Nach elf Monaten Wildwuchs ­endlich wieder ein Schreiner-GAV:

«Hart zu bleiben, hat sich gelohnt»­

Johannes Supe

Ende 2020 versenkten die ­Schreinermeister den bisherigen GAV. Und stürzten ihre ­Branche damit in die Ungewissheit. Das ist nun vorbei.

SIE KANN AUF DEN GAV BAUEN: Schreinerin in der Werkstatt. (Foto: Keystone)

Die Normalität ist zurück, zumindest im Schreinergewerbe. Die Branche hat erneut einen Gesamtarbeitsvertrag. Ab 2022 sind Löhne, Arbeitszeiten und Ferienansprüche der Beschäftigten wieder ge­sichert. Fast ein Jahr lang musste die Unia darum kämpfen, nachdem die Schreinermeister die Branche in den vertragslosen Zustand gestossen hatten. Doch nun das grosse Aufatmen. Schreiner Thomas Gerber fasst es in kurze Worte: «Der GAV ist wichtig. Er tut der Branche gut.»

«Ich bin froh. Was aber bleibt: wie unfair der VSSM war.»

DIE SCHLAUMEIER-MEISTER

Ein Blick zurück, in den Sommer 2020. Nach langen Verhandlungen einigten sich die Gewerkschaften und der Schreinermeisterverband VSSM auf ein «Paket», das die Branche modernisieren soll: Der bisherige Gesamtarbeitsvertrag (GAV) wird den Wünschen der Meister entsprechend angepasst und sieht (leicht) längere Arbeitszeiten vor. Dafür soll ein Vorruhestandsmodell eingeführt werden, das es den Schreinerinnen und Schreinern erlaubt, bereits mit 63 in Rente zu gehen. Direkt nach den Verhandlungen bestätigen die Mitglieder der Gewerkschaften Unia und Syna diese Doppellösung. Der VSSM hingegen lässt sich Zeit.

Im Dezember kommt es dann zum Eklat: Die Schlaumeier-Meister sagen zwar Ja zum GAV, aber plötzlich Nein zur Rente mit 63. Ob sie darauf hofften, dass sich die Gewerkschaften derart übervor­teilen lassen würden? Dass sie ­einen schlechteren GAV ohne Gegenleistung annehmen würden, nur um einen vertragslosen Zustand abzuwenden? Die Gewerkschaften tun es nicht. Und so hat das Nein des VSSM heftige Folgen. Denn nun ist beides fort, sowohl die Frührente als auch der Gesamtarbeitsvertrag. Ab Januar 2021 herrscht Wildwuchs in der Branche. Kontrollen von auswärtigen Firmen? Kaum noch möglich. Schutz der Löhne? Geschleift. Gelder für Weiterbildungen? Bleiben aus.

GEMISCHTE GEFÜHLE

Unia-Verhandlungsführer Giusep­­pe Reo ist sich heute sicher: «Es war richtig, dass wir damals hart geblieben sind.» In den Monaten nach dem Desaster wird die Unia bei den Betrieben vorstellig, wendet sich an die Presse. Und die Schreine­rinnen und Schreiner gehen auf die Strasse. Was den Gewerkschaften hilft: Der VSSM merkt jetzt schmerzlich, dass das gesamte System der Weiterbildungen am GAV hängt.

Nach elf Monaten vertrags­losem Zustand soll es jetzt wieder einen Vertrag geben. Ohne längere Arbeitszeiten, allerdings auch ohne Frührente. Dafür mit höheren Mindestlöhnen. Bei den Schreinerinnen und Schreinern rufe das gemischte Gefühle hervor, sagt Schreiner Gerber: «Zunächst bin ich froh, dass der vertragslose Zustand vorbei ist. Was aber bleibt, ist, wie unfair sich der VSSM verhalten hat.» Und noch etwas habe sich Gerber in den vergangenen Monaten gezeigt: «Die Unia hat sich hier wirklich ins Zeug gelegt. Was da gemacht und organisiert wurde, das war gut.» Nur: An manchen Orten habe die Gewerkschaft die Arbeit in der Branche erst wieder erlernen müssen, nachdem sie zuvor eher mit geringer Priorität behandelt wurde. Der Schreiner-Schock habe da auch in der Unia ­einiges aufgewirbelt, so Gerber.

DIE UNIA BLEIBT DRAN

Auch in der Brust von Giuseppe Reo «schlagen zwei Herzen». Ohne GAV, da ist sich der Unia-Mann sicher, würden die Löhne immer stärker unter Druck geraten. Dass das nicht bereits geschehen ist, sei ein Zufall. Bedingt auch durch das weitgehende Ausbleiben auslän­discher Konkurrenz in Corona-Zeiten. Doch die Entlastung der älteren Schreinerinnen und Schreiner bleibe der Unia ein Anliegen. Reo: «Wir haben mit dem VSSM abgemacht, dass wir weiterhin über ­die Lebensarbeitszeit sprechen werden.»

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