Dank Corona-Entspannung können diese Menschen zum ersten Mal wieder in ihre alte Heimat reisen:

Endlich wieder Familie!

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Harte Corona-Monate lang konnten diese Frauen und Männer ihre Familien in der alten Heimat nicht mehr besuchen. Jetzt aber freuen sie sich aufs baldige Wiedersehen. work wünscht: Gute Reise!

(Foto: Marco Zanoni)

Laura Garcia Solèr (42), Serviceangestellte, Studen BE «Ein bisschen Liebe und Familie»

«Am meisten freue ich mich darauf, auf einer Terrasse zu ­sitzen, mit Tapas und einem Glas Wein. Und mit meinen ­Kolleginnen und Kollegen zu schwatzen. Normalerweise gehe ich zweimal pro Jahr nach Spanien, um Familie und Freunde zu ­sehen. Aber jetzt war ich zwei Jahre lang nicht mehr dort.

EINE ROLEX. Das war eine schwierige Zeit! Ich wohne allein, und in der Coronazeit war ich wegen Kurzarbeit meist zu Hause. ­Allein. Da wurde ich depressiv. Aber übermorgen fliege ich endlich wieder nach Spanien! Für zehn Tage. Ich treffe meine ­Schwester, meinen Bruder und viele Kolleginnen von früher. Und Ende August reise ich gleich noch einmal nach Spanien, dann zu meinen Eltern. Da wollte ich eigentlich nach Schottland ­reisen, ich hatte tolle Ferien geplant. Aber plötzlich merkte ich: Nein, ich brauche jetzt ein bisschen Liebe und Familie.

Aus der Schweiz bringe ich immer Schokolade und Wernli-­Biscuits mit. Und alle wollen ein Schweizer Sackmesser. Wenn ich dann eins bringe, sagen sie: Super, das nächste Mal bitte eine Rolex! Ah, und meine Schwester bekommt eine Swatch. Sie hat schon eine ganze Sammlung davon. Als Jugendliche waren wir beide totale Swatch-Fans. Dann kam ich in die Schweiz, in die Nähe von Biel. Erst als ich hier war, habe ich gemerkt, dass hier ja die Swatch-Fabrik ist. Wow!

EIN LUFTERFRISCHER. Was ich zurückbringe? Sicher eine Flasche spanischen Wein für meinen Chef, weil er den so liebt. Dann­ ­Chorizo und spanische Donuts, die sind ganz anders als die ­hiesigen. Und den blauen Lufterfrischer aus dem Supermarkt. Wirklich! Das ist fast das Wichtigste. Dieser Geruch, der erinnert mich an zu Hause.» (che)


Valentina Kastrati (28), Teamleiterin Unia-Arbeitslosenkasse, Zollikofen BE «Kosovo, wir vermissen dich!»

(Foto: Franziska Scheidegger)

«Ich brauche die Atmosphäre von Kosovo, damit es mir gutgeht. Das ­Feeling dort ist ganz anders als hier, viel lockerer. Dass ich wegen Corona nicht reisen konnte, hat meinen Alltag hier schwieriger gemacht. Dann starb auch noch meine Gross­mutter, und am ersten Todestag meiner anderen Grossmutter konnte ich wegen des Lockdowns nicht dabei sein. Normalerweise reise ich drei bis fünf Mal pro Jahr nach Kosovo. Ein Teil meiner Familie lebt dort und die Cousinen, mit ­denen ich seit meiner Kindheit eng verbunden bin. Wenn wir ankommen, sagen wir ­immer: ­‹Kosovo, du bist zwar wie eine Wüste, aber wir vermissen dich trotzdem sehr.› Für mich ist das Land ein Stück Heimat.

BAYRAM. Kurz vor dem Lockdown im März 2020 wollte ich nochmals hin, doch mein Flug wurde annulliert. Als am 5. Mai 2021 dann endlich die Quarantänepflicht für Kosovo fiel, machte ich sofort zwei Anrufe: den ersten an meinen Mann, um ihm zu ­sagen, dass ich verreise, und den zweiten an meinen Vater, um ihn zu fragen, ob er mitkomme. Er konnte leider nicht, deshalb bin ich zwei Tages später alleine geflogen. Es war im Fasten­monat Ramadan. Das war schon speziell: Alles war viel ruhiger und langsamer als sonst. Ich bin dann bis Bayram geblieben, dem Fest am Ende des Ramadan. Bayram hat dort ungefähr die gleiche Bedeutung wie Weihnachten hier. Nach sechs Jahren konnte ich Bayram wieder mal in Kosovo feiern, irgendwie auch dank Corona.

GEDULD. Im Juli fahren wir jetzt für zwei Wochen hin, mit dem Auto. Es werden wohl sehr viele Leute unterwegs sein, so dass wir bei den Grenzübergängen lange warten müssen. Aber das ist halt so. Dafür kann ich dann meine Familie geniessen. Wir werden den 50. Geburtstag meiner Mutter nachfeiern. Und vielleicht fahren wir noch ein paar Tage an den Strand in Albanien» (asz)


Diana Fedzioryna (33), Kundenberaterin, Naters VS «Endlich ein Wiedersehen mit den Liebsten!»

(Foto: Franziska Scheidegger)

«Wir fahren diesen Sommer nach Tomaszów Lubelski. Mit dem Auto. Wir werden ungefähr 22 Stunden unterwegs sein. Die Stadt liegt im Südosten von Polen und ist ungefähr so gross wie Brig. Dort besuche ich meine Mutter und meine fünf ­Geschwister, diese bringen wiederum ihre Familien mit. Da ­kommen schon ein paar Leute zusammen! Ich treffe mich dann auch mit Freunden, geniesse die Zeit mit Mama und mache ­Ausflüge mit meinem Gottenkind. Ich freue mich jetzt sehr, endlich wieder Zeit mit meinen Liebsten zu verbringen!

HIN UND HER. Polen ist erst vor kurzem aus dem Lockdown erwacht. Jetzt gibt es gerade eine Phase der Lockerung, aber es ist unklar, ob das wirklich so bleibt. Lockerungen, Lockdown, Lockerungen, Lockdown: es war die ganze Zeit ein Hin und Her. Zum Glück sind wir in meiner Familie jetzt alle geimpft, das macht alles ein­facher. Vor allem, weil wir jetzt nicht mehr in Quarantäne müssen. Ich war seit über einem Jahr nicht mehr in Polen – ich hätte bei meiner Ankunft in Quarantäne gehen müssen und dann in der Schweiz auch. Deshalb hat sich ein Besuch einfach nicht gelohnt.

GOTTENKIND. Nur ein einziges Wochenende fuhr ich kurz hin: für die Kommunion von meinem Gottenkind. Es tat gut, auch wenn es stressig war. Vor Corona reiste ich regelmässig zwei bis drei Mal pro Jahr für ein verlängertes Wochenende nach Polen. Und im Sommer für eine oder zwei Wochen. Aber das mit den verlängerten Wochenenden geht jetzt halt nicht mehr, da ich wegen ­Corona andere Arbeitszeiten habe. Früher nahm ich immer das Flugzeug. Kurz vor dem Lockdown im Frühling hatte ich noch ­einen Flug gebucht, aber im letzten Moment wurde er annulliert. Deshalb ist mir das Fliegen jetzt zu riskant.» (asz)


Elio Li Voti (46), Sicherheitsmitarbeiter, Sonvilier BE «Ich werde mit meinem Sohn fischen gehen»

(Foto: Matthias Luggen)

«Meine Frau lebt mit unseren zwei Kindern in Vicenza, in Norditalien. Normalerweise fahre ich ein- bis zweimal pro Monat zu ihnen – ich will als Vater präsent sein, obwohl ich in der Schweiz arbeite. Wegen Corona war die Region lange in der ­roten Zone. Jetzt habe ich die Familie schon zweieinhalb Monate nicht mehr gesehen!

Wir haben zwar jeden Morgen, Mittag und Abend per Skype gesprochen. Aber das ist nicht dasselbe, wie wenn man sich trifft. Am schlimmsten war die Quarantäne. In der Ausbildung, die ich mache, wurde ein Kollege positiv getestet. Da musste ich zehn Tage zu Hause bleiben. Ganz allein! Ein Freund ging für mich einkaufen und hat die Sachen vor der Tür deponiert.

NICHT MAL AN DIE BEERDIGUNG. Für meine Frau war es auch hart, sie musste im Haus ­alles selber machen. Ich hatte angefangen, das Badezimmer zu renovieren, das musste sie jetzt fertig machen . Plus alle Arbeiten im Garten machen, dabei ist das normalerweise mein Job. Und gleichzeitig alleine zu den Kindern schauen. Meine Tochter ist zehn Jahre alt, der Sohn acht.

Irgendwann erkrankte auch noch meine Schwiegermutter an Corona – und starb. Ich durfte nicht einmal an die Beerdigung wegen der Restriktionen. Das war hart! Dabei hatte sie immer so viel für uns gemacht, sie hat jahrelang zu den Kindern geschaut.

EINFACH WUNDERBAR! Jetzt sind die Beschränkungen aufgehoben, ich kann wieder nach Italien fahren. In einer Woche reise ich ab. Endlich! Für drei Tage, dann muss ich wieder arbeiten. Ganz sicher werde ich mit meinem Sohn fischen gehen, darauf freuen wir uns beide. Und im August habe ich dann noch zwei Wochen Ferien. Wir werden ­wieder gemeinsam Zeit verbringen. Endlich!» (che)


Arif Keranovic (51), Elektriker, Zuchwil SO «Endlich die Hochzeit fertig feiern!»

(Foto: Matthias Luggen)

«Ich war im Mai 2021 das letzte Mal in Bosnien, aber nur für vier Tage. Das Bundesamt für Gesundheit hatte Bosnien gerade von der Liste der Risiko­länder gestrichen, und ich setzte sofort meine Familie ins Auto. 1000 Kilometer hin, 1000 Kilometer zurück. Für längere Zeit war ich das letzte Mal vor über einem Jahr in Bosnien. Wir feierten die Trauung nach muslimischem Brauch in der ­Moschee. Dann aber musste das Brautpaar die zivile Hochzeit und das eigentliche Fest wegen Corona verschieben.

Wir reisten so schnell wie möglich zurück in die Schweiz, weil die Grenzen zugingen. Den zweiten Teil dieser Hochzeit holen wir jetzt nach. Das wird ein ­riesiges Fest! Alle Verwandten und Bekannten sind eingeladen. Nur schade, dass meine beiden Söhne nicht mitkommen können, sie müssen in die Berufsschule.

Ich habe meine Familie schon sehr vermisst. Wir hatten zwar Kontakt über Skype & Co., aber das ist nicht das gleiche: Man sieht zwar die Leute, aber es ist nicht real.

ALLES WIRD AUFGETISCHT. Mein Vater ist schon vor längerer Zeit gestorben, und meine Mutter und meine Schwester wohnen in Slowenien. Deshalb besuchen wir in Bihać vor allem die Familie meiner Frau. Die Stadt liegt in der Nähe des bekannten Nationalparks Una, nahe der Grenze zu Kroatien. Das Gebiet dort ist wirklich sehr schön, Natur pur. Wenn wir ankommen, wird zuerst einmal richtig aufgetischt. Es ist bei uns normal, dass Gäste verwöhnt werden, es kommt nur das Beste vom B­esten auf den Tisch, auch wenn es das letzte ist, was man hat. Jetzt hoffe ich einfach, dass die Corona-Situation stabil bleibt, damit wir auch wirklich gehen können. Normalerweise fahren wir auch noch ein paar Tage ans Meer in Kroatien. ­Hoffentlich ist das auch dieses Jahr möglich!» (asz)


Chantal Zürcher (63), Sozialbegleiterin, Spiez «Meine Mutter hatte Tränen in den Augen»

(Foto: ZVG)

«Endlich sehe ich meine Mutter wieder! Ich bin sehr glücklich. Es ist für mich ein be­sonderer Urlaub, den ich gerade in Südfrankreich verbringe. Meine Mutter lebt in ­einem Heim in Figanières, einer kleinen Gemeinde, nicht weit weg von Nizza. Im letzten Jahr konnte niemand sie besuchen, nicht einmal die direkten Angehörigen. Aus ­Sicherheits­gründen. Letzten Februar ist es dann trotzdem passiert: Von den 52 Bewohnern haben sich 42 infiziert. Meine Mutter war eine von ihnen. Ich wollte sofort zu ihr fahren, doch ich durfte nicht. Es hiess immer, eine Visite wäre nur erlaubt, wenn meine Mutter im Sterben läge. Das kann bei Corona ja schnell gehen! Die Ärzte sagten mir, dass es ihr morgens gutgehen und es trotzdem schon am Mittag zu spät sein könnte. Das hielt ich fast nicht aus. Ich wollte auch nicht täglich anrufen, denn die Ärzte und Pflegerinnen waren völlig überlastet.

HÖLLE. Selten nur bekam ich meine Mutter direkt ans Telefon. Sie ist eine tapfere Frau, hat mit ihren 82 Jahren schon viel erlebt. Und trotzdem hielt sie es manchmal vor Schmerz nicht aus und schrie um Hilfe. Es gab Anrufe, da musste ich zehn Minuten ­mit anhören, wie sie schrie – und lange, lange kam niemand. So überfordert war das Personal. Sie alle haben die Hölle durchgemacht, meine Mutter, die anderen Bewohner, das Personal. So ging das mehr als einen Monat, viele sind gestorben. Erst Mitte März ging es meiner Mutter wieder besser.

MIA. Und jetzt kann ich sie wieder sehen. Mein Lebenspartner und ich haben sie ins ­Restaurant ausgeführt. Es war das erste Mal seit anderthalb Jahren, dass sie das Pflegeheim verlassen konnte. Und sie war so gerührt, hatte sogar Tränen in den Augen. Mir ging es nicht anders. Wir haben auch etwas ganz Besonderes zu feiern: Ich bin inzwischen Grosi und meine Mutter Urgrossmutter geworden. Die kleine Mia hat meine Mutter jetzt auch sehen können. An viele Dinge erinnert sie sich nicht mehr, aber wann Mia geboren wurde, weiss sie ganz genau.» (jos)


Manuel Dias da Silva (59), Bauarbeiter, Grenchen SO «Es muss jetzt einfach klappen!»

(Foto: Severin Nowacki)

«Ich lebe und arbeite seit vierzig Jahren in der Schweiz, meine Frau ist auch da, aber die beiden Kinder sind in Portugal geblieben. Ihre Grossmutter und ihre Tanten haben zu ihnen geschaut, als sie noch klein waren. Wir besuchen sie immer nur ein bis zwei Mal pro Jahr. Deshalb bin ich es ­gewohnt, sie länger nicht zu sehen. Aber es ist schmerzhaft. Gerade jetzt während der Pandemie. Ich wollte im April zu ­ihnen, konnte aber nicht, wegen der Quarantänepflicht. Aber jetzt muss es einfach klappen: im Juli möchten meine Frau und ich für zwei Wochen zu unseren Familien in Braga. Das ist im Norden von Portugal.

KÄSE UND SCHOGGI. Lange gab es in Portugal eher wenig ­Covid-Infizierte, seit April sind es aber wieder sehr viele. Die Regierung hat jetzt sogar zeitweise die Hauptstadt Lissabon ­abgeriegelt. Doch im Norden ist es offenbar besser. Wir flogen häufig, aber das machen wir dieses Mal nicht: es ist zu un­sicher, ob sie die Flüge annullieren. Wir nehmen das Auto. Das dauert 22 Stunden, wenn alles gutgeht. Meistens bringe ich meiner Familie und meinen Freunden Schoggi und Käse mit. Mit zurück in die Schweiz nehme ich dann nur die schönen ­Erinnerungen.» (asz)

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