Wenn die Leute nicht zum Impfen kommen …

… kommt das Impf­tram halt zu den Leuten!

Christian Egg

In Zürich gibt’s die Corona-­Impfung jetzt in einem ­umgebauten Tram. work ist mitgefahren.

Hassan Mehaidli sagt, er habe lange gezögert. «Fast meine ganze Familie hat Herzprobleme, ich auch», sagt der 54jährige Transportunternehmer. Deshalb hatte er, das müsse er zugeben, «am Anfang es bitzli Angst». Trotzdem schiebt er jetzt den rechten Ärmel seines T-Shirts hoch und bekommt die erste Corona-Impfung.

Es ist morgens kurz nach neun. Das Impf­tram kommt heute erstmals ins Zürcher Multikulti-Quartier Seebach. Das umgebaute Fahrzeug der städtischen Verkehrsbetriebe VBZ fährt von Montag bis Samstag jeweils zu einer Haltestelle, bleibt ein paar Stunden und steuert dann einen zweiten Stop an (Fahrplan: zh.ch/impftram). Ganz nach dem Motto: Wenn die Leute nicht zum Impfen kommen, kommt das Impftram halt zu den Leuten. Im Schnitt erreiche man so pro Tag etwa hundert Personen, so die VBZ.

INTELLIGENT GEMACHT

Unterdessen sitzt Unternehmer Mehaidli im Tram-Anhänger. Das ist der Wartebereich. 15 Minuten sollen die frisch Geimpften dortbleiben für den Fall einer allergischen Reaktion. Sein erwachsener Sohn sage ihm schon seit drei Monaten, er solle sich endlich impfen lassen, erzählt er: «Ich wusste, dass das Impftram kommt. Heute bin ich aufgewacht und habe mir gesagt: Okay, ich mach’s.» Auch die Corona-Politik des Bundesrates habe ihn beeinflusst: «Ohne Druck, aber man braucht ein Zertifikat fürs Fitness oder um einen Kafi zu trinken. Das ist intelligent gemacht.»

Die sechs Impfkabinen im vorderen Teil des Trams sind jetzt voll ausgelastet. Eine Klasse des zehnten Schuljahres aus dem Quartier bekommt den Piks. Die Lehrerin Kristina Kekic freut sich: Von 14 Schülerinnen und Schülern wollten 9 die Impfung machen. Jetzt müsse sie noch den zweiten Impftermin organisieren, sagt die 42jährige. Sie kennt ihre Pappenheimer: «Wenn ich nicht mit ihnen hingehe, würde es ein Teil vergessen.» Im Tram bekommen alle Erst-Geimpften eine Liste mit Spitälern und Apotheken für die zweite Impfung. Bis mindestens Ende Oktober ist auch das Impftram noch im Einsatz.

Zweiter Stop: Tramdepot Irchel, gegenüber der Universität. Vor dem Tram sind schon Security-Mann Patrick Nussbaum (41) und seine Kollegin mit ihrem Transporter da. Als erstes richten sie die Kaffeemaschine ein. Nussbaum sagt: «Lebensnotwendig ist die!» Er lacht. Weniger lustig sind die Zwischenfälle, wegen deren die zwei Sicherheitsleute hier sind. VBZ-Mann Heinz Illi, Initiator des Impftrams, erzählt: «Kürzlich kam ein Ehepaar und fotografierte uns alle. Als wir sie ansprachen, sagten sie, sie machten eine Dokumentation für ihre Kinder, über Leute, denen sie nicht trauen dürften.» Ein- bis zweimal am Tag gebe es Störungen durch militante Impfgegnerinnen und Impfgegner. Es gab sogar Morddrohungen und einmal einen tätlichen Angriff. Aber auch Verschwörungstheoretisches passiere, sagt Illi: «Einer warnte uns: Am Tag X drücken die Chinesen den Knopf – und dann fallt ihr alle tot um.»

SEHR NETTE LEUTE

Auch Neriman Akkus tat sich schwer mit dem Impfentscheid: «Eine Seite von mir sagt: Du hast jetzt gerade eine Dummheit gemacht, niemand weiss genau, was in dem Impfstoff drin ist. Aber ich musste mich impfen lassen.» Sonst könne sie ja nirgends mehr ins Restaurant, sagt die 62jährige. Und wenn ihrer kranken Mutter in der Türkei etwas passiere, müsste sie sonst immer aufs Testresultat warten, bis sie reisen könne.

Ganz anders ist die Gefühlslage des 64jährigen Mannes, der kurz darauf aus dem Impf­tram steigt. Er kann nicht gut Deutsch und möchte auch seinen Namen nicht nennen. Aber work müsse unbedingt schreiben, dass die Leute «sehr nett» seien im Tram und dass es sehr wichtig sei, dass man sich hier ohne einen Termin impfen lassen könne. Überhaupt, das Impfen müsse man «unbedingt so machen» wie hier.

DIE UMARMUNG

Ebenso begeistert sind die zwei Frauen, die sich ganz hinten im Tram umarmen. Anamaria Cordoba, die eine, sagt: «Endlich hat es geklappt mit dem Impfen für meine Mutter.» Seit ihr Mann in Kolumbien an Corona gestorben ist, lebt die Mutter bei der Tochter in der Schweiz. Drei Monate lang habe sie es jetzt versucht, sagt die 24jährige Jusstudentin. Aber überall gab’s eine Absage. Weil die Mutter keine Krankenkasse hat. «Heute waren wir einkaufen bei Aldi und haben das Impftram gesehen. Da haben wir gesagt: Probieren wir’s ein letztes Mal.» Und siehe da: Das Tram-Team fand heraus, dass die Reiseversicherung der Mutter für die Impfung aufkommt. Anamaria Cordoba strahlt und sagt: «Heute ist unser Glückstag!»

Erleichtert ist auch die 92jährige Irma Janata. «Ich bin dann im Fall keine Querschlägerin», beeilt sie sich zu sagen, noch bevor work eine Frage stellen kann. Und erklärt, warum sie sich erst jetzt impfen lässt. Dass sie einen Schlaganfall erlitten hat, lange im Spital war und die Ärztin ihr von der Impfung vorerst abgeraten hat. «Ein wenig geschämt» habe sie sich schon, dass sie, in ihrem Alter, noch nicht geimpft sei. Aber jetzt geht sie zufrieden nach Hause.


Weitere Artikel zum Thema:

2 Kommentare

  1. Egli ernst

    Sehr geehrter Herr Studer
    Was ich in der Work Zeitung 01.10.2021 gelesen habe, stimmt mich sehr nachdenklich, Seite 08.
    Eines kann ich Ihnen mitteilen, dass ab Morgen 02.10.2021 die UNIA ein langjähriges Mitglied weniger hat.
    Sorry, so einen Quatsch, was Sie da geschrieben haben.
    Wenn Sie dann schon „Schlämpperlige“ austeilen, dann
    möglichst fehlerfrei !
    Vorsicht! Es wäre möglich, dass auch Mitglieder der UNIA Covidioten sind.

    Einer der Verwirrten

  2. Peter Bitterli

    Die ganzen Impftrams, Impfbusse und Impfschiffe sind tendenziell leer. Ein Schlag ins Wasser trotz Diskriminierung und Apartheid im rechtsfreien Raum. Aufhören!

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.