Bruna Campanello (45): Kandidatin für die Unia-Geschäftsleitung

«Wir dürfen nie aufgeben, nie!»

Johannes Supe

Helfen in El Salvador, Streiken in der Schweiz und Segeln auf dem Zürisee: Wo Bruna Campanello ist, schlägt sie Wellen.

IMMER IN BEWEGUNG: Wird Bruna Campanello in die Unia-Geschäftsleitung gewählt, wäre sie schon bald die neue Chefin des Sektors Ausbaugewerbe. (Foto: Nicolas Zonvi)

«Es war Rambazamba. Und ich habe es geliebt.» Wenn Bruna Campanello über vergangene Aktionen spricht, kann man ihr die Begeisterung ansehen. Sie lehnt sich dann etwas nach vorn, spricht schneller, gestikuliert ausgreifender. Ihre Augen glänzen ein wenig. Und was sie für Geschichten zu erzählen hat!

Etwa über die Auseinandersetzungen im Schreinergewerbe. Anfang der 2000er Jahre war das: zwischen den Meistern und der Gewerkschaft ging es keinen Schritt vorwärts in den Verhandlungen. Warum also nicht die trägen Gespräche aufrütteln? Kurzerhand stürmen ein Dutzend aufgebrachte Büezer in die Verhandlungen. Als sich die Meister überlegen, die Polizei zu rufen, ereilt sie gleich der nächste Streich. Ein Streik! Ihre Betriebe werden lahmgelegt. Das fährt ein. Kurz danach kommt Bewegung in die Verhandlung. Und, na klar, Bruna Campanello hatte diesen Streik mitorganisiert. Damals, vor fast 20 Jahren, war sie noch einfache Assistentin der Gewerkschaft Bau und Indus­trie (GBI), einer Vorgängergewerkschaft der Unia.

«Bruna ist eine Kämpferin, keine Bürokratin.»

SIZILIANISCHE WURZELN

Ein Zufall trieb Campanello im Januar 2001 zur GBI. Gerade hatte sie ihre kaufmännische Lehre abgeschlossen und ihre Matura nachgeholt. Da wies ihr Bruder, der selbst für die Arbeitslosenkasse der Gewerkschaft arbeitete, sie auf eine offene Stelle hin. Damals war sie 21. Und sich noch nicht ganz sicher, wie sie zur Gewerkschaft stehe. Campanello erinnert sich: «Ich war schon links. Aber wirklich politisiert wurde ich durch die Gewerkschaft.» Schon als Kind erfuhr Campanello, die schweizerisch-italienische Doppelbürgerin ist, wie sehr schlechte Arbeitsbedingungen Menschen zusetzen können. Ihr Vater kam 1958 als sizilianischer Schuhmacher in die Schweiz – um seiner Familie ein besseres Leben bieten zu können. Der Preis dafür: Arbeitstage von morgens um 6 bis abends um 7. Campanellos Mutter kümmerte sich neben der Erwerbsarbeit noch um den Haushalt und die drei Kinder.

EINE KLEINE SENSATION

Bei der GBI fällt Campanello von Anfang an auf. ­Einer, der ihr Potential gleich bemerkt, ist Franz ­Cahannes, damaliger Vizepräsident der GBI. Er erzählt: «Bruna arbeitete im 4. Stock unserer Zentrale in Zürich. Und dieser 4. Stock wurde zum Anlaufpunkt für Kaffeepausen und Gespräche. Und ich habe gleich bemerkt, wie interessiert sie war.» Cahannes begann, sie für die Arbeit im Ausbaugewerbe (Schreiner, Gipser, Malerinnen usw.) einzusetzen. Ein Schritt, über den er bis heute froh ist: «Bruna ist eine Kämpferin, keine Bürokratin.»

Wird Campanello gewählt, wäre sie schon bald die oberste Vertreterin des Ausbaugewerbes, die erste Frau auf dieser Position. Also eine kleine Sensation. Doch Campanello winkt ab, für sie sei das nie ein Thema gewesen, einzige Frau in der männerdominierten Sektorleitung Gewerbe zu sein. Rita Schiavi, früheres GL-Mitglied der GBI wie auch der Unia, sagt, Campanello sei die Richtige für den Job: «Sie ist eine seriöse Arbeiterin und absolut dossierfest.»

Campanello ist es ein zentrales Anliegen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Auch auf dem Bau. Ein Modellprojekt dafür hat sie im Bereich der Malerinnen und Gipser vorangetrieben: Endlich soll Teilzeitarbeit möglich sein. Campanello: «In den Köpfen vieler Arbeitgeber ist noch immer das Bild des Mannes verankert, der 100 Prozent arbeitet. Das ist einfach nicht mehr modern.»

STERN ÜBER EL SALVADOR

2007 geht Campanello erst mal für einige Monate fort. Nach El Salvador. Dort unterstützt sie die linke und antikolonialistische Partei FMLN und die örtlichen Gewerkschaften. Für Campanello ein entscheidendes Erlebnis: «Die Rechten waren an der Macht, und Gewerkschafter wurden regelrecht verfolgt. Wer sich organisierte, kam unter Druck, wurde entlassen und sogar auf schwarze Listen gesetzt.» Eine Erinnerung an die Zeit in El Salvador bleibt ihr: der fünfzackige Stern, Parteizeichen der FMLN, den sich Campanello auf den linken Oberarm tätowieren liess.

Wieder in der Schweiz, holt sie «Ziehvater» ­Cahannes zurück in die Gewerkschaft. Die Arbeit dort gefällt ihr, gerade der Kontakt mit den Vertrauensleuten. Giuseppe Reo, der Campanello seit 20 Jahren kennt, sagt: «So ist Bruna einfach: Ihr sind die Mitglieder wirklich wichtig.» Der Leiter der Regionen Zentralschweiz und Berner Oberland weiss: «Bruna pflegt auch die Kontakte in die Regionen, kommt an Versammlungen. Das schätzen die Leute.»

Doch Campanello muss auch Rückschläge verkraften. So etwa 2004: «Wir versuchten, per Streik eine frühere Pensionierung der Maler und Gipser zu erreichen.» Doch das klappte nicht auf Anhieb. Umso wichtiger sei es, Themen hartnäckig weiterzubearbeiten. Campanello: «Als Gewerkschafter dürfen wir nicht aufgeben, nie!» Der Durchbruch bei der Frühpensionierung der Malerinnen und Gipser kam dann 13 Jahre später, 2017. In Verhandlungen. Und gab ihrem Credo recht.

Und was macht die Frau in der Freizeit? Draussen sein. Am See. Oder auf dem See! Zusammen mit ihrer Familie legt Campanello gerne Hand an ihr altes Segelschiff an. Sobald das Boot auf Vorderfrau gebracht ist, wird sie lossegeln.


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