Deutschland: Gorillas-«Rider» steigen auf die Velo-Barrikade
Keine Angst vor den Gorillas

Ausstehende Löhne, ­grundlose Ent­lassungen: Mit Streiks und Velo-Aktionen wehren sich die Berliner Mitarbeitenden des ­Lieferdienstes Gorillas gegen die unzumutbaren Arbeitsbedingungen.

GORILLAS IM STREIK: Velo-Kurierinnen und -Kuriere fordern vom deutschen Lieferdienst Gorillas mehr Lohn. Und sie haben jetzt endlich einen Betriebsrat. (Foto: Getty)

Alles begann im Februar 2021. Trotz Schneesturm und vereisten Strassen sollten Velokuriere die bestellten Waren blitzschnell ausliefern. Der Berliner Lieferdienst Gorillas hat zum Konzept, Supermarktprodukte binnen zehn Minuten an die Haustüren zu liefern. Die Ansage des Managements an jenem eisigen Tag: «Wenn ihr nicht fahren wollt, dann lauft doch!» Die Beschäftigten reagierten mit einem spontanen Streik. Es war das erste Aufflackern. Nach der unangekündigten Entlassung eines Kollegen Anfang Juni folgte die nächste Arbeitsniederlegung. Die «Rider» türmten am Eingang eines Warenlagers Dutzende ­Velos auf, um Streikbrecher zu verhindern und den Betrieb komplett lahmzulegen. Seither kommt das schnell expandierende Unternehmen nicht mehr zur Ruhe – und nicht aus den Schlagzeilen.

«So einen beschissenen Job wie bei Gorillas finde ich schnell wieder.»

ERSTER ERFOLG

Die Mitarbeitenden wollten einen Betriebsrat gründen, doch das Gorillas-Management warf ihnen Knüppel zwischen die Pedale. Mitte November ­verkündete Gorillas die Einführung eines sogenannten Franchise-Modells, mit dem die innerstädtischen Warenlager zu eigenständigen Unternehmenseinheiten erklärt werden. Gorillas betreibt so eine systematische ­Vereinzelung der Arbeitnehmenden. Offenbar sollte die bereits eingeleitete Betriebsratswahl auf diesem Weg gestoppt werden. Das hat nicht geklappt, denn die Arbeitsgerichte lehnten eine einstweilige Verfügung ab. So konnte die Betriebsratswahl wie geplant Ende November stattfinden – ein erster Erfolg der Beschäftigten, auch wenn Gorillas die Wahl in einem regulären Verfahren noch anfechten kann.

Mit Repression reagiert das Unternehmen auch darauf, dass Fahrerinnen und Fahrer immer wieder spontan die Arbeit niederlegen, um ­gegen verspätete oder ausbleibende Lohnzahlungen und andere Missstände zu protestieren. Im Oktober wurden Hunderte Beschäftigte wegen der Teilnahme an «illegalen Streiks» entlassen. Das Argument: In Deutschland dürften nur Gewerkschaften im Rahmen von Tarifauseinandersetzungen zum Streik aufrufen. Der Arbeitsrechtler Benedikt Hopmann hält dem entgegen, dass das Grundrecht auf Streik laut europäischer Sozialcharta auch ein individuelles Recht darstelle und Arbeitsniederlegungen durch «Ad-hoc-Koalitionen» organisiert werden könnten. Die Konflikte bei Gorillas könnten also auch zur Weiterentwicklung des eingeschränkten Streikrechts in Deutschland beitragen.
Vor allem aber sind sie ein Beispiel dafür, dass sich auch Mitarbeitende in vermeintlichen Gewerkschaftswüsten zusammenschliessen können.

NETZWERKE

Der Soziologe Heiner Heiland von der Uni Darmstadt forscht zu Online-Lieferdiensten. Er sagt: «Die Arbeitskämpfe bei Gorillas zeigen: Auch in von prekären Bedingungen und Niedriglöhnen geprägten Branchen ist gewerkschaftliche Organisierung möglich.» Allerdings gebe es bei Gorillas in Berlin auch besondere Bedingungen, die kollektive Aktionen erleichtern. Anders als bei manch anderen Lieferdiensten treffen sich die ­«Rider» regelmässig in den Warenlagern und verbringen dort manchmal auch längere Zeit zusammen. «Dadurch können sie sich über Missstände austauschen, Kontakte knüpfen und Netzwerke aufbauen», so der Wissenschafter. Hilfreich seien auch das grossstädtische Milieu und die Möglichkeit, alternative Jobs zu finden. Jakob Pomeranzev, einer der Initiatoren der Betriebsratswahl, bringt das auf den Punkt: «So einen beschissenen Job wie bei Gorillas finde ich schnell wieder.»

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