So rücksichtslos wurde Hans-Ulrich Brunner (62) rausgeworfen:
«Ich war ihnen zu alt und zu teuer»

Zweimal vertraut Papiertechnologe Brunner einer Firma. Zweimal widmet er ihr Jahre seines Arbeitslebens. Zweimal verliert er am Ende die Stelle. Jetzt muss er erleben, wie schwer es ältere Arbeitnehmende ohne Stelle haben.

ZWEIFACH ENTLASSEN: Schon 2010 hat sich Hans-Ulrich Brunner gegen seine Entlassung gewehrt, und work berichtete auf der Titelseite darüber. (Foto: Severin Nowacki)

Ja, er ist gerne bereit, mit work zu reden. Schon wieder. Und so empfängt uns Hans-Ulrich Brunner in seinem Haus im Berner Aaretal. In der kleinen Gemeinde fehlen Villen und sonstiger Pomp. Den Herrn Brunner kennt man hier als «Uele». Auch «Ueles Haus» sticht nicht heraus. Es ist beschaulich eingerichtet: weisse Plättli, ein Holzofen, kleine Metallautos zieren die Holzleiste über der Gartentür, an der Wand kleben einige Sinnsprüche wie «Wo die Liebe den Tisch deckt, schmeckt das Essen am besten.» Gross ist vor allem der weite Garten. Nebenan grasen die Kühe der benachbarten Höfe.

Es ist das Heim, auf das der «Uele» ein Leben hingearbeitet hat. Leicht gemacht wurde ihm das nicht. Denn der 62jährige Hans-Ulrich Brunner musste erleben, wie eine Firma, für die er lange Jahre gearbeitet hat, ihn auf die Strasse stellte. Zwei Mal, wenn auch auf unterschiedliche Arten.

VON DEISSWIL NACH WIMMIS

Zwei Stationen prägen das Arbeitsleben des gelernten Papiertechnologen. Zunächst war da seine langjährige Beschäftigung in der früheren Karton­fabrik Deisswil BE. Anfang der 1990er hatte er sich dort zum Schichtführer hinaufgearbeitet. Brunner erinnert sich: «In dieser Zeit habe ich beschlossen, mein Haus zu kaufen.» Doch 2010 war Schluss in Deisswil. Die österreichischen Werksbesitzer hatten das Interesse am Schweizer Karton verloren – und 253 Beschäftigte sollten ihre Stelle verlieren. Zusammen mit der Unia wehrten sich Brunner und Kollegen gegen die Fabrikschliessung, demonstrierten in Wien. Brunner zierte sogar die work-Titelseite. Trotz allem: Am Ende musste er sich eine neue Stelle suchen.

Station zwei: die Nitrochemie in Wimmis BE. Brunner sagt: «Ich kannte dort niemanden, habe mich einfach blind beworben.» Als er die Stelle im September 2010 erhielt, war bei ihm die Erleichterung gross. Nur der Lohn, der war jetzt tiefer, die Arbeit zwar regelmässiger, aber entsprechend ohne Schichtzulagen. So wird das Abbezahlen des Hauses etwas schwieriger. Trotzdem nennt Brunner die ersten acht Jahre bei der Nitrochemie «die tolle Zeit». Denn in Wimmis kümmert sich ein Teil der Nitrochemie um die Haltbarkeit von Papier, entsäuert alte Schriftstücke, etwa für Museen. Brunners Beitrag: die im Prozess anfallenden Säuren wieder aufzubereiten. 15’000 bis 20’000 Liter täglich bereiteten er und seine Kollegen in einem fragilen Prozess wieder auf. Für die Umwelt ist das ein Segen.

«Es war richtig, sich zu wehren. In beiden Fällen. Ansonsten wär es schlimmer gekommen.»

ZU ALT, ZU TEUER

Doch im neunten Jahr, es war Mitte 2019, lernt Brunner den anderen Teil der Nitrochemie kennen: die Rüstungsproduktion. Aufträge waren ausgeblieben, und so wollten Brunners Vorgesetzte sein sechsköpfiges Säureaufbereitungsteam verkleinern. Einer aus der Equipe ging in Pension. Der zweite, den es traf, war Brunner. Damals 60 und damit der älteste Verbliebene. Er erinnert sich: «Mir war damals klar: Ich war zu alt, zu teuer.» Brunner erhielt eine Änderungskündigung. Sein Chef hatte ihm angedeutet, dass sein Lohn um 200 Franken gekürzt werde. Tatsächlich waren es 392 Franken weniger.

Der nun 61jährige sollte künftig Teil der Rüstungsherstellung sein. Die Nitrochemie gehört der bundesnahen Ruag (45 Prozent) und dem deutschen Rheinmetall-Konzern (55 Prozent). Und in Wimmis wird auch Panzermunition hergestellt. Eine hochsensible Arbeit. Doch oft soll es vor allem schnell gehen. Mehrfach muss Brunner die Aufgaben wechseln. Mal sortiert er Vorprodukte der Munition. Dann heisst es, er sei zu langsam. Schliesslich landet er im «Betonsarg». So nennen die Beschäftigten jene Arbeitsstätte, wo Material von einer gewaltigen Presse gedrückt wird. Die Arbeit setzt ihm zu: «Wenn dieses Monstrum stampft, vibriert der Boden.» Er erleidet Angstzustände.

Mittlerweile hat das Pandemiejahr 2020 begonnen. Brunner, der in der Vergangenheit mehrere Lungenembolien erlitten hat, wird von seinem Arzt als Risikopatient eingestuft. Darum muss er der Arbeit ab März 2020 zunächst fernbleiben. Die Zeit nutzt er für eine Aussprache mit dem Chef, macht deutlich, dass er auf der jetzigen Stelle nicht weiterarbeiten kann, und bittet um eine andere. Doch statt eines neuen Aufgabengebiets bekommt er Ende Mai den blauen Brief. Brunner sagt, er habe kein Bemühen bemerkt, ihm eine angemessenere Arbeit zuzuteilen. Genau das aber hätte das Unternehmen tun müssen. Für ältere Mitarbeitende mit vielen Dienstjahren gilt in der Schweiz ein (etwas) strengerer Kündigungsschutz. Brunner wendet sich an die Unia Berner Oberland. Die vermutet eine missbräuchliche Kündigung. Ob die Kündigung das wirklich war, ist nicht gerichtlich festgestellt. Denn nachdem die Unia interveniert, einigt sich die Firma mit Brunner auf die Zahlung von vier Monatslöhnen. Auf Nachfrage erklärt die Nitrochemie, dass dort «arbeitsrechtliche Vorschriften und Auflagen eingehalten» würden, auch im «angesprochenen Fall». Aus Gründen des Datenschutzes wolle sich das Unternehmen aber nicht weiter äussern.

KEIN ARMER SCHLUCKER

Nun hat es der Papiertechnologe wieder mit Schriftstücken zu tun, aber solchen, die er selbst verfassen muss. Er erklärt: «Zuerst hat das RAV acht Bewerbungen pro Monat von mir verlangt, mittlerweile noch fünf.» Rund sechzig Betriebe hat er bis heute angeschrieben. Doch Brunner bekommt zu spüren, wie schwer es für ältere Facharbeiter ist, eine neue Stelle zu finden. Nur zwei Antworten erhielt er. Allerdings zog ein Pharmaunternehmen sein anfängliches Angebot zugunsten eines jüngeren Bewerbers zurück. Und auch aus einer Anstellung als Abwart einer Schule wurde schliesslich nichts. Im April 2023 wird Brunners Anspruch auf Arbeitslosengeld auslaufen. Ob er bis dahin eine Stelle findet? Unklar sei das, sagt er, sehr unklar. Trotzdem wird er es weiter versuchen.

Was ihm bleibt, ist sein Haus. Und ein armer Schlucker sei er schliesslich auch nicht geworden, sagt Brunner selbstbewusst. So ist er, «der Uele»: nicht bedrückt, denkt gerne auch zurück an die guten Zeiten in der Arbeit. Und er zieht ein zuversichtliches Résumé: «Es war richtig, sich zu wehren. In beiden Fällen. Ansonsten wär es schlimmer gekommen.»

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