So viele Arbeitskämpfe wie schon lange nicht mehr

USA: Die grosse Streik­welle

Lotta Suter

Pflegerinnen, Lehrer, ­Schulbusfahrer und Fastfood-Verkäuferinnen: Seit Anfang Jahr gab es in den USA 250 Streiks und 900 Arbeitsproteste. Das hat auch mit der Pandemie zu tun.

FÜR MEHR RESPEKT UND MEHR LOHN: Streikende McDonald’s-Mitarbeiterin in Chicago. Sie ist eine von rund 100 000 Arbeitenden, die seit Anfang Jahr in den USA gestreikt haben. (Foto: Getty)

«Kämpft heute für ein besseres Morgen!» Mit diesem Slogan gingen McDonald’s-Angestellte am 26. Oktober in zwölf US-Städten auf die Strasse. Es war der fünfte Protest innert dreier Jahre. Die Streikenden wollen endlich Taten statt Worte sehen beim Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Und sie fordern eine McDonald’s-Gewerkschaft. Wogegen sich das Grossunternehmen (39 000 Filialen in 119 Ländern) mit Händen und Füssen und eigens dafür angeheuerten Antigewerkschafts-Spitzeln wehrt.

In den USA streiken zurzeit aber nicht nur Fastfood-Verkäuferinnen. Sondern auch zwei Dutzend Schulbusfahrer im US-Bundestaat Maryland. Gegen 100 Lehrerinnen und Lehrer in Florida. Mehrere Hundert Pflegefachkräfte in New York State, Minnesota und Connecticut. 450 Stahlarbeiter in West Virginia. Theaterschaffende in Massachusetts. Angestellte des Medienunternehmens Netflix in Los Angeles und der Müllabfuhr in Ohio.

Der Wille zum Widerstand nimmt zu.

JOHN DEERE BIS HOLLYWOOD

Allein für den Monat Oktober dokumentiert ein Forschungsteam der Cornell-University 106 Arbeitsproteste, 56 davon waren Streiks. Seit Anfang Jahr sind es bereits über 250 Streiks und ­gegen 900 Arbeitsproteste. Schätzungsweise 100 000 Beschäftigte befinden sich in den USA zurzeit im Streik oder haben einem Streik zugestimmt. So viele Arbeitskämpfe gab es in den USA schon lange nicht mehr. Die Oktober-Streikwelle hat bereits ihren eigenen Hashtag: #Striketober. Doch auf der offiziellen Website des US-Arbeitsministeriums werden nur gerade zehn Streiks von Januar bis September 2021 aufgelistet (2020 waren es acht). Das US-Bureau of Labor Statistics erwähnt unter anderem die Mitarbeitenden der IT-Firma Charter Technologies, die seit März 2017 streiken. Der längste Streik in der Geschichte der USA überhaupt. Aufgelistet sind auch die Minenarbeiter des Kohleunternehmens Warrior Met in Alabama, die im April 2021 ihre Arbeit niedergelegt haben. Diese beiden Streiks kommen deshalb vor, weil mehr als 1000 Personen an ihnen beteiligt sind. Diese willkürliche Grenze zur Erfassung von Arbeitskonflikten setzte die Reagan-Regierung in den 1980er Jahren fest. Aus Spargründen, wie es damals hiess. Das Resultat ist ein Zerrbild der Arbeitswelt.

FIRMEN VERZEICHNEN REKORDGEWINNE

Die Fakultät und Studierende der Cornell University wollen jetzt eine neue, umfassendere Datenbank aufbauen. Bereits zeigt die gesammelte ­Information, dass Arbeitskonflikte in den USA nicht nur im Industriegürtel oder an der «linken» Westküste stattfinden, sondern im ganzen Land verteilt. Und gerade auch in ländlichen Gebieten. Ausserdem wird klar, dass schlechte Arbeitsbedingungen ziemlich branchenübergreifend sind. Doktoranden streikten in diesem Jahr für ihre Rechte. Aber auch Arbeiterinnen und Arbeiter ohne jegliche Berufsbildung. Die Produzenten von schweren Landwirtschaftsmaschinen (John Deere), von knusprigen Frühstücksflocken (Kelloggs) und luftigen Unterhaltungsfilmen (Hollywood) trafen gleichermassen auf Widerstand von unten. In der Hollywood-Traumfabrik konnte ein Streik von über 60’000 Mitarbeitenden im letzten Moment durch bessere Arbeitsverträge abgewendet werden.

Bei John Deere sind am 14. Oktober 10 000 Mitarbeitende in 14 US-Bundesstaaten in den Streik getreten. Das ist die erste grosse Protestaktion seit 1986, als der Landwirtschaftsmaschinenkonzern ein halbes Jahr lang bestreikt wurde. Und der grösste Streik in der US-Privatwirtschaft seit General Motors im Herbst 2019.

Die John-Deere-Geschichte ist ziemlich exemplarisch: In den letzten Jahrzehnten haben sich die Gewerkschaften in den USA kaum geregt. Ihr Einfluss hat stetig abgenommen. Doch die Corona-Pandemie hat die Ungleichheiten und Widersprüche im Verhältnis von Kapital und Arbeit nicht nur offengelegt, sondern noch verstärkt. John Deere war nicht das einzige Unternehmen, das seiner Belegschaft in den letzten beiden Jahren unzählige Überstunden und Extraschichten abverlangte. Und gleichzeitig Rekordprofite verbuchte. Das Gehalt des CEO stieg 2020 um 160 Prozent auf 16 Millionen Dollar. Die Aktiengewinne stiegen um 17 Prozent. Der neue Arbeitsvertrag für die Mitarbeitenden war so schlecht, dass 90 Prozent dankend ablehnten und den Streik beschlossen.

Wenn die Streikenden bei John Deere, aber auch in den Spitälern, Schulen, Fabriken und im Detailhandel befragt werden, sagen viele, es gehe ihnen nicht allein ums Geld. Sie verlangen auch Respekt und Wertschätzung. Während der Coronakrise haben sie als «essential workers», als unentbehrliche, sogenannt systemrelevante Berufsleute, Mehrarbeit geleistet und dabei ihr Leben riskiert. Sie wurden oft und gern als Helden und Heldinnen gefeiert. Doch jetzt will man sie mit einem mickrigen Trinkgeld abspeisen. Und dann wieder ausbeuten, als ob nichts geschehen wäre. Oder noch schlimmer: Die CEO wissen jetzt, wie viel ihre Untergebenen unter Druck leisten können. Die Produktivität ist in der Coronakrise bekanntlich gestiegen. Immer wieder sagen die Streikenden über das Verhalten ihrer Bosse: «Es ist ein Schlag ins Gesicht.»

Doch der Wille zum Widerstand nimmt ­wieder zu. Rebecca Rhine, Sekretärin der Film­gewerkschaft in Hollywood, hegt grosse Hoffnungen. Sie sagt: «Die Pandemie hat die Leute verändert. Sie wollen mehr Kontrolle über ihr Leben.

Neue Hoffnung: Amazon-Gewerkschaft

Amazon USA ist seit 27 Jahren gewerkschaftsfrei. Und der Konzern mit 950’000 Mitarbeitenden will es auch bleiben. Wo sich Widerstand regt, wird dieser mit Zuckerbrot (mehr Lohn) und Peitsche (Entlassung von Aktivistinnen, Indoktrinierung und Bespitzelung der ­Belegschaft) bekämpft. In der jetzigen Streik­welle hilft offenbar alles nichts mehr.

UNTERSCHRIFTEN. Zwar lehnte die Mehrheit der Amazon-Mitarbeitenden im US-Bundesstaat ­Alabama im letzten April die gewerkschaftliche Organisierung ihres Betriebes ab (work berich­tete). Doch ­bereits läuft in den vier Amazon-­Warenlagern von Staten Island, einem Stadt­bezirk von New York, eine neue Kampagne. Ziel ist diesmal die Schaffung einer selbstbestimmten Amazon-­Gewerkschaft. Die für die Abstimmung nötigen Unterschriften wurden dieser Tage eingereicht. Bereits haben Amazon-­Mitarbeitende aus den Bundesstaaten New ­Jersey, Pennsylvanien, ­Kalifornien, Texas und Florida Interesse an ­einem Beitritt zur Amazon Labor Union ­gezeigt.


work-Kommentar von Lotta Suter: Genug ist genug!

In den USA sprechen alle von der «great resignation», der grossen Resignation. Doch die Lage ist nicht so hoffnungslos, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Resignation bedeutet auf englisch nicht nur Mutlosigkeit. Es ist auch das gebräuchliche Wort für Kündigung. Und die Zahl der Leute, die in den letzten Monaten ihren Job aufgegeben haben, ist tatsächlich gewaltig:

4,2 Millionen waren es allein im August. In der Hotellerie hängten in diesem einen Monat. 7 Prozent aller Mitarbeitenden ihren Job an den Nagel. Fast die Hälfte aller US-Unternehmen geben gegenwärtig an, nicht genug – und vor allem nicht genügend qualifizierte – Stellenbewerbungen zu erhalten. Heute leisten in den USA etwa 3 Millionen weniger Lohn­arbeit als vor der Pandemie.

Ökonomen sprechen von einem stillen Generalstreik.

KURZE DENKPAUSE. Für den Rückzug aus dem Arbeitsmarkt gibt es viele Gründe. Zahlreiche Betriebe, nicht zuletzt Kindertagesstätten, haben in der Krise ihren Betrieb eingeschränkt oder aufgegeben. Andere Unternehmen, etwa Spitäler und Versandhäuser, haben ihre Mitarbeitenden bis zum Burnout überfordert. An manchen Arbeitsplätzen ist das Covid-Risiko nach wie vor gross.

Die vergleichsweise grosszügigen Arbeitslosenzulagen der Regierung von Joe Biden ermöglichten den Beschäftigten eine kurze Denkpause. Allerdings sind diese Programme nun ausgelaufen. Dennoch bleibt der Ansturm auf Jobs vorläufig aus.

Denn die Pandemie hat den Blick aufs Ganze verändert. Sie hat die Lohnarbeit abgewertet. Der Job ist nicht mehr unbedingt der Mittelpunkt des Lebens. Wenn der Lohn zu tief ist, der Anfahrtsweg zu lang oder der Boss zu arrogant, sagen die Arbeitenden nun eher: Genug ist genug! Sie chrampfen nicht mehr um jeden Preis. Manche Ökonomen sehen die «great resignation» gar als stillen Generalstreik gegen die prekären Verhältnisse in der heutigen Arbeitswelt.

UND DANN? Das mit dem Generalstreik ist wohl etwas übertrieben. Der eigene Rückzug aus dem Arbeitsmarkt wird nicht automatisch zu besseren Arbeitsbedingungen für alle führen. Das wenige Geld, das die US-Mittelklasse ­während der Pandemie auf die Seite legen konnte, reicht nur für eine kurze Zeit ohne Lohnein­kommen. Und dann? Dann folgt hoffentlich auf die grosse Resignation die grosse Organisation der Beschäftigten. Die jetzige Streikwelle zeigt: Der Anfang ist bereits gemacht.

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