Lohngleichheit, Elternzeit und Schluss mit Femiziden!

Frauensession: 77 Geschäfte in nur zwei Tagen

Patricia D'Incau

Am 29. und 30. Oktober war das Bundeshaus ganz in Frauenhand: Die 264 Teilnehmerinnen wollen von der Politik endlich Taten sehen.

GUTE STIMMUNG. An der Frauensession gehörte der Nationalratssaal für einmal ganz den Frauen. (Foto: Keystone)

Jubel, Applaus, Standing Ovations: Eine solche ­Aufbruchstimmung herrscht unter der Bundeshauskuppel sonst eher selten. Und eine derartige Effizienz auch nicht: Ganze 77 Geschäfte haben die Teilnehmerinnen der Frauensession innert nur zweier Tage ­beraten, verabschiedet oder verworfen. So viel Elan begeistert auch Unia-Mitglied Emine Sariaslan (57). Sie war an der Frauensession als Teilnehmerin dabei und sagt: «Es war einfach toll!»

Besonders beeindruckt hat die Bernerin die Offenheit, mit der die Frauen miteinander politisierten. «Wir konnten frei reden, ohne Hemmungen. Und Forderungen einbringen, die fortschrittlich sind», erzählt Sariaslan. Auch wenn gewisse Vorlagen am Schluss doch nur abgeschwächt durch­kamen, wie etwa diejenige für Gratis-Kitas für alle. Der Kompromiss: ein genereller Ausbau des Kinderbetreuungsangebots, finanziert durch einen neuen Fonds.

Auch andere pointierte Forderungen scheiterten im Plenum. Wie jene nach der Bezahlung von Bäuerinnen. Noch heute arbeiten 70 Prozent von ihnen gratis auf dem heimischen Hof, ohne Lohn und ohne Sozialversicherungen. Unia-Frau Judith Venetz wollte das ändern. Sie machte sich in der Landwirtschaftskommission für einen Bäuerinnenlohn stark. Doch: «Leider konnte sich die Kommission nicht einigen.» Damit hatte das Vorhaben einen schweren Stand. Und setzte sich schliesslich auch bei der Schlussabstimmung nicht durch.

SCHLUSS MIT GEWALT!

Insgesamt 23 Forderungen haben die Teilnehmerinnen im Plenum schliesslich angenommen. Sie verlangen unter anderem:

  • die Schaffung einer unabhängigen Bundesbehörde zur Durchsetzung der Lohngleichheit;
  • die Einführung einer Elternzeit, die die Mutterschaftsversicherung und den Vaterschaftsurlaub ergänzt;
  • die Unterstellung von Beschäftigten in Privathaushalten unter das Arbeitsgesetz;
  • das Stimm- und Wahlrecht auf Bundesebene für alle Personen ohne Schweizer Pass, die seit 5 Jahren in der Schweiz leben;
  • den Einsatz von 0,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts – oder ak­tuell: 706 Millionen Franken – für den Schutz vor geschlechterspezifischer Gewalt.

Für Hühnerhaut sorgten zwei Teilnehmerinnen, als sie im Plenum die Namen der Frauen ver­lasen, die seit Anfang Jahr von ­einem Mann getötet wurden. 25 solche Femizide sind in der Schweiz seit Januar verübt worden. 4 davon alleine im Oktober. Dazu kommen 11 Femizid-Versuche. Tendenz steigend.

UND JETZT?

Umso dringender ist es, dass die Schweiz endlich Massnahmen ergreift. Jetzt ist das Parlament am Zug: Es muss über die Forderungen der Frauensession beraten, die als Petitionen verabschiedet wurden. Ob National- und Ständerat dem Willen der Frauen folgen, ist offen. Von einem aber ist Gewerkschafterin Sariaslan überzeugt: «Die Vernetzung, die unter uns Frauen stattgefunden hat, die wird Wirkung haben. Über die Frauensession hinaus! Wir sehen, dass wir die Gleichstellung erst erreichen, wenn wir uns gut organisieren und die Solidarität unter uns stärken.»

1 Kommentar

  1. Peter Bitterli

    77 Geschäfte in 2 Tagen. Wow! Da muss ja kontroversestens diskutiert worden sein. Aber ich bin sicher, dass der norkoreanische Volkskongress noch mehr Geschäfte in noch kürzerer Zeit erledigen kann.

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