«Bilanz»-Reichenliste zeigt: Das Kapital kennt keine Coronakrise

Leise rieselt der Reichtum

Clemens Studer

Die 300 reichsten ­Menschen in der Schweiz besitzen ­gemeinsam 821 Milliarden Franken. Das sind 115 Milliarden mehr als vor einem Jahr.

IN CHAMPAGNERLAUNE: Auch das zweite  Seuchenjahr konnte den Superreichen
in der Schweiz nichts anhaben – im Gegenteil! (Foto: Getty)

«Alle Jahre wieder kommt das Christuskind», tönt es jetzt bald wieder unter Tannenbäumen. Und dann rieselt oft auch noch der Schnee leise. Ebenfalls alle Jahre wieder im Dezember kommt die Reichenliste des Wirtschaftsmagazins «Bilanz» – journalistische Fleissarbeit und Magazin-Legende gleichzeitig. Sie erscheint seit 1989, zuerst mit den 100, dann mit den 250 und seit 1999 mit den 300 Reichsten.

Als die Liste der Reichsten erstmals erschien, besassen diese zusammen 66 Milliarden Franken. Heute ­verfügen alleine die zwei reichsten Familien mit 90 Milliarden über weitaus mehr Vermögen als damals alle 100 zusammen.

Dieses Jahr – im Jahr 2 der Corona-Pandemie – wuchs das Vermögen der 300 Reichsten um 115 Milliarden Franken. Absoluter Rekord seit Listenführung. Mit über 16,3 Prozent Ver­mögenszuwachs übertrifft das Seuchenjahr 2021 sogar die Boomjahre 2006 und 2007. Zusammen besitzen die 300 reichsten Menschen in der Schweiz jetzt 821 Milliarden Franken. Das sind 100 Milliarden mehr als das Bruttoinlandprodukt (BIP). Das BIP erfasst die gesamte Wertschöpfung eines Landes, also im wesentlichen den Mehrwert, den die Lohnabhängigen erarbeiten.

DIE 10 REICHSTEN 2021

  1. Die Gebrüder Kamprad (Ikea-Erben): 55,5 Milliarden
  2. Die drei Familien Hoffmann, Oeri und Duschmalé (Roche-Erben): 34,5 Milliarden
  3. Klaus-Michael Kühne (Logistik): 29,5 Milliarden
  4. Gérard Wertheimer (Chanel): 29,5 Milliarden
  5. Familie Safra (Bank): 22,5 Milliarden
  6. Guennadi Timtschenko (Oligarch): 20,5 Milliarden
  7. Blocher-Clan (EMS): 19,5 Milliarden
  8. Jorge Lemann (Bier): 17,5 Milliarden
  9. Familien Schindler, Bonnard (Lifte, Rolltreppen): 16,5 Milliarden
  10. Familie Bertarelli (Pharma-Beteiligungen): 15,5 Milliarden

Erarbeitet ist hier wenig, geerbt und erspekuliert viel. Die Börsen boomen. Auch weil die Firmen fette Dividenden ausschütten, während die Lohnschere sich weiter öffnet. Seit Jahren ­publiziert die Unia einen Lohnschere-Bericht. Im aktuellsten belegt Ökonomin Noémie Zurlinde: 2020 betrug das Verhältnis zwischen dem tiefsten und dem höchsten Lohn bei den untersuchten Konzernen in der Schweiz im Schnitt 1 : 137 (alle Details hier: rebrand.ly/lohnschere21). Im gleichen Jahr schütteten die untersuchten Firmen an das Aktionariat 60,6 Milliarden Franken aus – das sind 5 Prozent mehr als 2019.

Rekord-Weihnachten für Blocher & Co.: So reich waren sie noch nie!

MEHR DIVIDENDEN ALS LOHN

Auszahlungen an Aktionärinnen und Aktionäre (Dividenden, Aktienrückkäufe) sind nichts anderes als vorenthaltene Löhne. Ganz vorne dabei ist hier der Blocher-Clan. Bei der EMS streicht das Aktionariat 69 Prozent des Gewinnes ein. Das sind 468 Millionen Franken. Das meiste davon geht an die Familie Blocher. Die drei Blocher-Töchter Magdalena Martullo, Miriam und Rahel Blocher kassierten 331,8 Millionen Franken. Das ist mehr, als die EMS für Löhne und Sozialleistungen ausgeben mag. Konkret: jene, die den Mehrwert erarbeiten, werden mit weniger als einem Drittel des Kuchens abgespeist. Übrigens: Als Vater Blocher 2003 Bundesrat wurde, schätzte die «Bilanz» das Blocher-Vermögen noch auf «nur» 2,5 Milliarden. Da hat die Milliardärsfamilie also enorm vorwärtsgemacht und in die eigene Tasche gewirtschaftet. Der Reichtum rieselt leise, aber goldig.

Läderach: Die ­Corona-Heuchler

Mai 2020, Corona-Frühling Nr. 1. Die Schweiz ächzt unter den Folgen der Pandemiebekämpfung. Hundert­tausende Lohnabhängige müssen wegen Kurz­arbeit mit 80 Prozent ­ihres Lohnes auskommen. Der ­Bundesrat beschliesst ­erste ­Lockerungen. Und im glarnerischen Ennenda entlässt die Schokoladenfirma Läderach 27 Mitarbeitende. Viele sind 60jährig und älter, haben zum Teil fast 20 Jahre für die «Schoggi­könige» gearbeitet. Die ­Ausgeschaubten erhalten weder eine Abfindung, noch gibt es einen ­Sozialplan. Dafür habe man «leider» kein Geld, sagt die selbsternannte «Chocolate-Family». Wegen Corona. Bereits ein Jahr zuvor hatten die ­Läderachs im deutschen Dillenburg (Bundesland Hessen) über 130 ­Arbeiterinnen und Arbeiter buchstäblich über Nacht auf die Strasse ­gestellt. Ohne Corona.

SEKTEN STATT SOZIALPLAN. Geld à gogo haben die Läderachs allerdings für diverse Fundamentalisten-Organisationen. Und betreiben quasi eine eigene Freikirche. Leisten ­können die Läderachs sich das pro­blemlos. Ins Corona-Jahr 1 startete der Clan mit 100 bis 150 Millionen Franken. Kaufte ein paar Monate nach den ruppigen Entlassungen in der Schweiz in den USA 34 Filialen des Konkurrenten Godiva. Im ­Corona-Jahr 2 schätzt die «Bilanz» das Läderach-Vermögen jetzt auf bis 200 Millionen Franken.

Mehr work zur schrecklich frommen ­Familie: rebrand.ly/laederach

1 Kommentar

  1. Peter Bitterli

    Ja, Studer, und Sie möchten den Zaster jetzt vermutlich unter die Genossinnen und Genossen verteilen. Damit Alles nach einem Jahr abgefrühstückt ist, die primäre Kapitalakkumulation verflogen, die Arbeitsplätze vernichtet, die Innovation abgewürgt.

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