Jean Ziegler ‒ la suisse existe

Mord in Ouagadougou

Jean Ziegler
Jean Ziegler

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Thomas Sankara, der junge Präsident des west­afrikanischen Burkina Faso, starb wie Chiles Präsident Salvador Allende: ermordet von einheimischen Militärs im Auftrag ausländischer Mächte.

Die rote Sonne der Regenzeit sank langsam hinter den Königspalmen des Quartiers «L’Entente» in der Hauptstadt Ouagadougou. Die Wagenkolonne bog in einen Park ein, in dem in einem bescheidenen Pavillon das Büro Sankaras lag. Die Mörder hatten sich hinter Hibiskus-Büschen versteckt. Sankara und neun Leibwächter flohen in den Pavillon. Sie hatten Pistolen, die Mörder Panzerabwehrwaffen und Maschinengewehre. Eine Salve zerriss Sankaras Körper. Die Killer stürmten in den Pavillon und töteten alle, die noch lebten. Es war der späte Nachmittag am Donnerstag, dem 15. Oktober 1987.

Sankaras Ansehen in ganz Westafrika ertrug Frankreich nicht. Dessen Geheimdienst fand einen willigen Helfer.

LAND DER AUFRICHTIGEN. Sankara kam 1983 an die Macht in dieser bitterarmen ehemaligen französischen Kolonie Obervolta. Während seiner kurzen Regierungszeit revolutionierte er das Land, das er in Burkina Faso, Land der Aufrichtigen, umbenannte. Er besiegte den Hunger, enteignete die französischen Baumwollfabriken, eliminierte die Korruption, verbot die Genitalverstümmelung der Frauen und brach das Ackerland-Monopol der Stammesfürsten. Damit gewann er in ganz Westafrika ein unerhörtes Ansehen.

Dies war für die französischen Geheimdienste unerträglich. Sie fanden im Fallschirmjäger-Major Blaise Campaore einen willigen Söldner. Nach Sankaras Ermordung wurde Campaore Staatschef, bis ihn 2014 ein Volksaufstand stürzte.

Montag, der 11. Oktober 2021: In Ouagadougou eröffnet das oberste Gericht den Prozess gegen die Mörder Sankaras. Einer fehlte auf der Anklagebank: Blaise Campaore. Er lebt immer noch im Exil in der benachbarten Elfenbeinküste und wird dort geschützt von französischen Agenten.

SCHWEIZER HILFE. Für das gepeinigte Volk von Burkina Faso spielt die Schweiz – die bundes­eigene Entwicklungshilfe, aber auch viele Nicht­regierungsorganisationen – eine zentrale, höchst nützliche Rolle. Sie half, Sankaras Reformen zu finanzieren. Und unter dem korrupten Regime von Campaore leistete sie direkte praktische Hilfe für die leidenden Menschen dank der Unterstützung der Baumwollgewerkschaften und des ­Spitals in Ouagadougou. Genfer Ärzte operieren regelmässig Kinder, deren Gesichter von der ­Mangelerkrankung Noma verwüstet sind.

Seit dem Sturz Campaores im Jahr 2014 setzt sich die Schweiz in vorbildlicher Weise für den Wiederaufbau eines funktionierenden Staates ein. Auch dass nun endlich der Prozess gegen Sankaras Mörder beginnen konnte, ist weit­gehend ihr Verdienst.

SCHWEIZER BLUTZOLL. Unser Land hat auch seinen Blutzoll an Islamisten bezahlt, die fürchterliches Unheil in Burkina Faso anrichten. Jean-Noël Rey war Lehrbeauftragter an der Universität Genf, Berater von Bundesrat Otto Stich, Generaldirektor der Post, später SP-Nationalrat. Er war mein Freund. Für eine Walliser Hilfsorganisation reiste er Anfang 2016 ­zusammen mit einem Walliser Grossrat nach Ouagadougou. Dort wurden die beiden von einem Jihadistenkommando erschossen.

Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Aus­schusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Im letzten Jahr erschien im Verlag C. Bertelsmann (München) sein neustes Buch: Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten.

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