Tessin: Wildwest und Asbest im Centro sociale

Lega-Filz stolpert über AJZ-Abriss

Jonas Komposch

Politiker der rechten Lega dei Ticinesi ­liessen das autonome Jugendzentrum (AJZ) des ­Südkantons abreissen. Ohne Bewilligung und ohne die Arbeiter vor Asbest zu schützen. Die Unia schlug Alarm.

«MONUMENT DER ILLEGALITÄT»: Die giftigen Trümmer des autonomen Zentrums Molino in Lugano. (Fotos: Ti-Press)

Was war das für ein Riesenaufmarsch von Presseleuten am 22. Juni vor dem Justizpalast in Lugano! Aber klar, der oberste Strafverfolger des Tessins hatte fast die gesamte Stadtregierung vorgeladen. Nämlich: Marco Borradori, langjähriger Stadtpräsident und Gransignore der hartrechten Lega dei Ticinesi, seinen Vize und Parteikameraden Michele Foletti, den eifrigen Burka-Bekämpfer und Lega-Nationalrat Lorenzo Quadri, die Polizeiverantwortliche Karin Valenzano Rossi (FDP) sowie alt Stände- und Neo-Stadtrat Filippo Lombardi (CVP). Sie alle mussten sich als «informierte Personen» im Rahmen eines Strafverfahrens erklären, das wegen Verletzung der Regeln der Baukunde, des Bundesgesetzes über den Umweltschutz und wegen Amtsmissbrauchs eröffnet worden war.

WIDERSTANDSNEST

Hintergrund ist eine behördliche Nacht-und-Nebel-Aktion vom 29. Mai, die sich immer mehr zu einem veritablen Politskandal entwickelt: der Abriss des autonomen Sozial- und Kulturzentrums Molino. Untergebracht in einem besetzten ehemaligen Schlachthof, war das Molino während zwanzig Jahren ein Fixpunkt der Tessiner Alternativkultur – und ein linkes Widerstandsnest gegen den von Korruption und Geldwäsche geprägten Lokalfilz. Das empfanden die Mächtigen der Bankenmetropole zunehmend als störend. Sie hatten deshalb Pläne ausgeheckt, um das rebellische Haus dem Erdboden gleichzumachen. Und es an Ort und Stelle durch ein millionenteures, aber braves «Kultur- und Begegnungszentrum» zu ersetzen.
Eine erste Gelegenheit in diese Richtung bot sich den Behörden am 8. März, als einige Bürgerinnen und Bürger spontan gegen die muslimfeindliche Burka-Initiative protestierten – für die rechteste Stadtregierung der Schweiz offensichtlich ein Affront. Im Nu machte sie die «Molinari» verantwortlich und kündigte ihnen kurzerhand den Nutzungsvertrag für den Ex-Schlachthof. Das liessen sich die Aktivistinnen und Aktivisten aber nicht bieten.

23 Arbeiter wurden mitten in der Nacht losgeschickt, um das Gebäude abzureissen. Jetzt ist klar: es war voller Asbest.

RAUCHENDE TRÜMMERHAUFEN

Am 29. Mai, dem Tag des Räumungsultimatums, protestierten sie zu Hunderten in den herausgeputzten Shoppingmeilen der Stadt. Dabei besetzten sie auch ein weiteres Gebäude, das zu Spekulationszwecken seit Jahren leer steht. Obwohl diese friedliche Aktion eindeutig als symbolische und vorübergehende ausgewiesen wurde, reagierte die Polizei brachial. Mit Hilfe von extra aus der Westschweiz herangekarrten Einheiten kesselte sie die Protestierenden ein. Dann machte sie sich am Molino zu schaffen. Nachts um 22 Uhr fuhren die Abrissbagger auf. Bereits am frühen Morgen war das historische Gebäude zerstört, das gesamte Inventar begraben unter einem rauchenden Trümmerhaufen.

Sofort ging eine Welle der Empörung durchs Tessin. Schliesslich war das Molino eine kantonsweit bekannte Institution, ein einzigartiges Centro sociale, in dem viele Generationen verkehrten. Sogar Ex-Vizestadtpräsident Erasmo Pelli (FDP) sagte: «Man hätte eine andere Lösung finden können.» Überhaupt sei das Molino als Symbol der Alternativkultur immer toleriert worden. Stadtpräsident Borradori geriet in Erklärungsnot: Die Demonstration sei «ausgeartet», behauptete er nun unter Verweis auf die Besetzungsaktion. Deshalb habe der Stadtrat «das Okay gegeben», das Molino plattzumachen. Damit vermochte der Rechtsaussen nicht zu beschwichtigen – im Gegenteil.

UNIA DECKT LÜGE AUF

Kurz nach dem Abriss betrat die Unia-Zeitung des Tessins die Bühne. «Area» deckte auf, dass die Stadtpolizei am turbulenten Abend schon um 17.50 Uhr drei Abbruchfirmen engagiert hatte – also schon vor der neuerlichen Hausbesetzung, die angeblich Ursache für den Abrissentscheid gewesen war. Das belegen Überstunden-Anmeldungen der Firmen, die der Unia vorliegen. Borradori aber hatte behauptet, er sei von der Polizei erst «gegen 22 Uhr» über deren Abrissvorhaben informiert worden und habe dieses «innerhalb weniger Minuten» abgesegnet. Allerdings zeigte sich bald, dass Borradori nicht einmal die Gesamtregierung informiert hatte! Als sich dann noch herausstellte, dass der Abriss ohne die nötige Baubewilligung vollzogen worden war, hatten die Grünen ­genug.

ARBEITER VERGIFTET

Sie erstatteten Strafanzeige gegen Unbekannt und erklärten: «Offensichtlich hatte die Regierung dieses Szenario schon einstudiert. Ein Abriss wird nicht in zwei Stunden improvisiert.» Andere vermuten, es sei die Polizei, die nach Belieben schalten und walten könne. Und zwar nicht nur die städtische, sondern auch die kantonale, die dem Lega-Hardliner Norman Gobbi untersteht. Deshalb fordert die Linksfraktion MPS-POP-Indipendenti im Kantonsrat nun eine parlamentarische Untersuchungskommission.

Dem berühmten Mafiajäger und Strafrechtsprofessor Paolo Berna­sconi war die Sache schon früh klar: Die Molino-Trümmer seien «ein Monument der Illegalität», Kanton und Stadt hätten mehrfach die eigenen Gesetze gebrochen. Jetzt wird immer deutlicher: Bernasconi hat recht. Denn für den Abriss fehlte nicht nur die Baubewilligung, sondern auch ein Gutachten über gefährliche Stoffe in der Bausubstanz. Ein solches ist obligatorisch. Die Unia schlug daher schon am 2. Juni Alarm: «23 Arbeiter wurden mitten in der Nacht losgeschickt, um ein Gebäude abzureissen, das wahrscheinlich voller Asbest war und tödlichen Staub in die Luft der Stadt freisetzte.» Acht Tage später bestätigte die Staatsanwaltschaft: Das Abbruchmaterial enthalte nicht nur Asbest, sondern auch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), also potentiell krebserregende und erbgutschädigende Gifte.

1 Kommentar

  1. Peter Bitterli

    Dümmliche Politpropaganda. Es war ja just der vielgescholtene Lega-Gründer Bignasca, der seinerzeit das Centro realisierte.

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