandern. Wie dieses Stofftier. Beim Durchstöbern des Archivs ent­decke ich, dass ich es Monate davor schon einmal fotografiert hatte. Aber nicht hier. Sondern in einer verfallenen Baracke am Stadtrand von Bihać, dreissig Kilometer von Bosan­ska Bojna entfernt. Werde ich es nochmals wiedersehen? An einem anderen Ort vielleicht? Irgendwann vermodern auch Stoffpferdchen mit Flügeln.


Montag, 16. 5. 2022: Hoffnung? Warum nicht!

SEIT DREI JAHREN UNTERWEGS: Momentan lebt Amar ausserhalb von Bihać in einem ehemaligen Hühnerstall. (Foto: Klaus Petrus)

Amar aus Afghanistan, 23, will wissen, wie das Leben in der Schweiz sei. Wie man ein Mädchen kennenlerne bei uns. Und ob es genug Arbeit gebe für einen wie ihn. Und ob auch so viele Hunde herumlungerten wie hier, denn er fürchte sich vor ihnen. Und vor den Schlangen im Unterholz. Seit drei Jahren ist Amar nun schon unterwegs. Zwei verbrachte er in der Türkei. Er arbeitete in einer Fabrik, sechs Tage die Woche bedruckte er weisse T-Shirts. Von seinem Lohn – 350 Euro im Monat – schickte er 100 Euro nach Hause. Stolz sei er gewesen, sein Vater, erzählt Amar.

Jetzt lebt er ausserhalb von Biha´c in den Hügeln in einem ehemaligen Hühnerstall. Viele seiner Freunde haben es inzwischen in die EU geschafft. Sind angekommen, in Italien, Deutschland oder Dänemark. Nur er nicht. Amar fühlt sich als Schwächling deswegen. Er hadert mit sich und manchmal auch mit seinem Gott, dem Einen und Einzigen. Hoffnung? Ja, warum auch nicht. Zurück nach Hause kann er nicht. Zu gross ist die Scham, versagt zu haben.

ZUFALL. Tags darauf sitze ich im Bus von Bihać nach Zagreb, überquere dösend die Grenze, steige nachmittags in den Flieger, am Abend sortiere ich daheim die Bilder, blättere meine Notizen durch. Bihać – Biel/Bienne, tausend Kilometer in elf Stunden. Vor ein paar Tagen redete ich mit Muhammed Z. über diesen schrecklichen Zufall, wo man geboren wird und wann und als wer. Und wie ungerecht Zufälle sein können.

Klaus Petrus: Fotojournalist und Reporter

Klaus Petrus (55) lebt in Biel und arbeitet ­freiberuflich als Fotojournalist und Reporter. ­Ausserdem ist er als fester Redaktor beim Strassenmagazin «Surprise» tätig. Er ist spezia­lisiert auf die Themen Migration, Armut und Krieg. Petrus berichtet vor allem aus der Schweiz, Osteuropa und dem Nahen Osten.

AUSGEZEICHNET. Seit 2016 dokumentiert ­Petrus Fluchtrouten quer durch den Balkan in die EU-Länder und die Schweiz. Für diese ­dokumentarische Arbeit wurde er kürzlich mit dem Swiss Press Photo Award ausgezeichnet: www.klauspetrus.ch.

1 Kommentar

  1. Beat Hubschmid

    Oh ja, wo Mann geboren wird – schrecklicher Zufalll !!!
    Wäre doch Mohammed vor 1400 Jahren in der Schweiz geboren, in Bern, an der Gerechtigkeitsgasse – an der Nummer .., dort gibts Döner!

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