Behindertenzentrum kündigt der Mitarbeiterin Paz Viudez (60) kurz vor der Rente:

Rauswurf nach 19 Dienstjahren!

Johannes Supe

Die längste Zeit ihres Erwerbslebens hat Betreuerin Maria Paz Viudez im Zentrum Mittengraben in Interlaken BE gearbeitet. Dann erhielt sie ohne ­Verwarnung die Kündigung.

Betreuerin Maria Paz Viudez: «Es ging ihnen offenbar nicht um meine Arbeit!» (Foto: Karina Muench)

Nach 19 Jahren ist plötzlich Schluss. Fast zwei Jahrzehnte hat Maria Paz Viudez im «Zentrum Mittengraben» (Zemi) in Inter­laken gearbeitet. Dort betreute und unterstützte sie Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Doch nach längerer Krankheit erhielt sie plötzlich den blauen Brief. Für die 60jährige ist es eine Katastrophe: Wenige Jahre vor der Rente muss sie sich nun eine neue Stelle suchen.

WERT AUF GESTALTUNG …

Im August 2002 fängt Viudez im regionalen Behindertenzen­trum an. In der Betreuung hatte sie schon Jahre zuvor gearbeitet, unter anderem in einem Heim in Ringgenberg BE. Nun kommt sie zur grösseren Einrichtung, bei der sich rund 170 Beschäftigte um beeinträchtigte Kinder und Erwachsene kümmern. Die Arbeit mit der Wohngruppe liegt ihr sofort. Die Beziehungen zu den «Klientinnen und Klienten» schätzt sie sehr: «Ich nenne sie aus Respekt Klienten, denn ich bin angestellt, um mit ihnen und für sie zu arbeiten», sagt sie. Ein Aspekt, der ihr besonders zusagt: Das Zemi legt Wert auf Gestaltung, hat dafür eigens ein Atelier eingerichtet. Also holt sie eine Ausbildung zur Gestaltungspädagogin nach.

… ABER NICHT AUF LÖHNE

Dann aber ändert sich etwas im Betrieb: Viudez erhält einen neuen Chef. Und gegen ihren Willen muss sie 2012 die Wohngruppe wechseln: «Dabei hatte ich eine starke Beziehung zu den Klienten aufgebaut!» Das Verhältnis zum neuen Chef und zum Abteilungsleiter, dem sie nun untersteht, startet entsprechend schwierig.

Ohnehin sei die Stimmung in den Teams häufig gedämpft, so Viudez. Die Arbeit wird hauptsächlich von Frauen mit Teilzeitstellen erledigt. Ihr Engagement sei teils enorm, ihr Verdienst aber nicht. Viele würden Überstunden leisten, teils ohne sie aufzuschreiben. Doch an Wertschätzung durch die überwiegend männlichen Führungskollegen mangle es.

Damit die Arbeit nicht gar zu viel wird, versucht Betreuerin Viudez sich abzugrenzen. So tritt sie etwa einer Whatsapp-Gruppe der Firma nicht bei. Wenn die Arbeit beendet sei, müsse sie abschalten können, sagt sie. Beim Abteilungsleiter kommt das nicht gut an.

DER ZUSAMMENBRUCH

Mehrfach wird Betreuerin Viu­dez vorgeschlagen, von der Betreuung der Wohngruppe ins Atelier zu wechseln. Dazu sei sie auch bereit gewesen, sagt sie: «Aber ich wollte die kreative Leitung und 500 Franken mehr Lohn!» Doch von der Leitung erhält sie eine Absage. Sie sei schliesslich keine Sozialpädagogin, deren Arbeit besser vergütet würde. Auch ihr Antrag auf unbezahlten Urlaub wird abgelehnt, jener einer Kollegin jedoch bewilligt.

Anfang 2021 soll Viudez eine neue Kollegin in ihrem Team einarbeiten. Viudez und die jüngere Kollegin geraten aneinander. Eigentlich handelt es sich nur um eine Lappalie: Wer von beiden soll den Einkauf erledigen? Schliesslich entscheidet der Abteilungsleiter, dass der Älteren die Aufgabe zufalle. Dies, nachdem ihr kurz davor schon andere Zusatzarbeiten rübergeschoben wurden. Zudem wird Viudez zu einem Einzelgespräch eingeladen.

Da wird es Maria Paz Viu­dez zu viel, weil sie vermutet, man wolle sie los werden: «Ich habe mich wirklich ausgeliefert gefühlt», sagt sie. Sie erleidet einen Zusammenbruch und ist fast zwei Monate lang krank geschrieben. Als sie Ende Mai zurückkehrt, geht es Schlag auf Schlag.

DER RAUSWURF

Viudez muss zum Abteilungsleiter. Der gibt ihr zu verstehen, dass es die Heimleitung «befremdend» finde, dass sie nach der Ankündigung eines Gesprächstermins krank geworden sei. Und man wirft ihr mangelnde Teamfähigkeit vor. Eine Verwarnung aber bleibt aus. Ein paar Tage später gibt es abermals ein Gespräch, diesmal zusammen mit der neuen Kollegin. Die Leitung fordert eine ­bessere Kommunikation zwischen den beiden. Abermals gibt es keine Verwarnung. In den folgenden Wochen arbeiten die beiden Frauen nicht mehr miteinander. Gut drei Wochen später erhält Viu­dez aber die Kündigung. Ohne Vorwarnung! Für die langjährige Mitarbeiterin ist das kaum zu fassen: «Es ging offenbar nicht um meine Arbeit. Sie kommen einfach mit meinem Charakter nicht zurecht», sagt sie.

Eine andere Person, die langjährig für das Zemi tätig war, bestätigt gegenüber work Viudez’ Schilderung. Der Rauswurf sei unverständlich, sagt diese. Ihre Arbeitskollegin sei bestimmt nicht der Ursprung der schlechten Stimmung in der Equipe gewesen.

Die Details werden nun die Gerichte klären müssen. Denn Viudez hat sich hilfesuchend an die Unia gewandt, und die vermutet eine missbräuchliche Kündigung. Gerade bei älteren Beschäftigten haben Firmen nämlich eine besondere Für­sorgepflicht. Folgt das Gericht der Unia-Argumentation, wird das Behindertenzentrum Zemi mehrere Monatslöhne an Viu­dez zahlen müssen. work bleibt dran.

Zemi: Und das sagt die Firma

Auf Anfrage von work äusserte sich das Zentrum Mittengraben nicht zum Fall. Grund dafür ­seien Datenschutzvorgaben. Aus dem Schreiben einer beauftragten Advokatur geht jedoch hervor, dass die Firma Betreuerin Viudez «mangelhaftes Verhalten im Team und ihre direktive Kommunikation» vorwirft, die zu Streit im Team geführt habe. Eine Mitarbeiterin habe demnach wegen ­Viudez gekündigt, eine andere um ihre Versetzung gebeten. Mehrfach habe das Unter­nehmen seine Anforderungen an Viudez kommuniziert und auch einen Stellenwechsel ­angeboten, bereits die ­Ver­setzung 2012 sei ­aufgrund fehlender Teamfähigkeit ­erfolgt. Es liege demnach ­keine missbräuchliche Kündigung vor.

KORREKT. Das Schreiben geht ­jedoch nicht darauf ein, weshalb Viudez denn nie eine ­Verwarnung ausgesprochen wurde. Auch bleibt offen, warum das Zemi Viudez noch 2016 ein Zwischenzeugnis ausstellte, in dem der Betrieb der Mitarbeiterin bescheinigte, «korrekt, kooperativ und kon­struktiv» mit Team und Vorgesetzten umzugehen.

1 Kommentar

  1. Stefan Hilbrand

    Das ist klassisches Mobbing von oben und dagegen hilft das Führen eines Arbeitsplatz-Tagebuchs ab dem ersten Tag einer jeden Anstellung, spätestens aber ab Ankündigung eines Chef- oder Abteilungswechsels. Spätestens da muss auch ein Zwischenzeugnis verlangt werden.
    Mobbing-Beratungsstellen helfen in diesen Situationen und sollten bereits nach ersten Unstimmigkeiten kontaktiert werden.

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