Was so nicht in unseren Schulbüchern steht:

Der Friedhof der Imperien

Oliver Fahrni

Nach 40 Jahren Besatzung und Bürgerkrieg hat jetzt Afghanistan eine Chance auf Selbstbestimmung. Nur vielleicht.

STOLZE VERGANGENHEIT: Männer vor den weltberühmten Buddha-Statuen in Bamiyan, 1939. Die Statuen wurden 2001 von den Taliban zerstört. (Foto: Annemarie Schwarzenbach)

An Afghanistan haben sich vor den US-Amerikanern schon Griechen, Mongolen, Inder, Türken, Russen und Briten die Zähne ausgebissen. Das Land am Hindukusch-Gebirge war eine zentrale Passage der alten Seidenstrasse. Und Mittelpunkt glänzender Zivilisationen und mehrerer Grossreiche (darunter eines buddhistischen), die von Nordindien bis an den Persischen Golf reichten. Als einziges asiatisches Land neben Japan widerstand Afghanistan der westlichen Kolonialisierung.

Afghanistan war eine Monarchie,
geprägt von revolutionären Bewegungen.

Im 19. Jahrhundert wollten die Briten es zum Pufferstaat gegen das zaristische Russland in Zentralasien («Great Game») machen. Die Afghanen schlugen sie in drei Kriegen vernichtend. Verloren aber den Süden des Landes. Die Briten fügten ihn jenem Teil «Britisch In­diens» zu, der seit 1947 Paki­stan bildet. Durch diese Grenze, die der Kolonialbeamte Mortimer Durand 1893 auf einem Fresszettel zeichnete, wurde Afghanistans Mehrheitsbevölkerung, die Paschtunen, geteilt. Seither liegt Afghanistan ohne Zugang zum Arabischen Meer eingeklemmt zwischen Pakistan, Tadschikistan, Iran, Turkmenistan, Usbekistan und China (siehe Karte). Fast zwei Drittel der Bevölkerung (37 Millionen) sind jünger als 25. Sie sind unter US-Besatzung aufgewachsen. Das prägt ein Weltbild.

Jüngere Afghaninnen und Afghanen wissen kaum noch, dass ihr Land eine Mon­archie war, geprägt von starken revolutionären Bewegungen. 1973 fiel die Mon­archie. Treibende Kraft in der neuen Republik war die Demokratische Volkspartei (Kommunisten). Doch Präsident Daoud Khan liess Tausende Linke verhaften. 1978 kippte die Volkspartei den Präsidenten. Ihre Landreform entriss der Aristokratie den Feudalbesitz. Das «Dekret Nr. 7» stellte die Frauen gleich. Nun füllten die Anhänger der Oberschicht die Gefängnisse. Eine schnelle Säkularisierung sollte die alte Ordnung brechen. Monarchisten und Religiöse wurden verfolgt. Aber die Revolution scheiterte an einem anderen Umstand: es war Kalter Krieg.

AFGHANISTAN: Drei Viertel des Landes sind Gebirgsregionen. (Foto: 123RF)

DAS «VIETNAM DER SOWJETUNION»

Als rund 30 Widerstandsgruppen den Kampf gegen das Regime aufnahmen und Teile der Armee zu ihnen überliefen, signierte US-Präsident Jimmy Carter den Marschbefehl für die CIA. Im Bündnis mit dem pakistanischen Geheimdienst befeuerten die USA von nun an den Bürgerkrieg. Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzeziński hoffte, die Rote Armee nach Afghanistan zu locken, um «den Sowjets ihr Vietnam», eine vernichtende Niederlage, zu bescheren. Die Sowjets kamen, nach langem Zögern, an Weihnachten 1979. Wieder einmal machte Afghanistan Weltgeschichte: Was dort geschah, beschleunigte nicht nur den Zerfall der Sowjetunion. Es war das Vorspiel zum Anschlag des 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon und wirkt bis heute nach.

Die regimekritischen Gruppen, viele davon Islamisten, «Mudschaheddin» genannt, intensivierten den Krieg. Afghanische Flüchtlingscamps in Pakistan waren ihre Basis. Aus der ganzen muslimischen Welt kamen Tausende von Freiwilligen zum Kampf gegen die Besatzer. Die Amerikaner bauten die Islamisten mit Hilfe der Saudis auf und rüsteten sie mit riesigen Mengen modernsten Kriegsgerätes aus, und vielen Dollars. Einer der gefeierten US-Helden jener Zeit war ein jemenitischer Saudi namens Usama bin Ladin.

1996 richteten die USA Glückwünsche an die Taliban aus.

SCHUTT UND ASCHE

1989 zogen die zermürbten sowjetischen Truppen ab. Der nächste Bürgerkrieg begann. Kriegsfürsten wie Gulbuddin Hekmatyar, Raschid Dostom und Ahmad Schah Massoud rangen um die Macht – und um die ausländischen Ressourcen. Indien setzte auf Massoud, Pakistan und die Saudis auf Hekmatyar. Die USA wechselweise auf beide. Gemeinsam legten sie das Land endgültig in Schutt und Asche. Bis 1996 die Taliban das Schlachten beinahe kampflos beendeten. Washington richtete Glückwünsche aus. Die «Studenten der Religion» waren kaum zwei Jahre zuvor in Kandahar zum ersten Mal in Erscheinung getreten.

Wenig später war alles wieder anders. Nach dem Anschlag am 11. September 2001, den bin Ladins al-Kaida für sich reklamierte, stellten die USA ihre geplante Invasion Iraks vorerst zurück. Sie reaktivierten die alten afghanischen Kriegsfürsten, vertrieben die Taliban und setzten einen CIA-Mann als Präsidenten ein: Hamid Karzai.

Schnee von gestern. Heute, vier Jahrzehnte nach der russischen und zwei Jahrzehnte nach der amerikanischen Besetzung, stehen die Zeiger von Afghanistans Geschichte erneut auf null.

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