Neuer Bauvertrag: Forderungen fix, Fahrplan steht

«Heute sagen wir: Wer baut, bestimmt!»

Jonas Komposch

Eine Verschlechterung des Landesmantelvertrags akzeptieren die Bauleute nicht. Im Gegenteil: Sie ­fordern mehr Schutz vor Schlechtwetter und Überstunden.

AUSGESCHAUFELT! Wenn die Bauleute nicht wollen, läuft nichts mehr im Stollen. (Foto: Unia)

Es war ein reges Treiben in der Berner Unia-Zentrale: Gegen hundert Bauarbeiter aus der ganzen Schweiz waren angereist. Auf dem Programm stand ihre erste grosse Berufskonferenz seit jener vom Juni, als das «Bauarbeiterparlament» wegen Corona noch im Freien tagen musste. Als erstes erhoben sich die Versammelten für eine Schweigeminute für die tödlich verunfallten Berufskollegen. In diesem Jahr zählte die Suva bisher 22 Büezer, die auf dem Bau verstorben sind. Direkt im Anschluss folgte das Haupttraktandum: Der geltende Landesmantelvertrag (LMV) läuft Ende 2022 aus. Und bereits am 28. Februar beginnen die Verhandlungen für einen neuen. Was zu erwarten ist, machte Unia-Bauchef Nico Lutz in seiner Eröffnungsrede klar: «Wir werden harte Attacken der Baumeister erleben.» Bereits sei nämlich durchgesickert, was gewisse Chefs im Schilde führten.

«Wir lassen uns nicht spalten, wir sind ja nicht blöd!»

Die maximal erlaubten Überstunden pro Jahr sollen demnach von 100 auf 150 oder sogar 200 angehoben werden. Auch wollten einige Meister die Begrenzung der Wochenarbeitszeit auf 45 Stunden kübeln. Ausserdem hätten es viele auf den Lohnschutz für ältere stellenwechselnde Arbeiter abgesehen. Keine Kursänderung also bei den Baumeistern. Schon die Lohnrunde liessen sie jüngst scheitern. Und vor drei Wochen prahlte Verbandspräsident Gian-Luca Lardi öffentlich: der LMV sei «nicht gottgegeben». Lardi weiss aber auch, wen er sich zum Gegner macht. Er rechne mit Streiks, gab er vor drei Wochen offen zu. Dass die Bauarbeiter hierzu bereit sind, ist jetzt beschlossene ­Sache. Einstimmig bekräftigten die Versammelten, für die Verteidigung ihrer Errungenschaften bis zum ­Äussersten zu gehen. Und nicht nur dafür.

Auch die Bauarbeiter haben Forderungen. Und zwar solche mit breiter Abstützung. Von Mai bis Oktober klapperten Unia-Leute die Baustellen des Landes ab und führten Abstimmungen zu den drängendsten Problemen durch. Über 15’000 Bauleute haben dar­an teilgenommen – also rund jeder fünfte Bauarbeiter. Wo der Schuh drückt, liegt nun offen auf dem Tisch:

  • Am stärksten ist der Wunsch nach einer klaren und fairen Schlechtwetterregelung. In 13 von 14 Regionen rangierte dieser Punkt unter den Top 3 der Prioritätenliste.
  • Am zweitwichtigsten ist den Bauarbeitern, dass ihre Arbeitszeit 8 Stunden nicht übersteigt.
  • Und an bemerkenswerter dritter Stelle steht ein besserer Kündigungsschutz für ältere Kolleginnen und Kollegen.

Weitere wichtige Anliegen betrafen Reisezeit, Ferien und Pausen. Daraus hatten die regionalen Bauarbeiter-Delegierten, die sogenannten ­Baupräsidenten, schon im Oktober gemeinsam einen Forderungskatalog formuliert. Diesen präsentierten sie nun ihren Kollegen, die ihn Punkt für Punkt diskutierten und schliesslich allem ihren Segen gaben. Aber nicht, ohne ihn zuvor noch um einige Forderungen erweitert zu haben (siehe Box unten).

EINE MAUER FÜR DIE MAUERNDEN BAUMEISTER: Protestaktion der Bauleute vor dem Sitz des Berner Baumeister­verbandes. (Foto: Unia)

MIT SYNA VEREINT

Die Baubüezer wissen, was sie wollen. Auch die Einigkeit der beiden Baugewerkschaften Syna und Unia scheint stabiler denn je. Dazu der Genfer Baupräsident João de Carvalho Figueiredo: «Natürlich werden die Arbeitgeber wieder versuchen, uns zu spalten. Doch das werden wir nicht zulassen, wir sind ja nicht blöd!» Das bekräftigte niemand Geringeres als Guido Schluep, der Bauverantwortliche der Syna. Mit ihm war erstmals überhaupt ein Syna-Zentralsekretär zu einem Unia-Baukongress eingeladen worden. In seiner Grussbotschaft geisselte Schluep die Führung des Baumeisterverbands scharf. Geradezu «dilettantisch» habe diese jeden Bezug zu den Arbeitern verloren – und damit die Fähigkeit, sie zu achten. Und dann donnerte der gelernte Maurer Schluep: «Bald ist es wieder an der Zeit, dass wir, die beiden grössten Gewerkschaften, zusammen marschieren.» Denn eine Sache müsse man den Baumeistern nun glasklar machen: «Dass es nicht mehr heisst ‹wer zahlt, befiehlt›, sondern ‹wer baut, bestimmt!›»

Das fordern die Bauarbeiter:

Klare Schlechtwetterregeln

  • Klare Regeln für die Einstellung der Arbeit.
  • Volle Lohnfortzahlung dank -Versicherung und Überstunden.
  • Wenn die Arbeit eingestellt wird, müssen auch die Bautermine verschoben werden.
  • Geheizte Pausenräume im Winter, gekühlte bei Hitze.

Arbeitszeitreduktion

  • Verkürzung der Arbeitstage auf -maximal 7,5 Stunden im Winter und 8,5 Stunden im Sommer.
  • Verkürzung der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 40,5 auf
    40 Stunden.
  • Fixer Arbeitszeitkalender.
  • Schutz für Ältere: längere -Kündigungsfristen ab 50 und 55.
  • Entschädigung bei Entlassung.

Bezahlte Reisezeit

  • Komplett bezahlte Reisezeit statt 30 Minuten Gratisfahrt pro Tag.
  • Ab 10-Stunden-Tag (Reise- und -Arbeitszeit inklusive Überstunden): 25 Prozent Lohnzuschlag.

Mehr Ferien

  • 5 Tage mehr für alle, gestaffelte Einführung bis 2025.
  • Bezahlte Pausen: eine zusätzliche bezahlte 15-Minuten-Pause pro Halbtag.

1 Kommentar

  1. Goran Trujic

    Die Bauarbeiter machen es vor, wie es mit besseren Arbeitsbedingungen klappt.
    Sie haben es immer wieder gezeigt, dass durch den starken Organisationsgrad einiges möglich ist und werden es auch dieses mal beweisen und sich besseren GAV erkämpfen.

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