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300 Jahre Hindelbank: Ausstellung und Buch über das Frauengefängnis

Anne-Sophie Zbinden

Weg­gesperrt ohne Urteil, als Forschungsobjekt missbraucht und ins «Loch» ­geworfen: So erging es früher vielen Frauen in der Anstalt Hindelbank im Kanton Bern. ­Heute gibt das Gefängnis Frauen zumindest den Raum, sich eine ­Zukunft zu erträumen.

SCHLOSS HINDELBANK: Aussen verschnörkelte Villa, innen schnörkelloses Gefängnis. (Foto: markusbeyeler.ch)

Die verschnörkelte Barockvilla eines steinreichen Berner Patriziers wird zur schnörkellosen «Anstalt» für meist mausarme Frauen: Seit 300 Jahren steht das Schloss neben dem gleichnamigen Dorf, seit 125 Jahren dient es als Anstalt für Frauen. Zu diesem Doppeljubiläum gibt es jetzt eine Ausstellung und ein tolles Buch: «Hindelbank. Das Schloss. Die Anstalt. Das Dorf. 1721 bis heute». ­Darin schreiben Historikerinnen und Journalisten ein Stück Schweizer Strafvollzugs- und Frauengeschichte, untermalt mit eindrück­lichen Einzelschicksalen. Zum ­Beispiel Marie Sophie Wyss, genannt «Äffli»: Sie litt an Mikrozephalie («kleiner Kopf»). Als Forschungsobjekt wurde sie herumgereicht, ­jedoch nie adäquat betreut. Mit 16 Jahren starb sie an Typhus. Noch am Todestag wurde sie ins Anatomie­institut der Universität Bern gebracht, wo ihr Skelett bis heute einen festen Platz in der Sammlung hat. Das war 1866.

Im gleichen Jahr kaufte der Staat Bern das Schloss, um daraus eine «Verpflegungsanstalt» für Arme zu machen. Das Leben der Frauen war strengstens reglementiert, sogar die Dicke der drei Tage alten Brotscheiben war vorgeschrieben. Anna Schaller wehrte sich 1872 in einem Brief an die Behörden, es gebe nur alle «2 Tage Erdöpflen u. nur kleine stükli brod». Wer nicht parierte, kam ins «Loch», einen eiskaltem Kellerraum ohne Fenster. Keine Frau hielt sich freiwillig im Schloss auf. Viele wurden wegen ihrer «Lebensweise» dort platziert, aus Armut oder weil sie nicht den bürgerlich-patriarchalen Moralvorstellungen entsprachen.

Keine Sorgen um seine Lebensweise machte sich Hieronymus von Erlach, der den Prunkbau um 1721 erbauen liess. Als Söldner in französischem Dienst hatte er eine Frau ­geschwängert und war zum Katholizismus übergetreten. Weder das ­uneheliche Kind noch die für Bern «falsche» Religion waren ein Hindernis, in die reichste Patrizierfamilie jener Zeit einzuheiraten.

«Nur alle 2 Tage Erdöpflen u. nur kleine stükli brod.»

AUF DEN «RECHTEN PFAD»

1896 wurde Hindelbank zur «Zwangsarbeitsanstalt für Weiber». Den Gefangenen wurde «Müssiggang, Arbeitsscheu oder liederlicher Lebenswandel» angelastet, alles keine Straftaten. Die Frauen sollten mit Zwangsarbeit – 10 bis 12 Stunden pro Tag – auf den «rechten Pfad» geführt werden. Hindelbank war die billige Waschküche und Flickstube der Berner Kantonalbehörden. Erst ab 1912 wurden auch verurteilte Straftäterinnen in Hindelbank untergebracht. Die erste Zentralsekretärin des Gewerkschaftsbundes, Margarethe Hardegger, war ebenfalls dort. Weil sie Frauen zur Abtreibung verholfen hatte. Die gemeinsame Unterbringung von Straf­gefangenen und ­administrativ Versorgten dauerte bis 1981, als endlich die adminis­trative Versorgung aufgehoben wurde.

Jahrzehntelang investiert der Kanton Bern kaum in das Frauengefängnis. Der Sohn von Fritz Meyer, ­Gefängnisdirektor von 1950 bis 1983, erinnert sich: «Bei den Frauen sind in einem kalten Winter sogar die Nachttöpfe gefroren.» Bis in die 1970er Jahre gab es in Hindelbank keinen Wachdienst. Sohn Meyer: «Um 22 Uhr lief ­Vater noch einmal ums Schloss, sagte, es sei ruhig, und ging schlafen.» Nicht verwunderlich, dass die Frauen Fluchtversuche wagten. Doch Direktor Meyer blieb gelassen: «Wir können diese Fluchten nicht sehr tragisch nehmen. Sie gehören fast mit ins Programm.» Und: «Von den beiden Flüchtlingen kommt eine Karte aus Basel. Mit Sprüchen wie ‹Viva la libertà› – dabei das Anarchy-Zeichen – oder ‹Born to be free›.»

UNFREIES LEBEN: Frau am Brunnen in der Anstalt
Hindelbank, etwa 1920. (Foto: Burgerarchiv Burgdorf)

ZUKUNFTSTRÄUME

Heute ist Hindelbank das einzige Frauengefängnis in der Deutschschweiz. 107 Frauen leben dort, ­darunter Mütter mit ihren Kleinkindern – und eine Katze. Wovon träumen diese Frauen hinter den Schlossmauern? Fotografin Yoshiko Kusano hat die Träume von 24 Eingewiesenen inszeniert. Entstanden ist eine Serie von Portraits, die unter die Haut gehen: Da ist Anja T., die Arme von Verletzungen gezeichnet. Sie posiert mit Zylinder. «Meine anderen Wünsche lassen sich ohnehin nicht realisieren …» Oder Cecilia W., die auf Rollschuhen durch die Gänge ihrer Wohngruppe flitzt. Andrea R. posiert in Anzug und Krawatte: «Ich träume davon, ein Mann zu werden.» Béatrice Nd. wünscht sich ein schönes Haus. Und sagt: «Ich bin keineswegs unschuldig. Aber ich werde den Eindruck nicht los, dass es zwei Arten von Justiz gibt: eine für die Armen, die sich nicht wehren können, und eine für die Reichen, die sich einen guten Anwalt leisten.»

Hindelbank. Das Schloss. Die Anstalt. Das Dorf. 1721 bis heute. Sinwel Verlag, 304 Seiten. Ausstellung in der Justizvollzugsanstalt Hindelbank bis 27. November. ausstellunghindelbank.ch

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