Neuer Care-Atlas deckt europaweite Diskriminierung auf

Frauen arbeiten mehr als Männer. Denn nebst der bezahlten Arbeit leisten sie viel mehr ­Sorgearbeit als ihre Parnter, haben aber 37 Prozent weniger Einkommen. Das zeigt jetzt der neue EU-Care-Atlas.

VIELSCHICHTIGE UNGLEICHHEIT: Soll die grosse Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern geschlossen werden, muss es eine bessere Aufteilung der Care-Arbeit geben. Es genügt nicht, nur die Löhne anzugleichen. (Foto: EU-Care-Atlas)

Rechtzeitig zum Internationalen Frauentag vom 8. März haben die Stiftung für fortschrittliche europäi­sche Studien (FEPS) in Brüssel und die sozialdemokratische deutsche Friedrich-Ebert-Stiftung einen interaktiven Atlas publiziert. Auf einer Europakarte lassen sich die verschiedenen Länder der EU anklicken und die genauen Statistiken ablesen. Diese haben die beiden Stiftungen anhand der europäischen Statistik Eurostat errechnet. Einziger Nachteil: Da die Schweiz nicht EU-Mitglied ist, fehlen hier die Daten.

In Deutschland leisten Männer pro Tag 150 Minuten Care-Arbeit, Frauen 242 Minuten.

UNGLEICHE LASTEN

Es tut sich ein betrübliches Panorama auf. Gesamthaft ergibt sich für die Frauen ein gravierender Einkommensnachteil gegenüber Männern in Höhe von 36,7 Prozent. Anders gesagt: In der EU verdienen Frauen im Schnitt nur zwei Drittel dessen, was Männer einstreichen. Das ist weit mehr, als wenn nur die Löhne allein betrachtet werden. In der EU verdienen die Frauen im Schnitt 13 Prozent weniger als die Männer. Ainara Bascuñana von der Stiftung FEPS sagt: «Unser Atlas zeigt nun, dass der Lohn nur eine von mehreren Komponenten der Einkommenslücke von Frauen ist.» In den Atlas flossen auch Daten zur Benachteiligung der Frauen in Arbeit und Beschäftigung sowie durch die meist unbezahlte Care-Arbeit ein. «Hinter all diesen Zahlen liegt die ungleiche Last der Sorgearbeit, die zur Hauptsache auf den Schultern der Frauen liegt», so Bascuñana. Der Atlas mache klar, wie wichtig es sei, nicht bloss auf die Löhne zu schauen, sondern auf das Gesamtbild der ökonomischen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.

PATRIARCHALE MUSTER

Nehmen wir das Beispiel Deutschland. Dort beträgt der Lohnnachteil von Frauen 18,3 Prozent. Während 36,3 Prozent der Frauen Teilzeit arbeiten, sind es bei den Männern nur 9,5 Prozent. 83,1 Prozent der Männer haben einen Job, bei den Frauen sind es nur 76,9 Prozent. Zudem verbringen Männer täglich 290 Minuten in bezahlter Arbeit, bei den Frauen sind es 205 Minuten pro Tag. In unbezahlter Arbeit sind es bei Frauen 242 Minuten pro Tag, bei den Männern ­hingegen nur 150 Minuten. Dabei arbeiten Frauen – bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammengerechnet – insgesamt länger als Männer, nämlich 447 Minuten pro Tag, im Gegensatz zu 440 Minuten der Männer.

Allgemeiner Kommentar im ­Atlas: «Frauen arbeiten mindestens so viel wie Männer, im Gegensatz zur landläufigen Meinung oft sogar noch viel mehr.» Der Schluss aus den europaweiten Daten ist klar: Soll die grosse Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern geschlossen werden, muss es eine bessere Aufteilung der Care-Arbeit geben. Es genügt nicht, nur die Löhne anzugleichen. Die ökonomische Ungleichheit zwischen Mann und Frau ist komplexer. Sie beruht auch auf patriarchalen Mustern, die nach wie vor der Frau die Hauptlast der Sorgearbeit aufbürden. Der EU-Care-Atlas zeigt dies erstmals für ganz Europa auf.

EU-Care-Atlas (auf englisch): rebrand.ly/eu-care-atlas (zuerst «Explore the care gaps» anklicken, dann auf ein Land im Atlas klicken).

Care-Arbeit beschert Frauen grosse Lücken

Die Pandemie hat drastisch gezeigt, dass die Arbeit von Pflege, Betreuung und Erziehung in unserer ­Gesellschaft unterbewertet ist. Ohne diese funktioniert nämlich nichts. Daher muss die Care-Arbeit aufgewertet werden. Langsam dämmert es auch, dass ein enger Zusammenhang zwischen der Benachteiligung von Frauen und der Sorgearbeit besteht. Anders ­gesagt: dass Frauen tiefere Löhne, weniger Einkommen und schlechtere Renten als Männer haben, ist eng mit der Verteilung der Sorgearbeit verbunden. Denn pflegen, betreuen und erziehen – das tun zu 70 Prozent die Frauen.

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