Darum protestieren diese drei Berufsfrauen an der Demo in Bern:

Hände weg von den Frauenrenten

Patricia D'Incau

Schon wieder greifen die Rechten im Parlament die Frauenrenten an. Deshalb gehen die Thuner Unia-Frauen Giulia, Rebecca und Adrienne jetzt auf die Strasse. work-Redaktorin Patricia D’Incau hat sie bei den Demo-Vorbereitungen getroffen.

«NICHT MIT UNS!»: Adrienne (52), Giulia (21) und Rebecca (28) wehren sich gegen die Erhöhung des Frauenrentenalters. Und finden: «Alle nach Bern am 18. September!». (Fotos: Karina Muench)

Giulia (21), Kioskverkäuferin «Wie wär’s zum Beispiel erst mal mit Lohngleichheit?»

Kioskverkäuferin Giulia.

«Man erwartet von uns, dass wir Kinder haben. Und Kinder zu haben ist ja auch etwas sehr Schönes, wenn man das möchte. Aber in der Schweiz ist das auch eine finanzielle Frage. Die niedrigen Löhne in den ­typischen Frauenjobs und der lächerlich kleine Vaterschaftsurlaub, den wir haben, führen dazu, dass immer noch vor allem Frauen daheim ­bleiben und zu den Kindern schauen. Mit einschneidenden Folgen: Wir Frauen können weniger Geld in die Pensionskasse einzahlen. Und im Alter haben wir dann eine kleinere Rente.

GRATIS-ARBEIT. Ich finde das nicht fair. Denn es ist ja nicht so, als würden wir Frauen nicht arbeiten. Meine Mutter zum Beispiel hat alleine zwei Töchter grossgezogen. Sie hat uns bei den Hausaufgaben geholfen. Sie hat immer geschaut, dass es uns an nichts fehlte. Also meine Mutter hat sehr viel Arbeit geleistet. Aber diese unbezahlte Hausarbeit wird in der Rente nicht berücksichtigt. Da zählt nur, dass sie 11 Jahre lang nicht im Erwerbsleben war – und deshalb eine Rentenlücke haben wird.

ENDLICH LOHNGLEICHHEIT! Als ­gelernte Verkäuferin wird sie diese Lücke auch nicht mehr stopfen können. Ich selber habe das Glück, studieren zu können. Als eine der ersten in meiner Familie. Um das zu ­finanzieren, arbeite ich mehrmals in der Woche in einem Kiosk. 11,5 Stunden dauert so ein Arbeitstag. Das ist anstrengend, auch körperlich. Du bist die ganze Zeit auf den Beinen. Wer kann, macht das nicht sein Leben lang.

Deshalb ist für mich völlig klar: Die Heraufsetzung des Frauenrentenalters kommt nicht in Frage. Vielmehr noch: Sie ist respektlos! Wenn es tatsächlich darum geht, die AHV zu sanieren, sind andere Wege sinn­voller. Wie wär’s zum ­Beispiel zuerst mal mit Lohngleichheit? So würden wir Frauen mehr in die ­Altersvorsorge einbezahlen können.»


Rebecca (28), medizinische Masseurin «Meine Mutter arbeitete Vollzeit, und der Lohn reichte trotzdem nicht!»

Medizinische Masseurin Rebecca.

«Meine Mutter war ­alleinerziehend, hat drei Kinder grossge­zogen und hundert Prozent als Coiffeuse gearbeitet. Der Lohn reichte trotzdem nicht, um über die Runden zu kommen.

Seit einem Jahr ist sie jetzt pensioniert. Sie hat eine sehr tiefe Rente, wohnt in einer Einzimmerwohnung. Deshalb kommt sie auch mit an die Demo. Weil sie weiss, was es bedeutet, ein Leben lang zu arbeiten und am Schluss kaum etwas davon zu haben. Die geplante AHV-Reform schafft für uns Frauen neue Probleme und löst die bisherigen nicht.

FALSCHE GLEICHHEIT. Aber klar, auf den ersten Blick wirkt es ja fast einleuchtend: Gleich lang arbeiten – das ist Gleich­berechtigung. Was dahintersteckt, wird aber völlig ausgeblendet. Schliesslich nützt es den Frauen absolut gar nichts, wenn sie ein Jahr länger chrampfen müssen, aber trotzdem genauso wenig verdienen wie jetzt. Ich selbst arbeite in einem Beruf, der wenig Wertschätzung geniesst. Nicht etwa durch die Patientinnen und Patienten! Sondern bei den Arbeitsbedingungen. Wenn ich mit meiner Ausbildung ­fertig bin, verdiene ich in ­einem Vollzeitpensum nur 4200 Franken. Obwohl ich dann ein Diplom auf Tertiärstufe habe. Und von diesem Lohn muss ich noch ein Dar­lehen von mehreren Tausend Franken zurückzahlen, weil meine Ausbildung so teuer war.

LAUT WERDEN. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir jetzt laut werden! Und ich bin zuversichtlich, dass es das wird, wenn wir am 18. September auf die Strasse gehen. Gemeinsam! Denn alleine für bessere Arbeitsbedingungen und Renten kämpfen: das macht nämlich unglücklich und funktioniert schlecht.»


Adrienne (52), Verkäuferin «Uhuere ufpasse, dass es nicht rückwärtsgeht!»

Verkäuferin Adrienne.

«Sie wollen das Renten­alter immer weiter nach oben schieben, aber angestellt wirst du dann trotzdem nicht mehr. Schon heute verlieren viele Ältere ihre Stelle, bevor sie pensioniert sind. Weil wir Ü 50 die Unternehmen einfach zu teuer zu stehen kommen.

GROSSER DRUCK. Natürlich macht mir das Sorgen! Ich habe schon meinen ursprünglichen Beruf verloren. Ich war gelernte CD- und Schallplattenverkäuferin. Und ich liebte diesen Beruf. Doch dann kam das Internet, für CDs wollte niemand mehr zahlen. Die Musikläden gingen der Reihe nach ein. Danach habe ich bei einem Elektroriesen gearbeitet. Als auch dort die Margen einbrachen, wurde versucht, das Geld anders reinzubekommen. Mit Kunden-Kredit­karten, Versicherungen usw. Das wurde immer heftiger. Wenn du deine Ziele nicht ­erfülltest, kamst du unter die Räder. Immerhin verdiente ich nicht schlechter als die Jungs in meinem Team. Im Verkauf sind eben nicht nur die Frauen schlecht dran, sondern auch die Männer. Der Unterschied ist aber, dass denen nicht Steine in den Weg gelegt werden, sobald Kinder kommen.

ALTE ROLLENBILDER. In meiner Generation wurde oft so getan, als hätten wir Gleich­stellung. Doch selbst wenn du dich ­bewusst entscheidest, nicht nach den alten Rollen­bildern zu leben: sie holen dich immer wieder ein. Von dir als Frau wird erwartet, dass du dich um deine kranken Eltern kümmerst, dass du dich um ­andere sorgst. Und wenn du das nicht machst, bist du kaltherzig.

Solange diese Gratisarbeit nicht anerkannt wird, mit der die Gesellschaft viel Geld spart, solange wir keine Lohngleichheit haben, solange eine Frau nicht das ­gleiche Recht hat wie ein Mann – so lange werde ich ­dagegen sein, dass wir gleich lang arbeiten müssen wie die Männer. Ich finde, wir müssen ‹uhuere ufpasse›, dass es nicht rückwärtsgeht!»

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