Bärtschi-Post

Die Briefträgerin & das Siegchen

Katrin Bärtschi

Katrin Bärtschi ist Briefträgerin in Bern und Gewerkschafterin.

Kürzlich kam eine Kollegin aus der Hauptkasse im Stollen angetanzt und rief den Namen der Briefträgerin aus. Diese meldete sich und fragte halb im Scherz: «Was habe ich wieder falsch gemacht?» – «Ich habe ein Mail erhalten. Du hast am Samstag eine Nachnahme einfach deponiert. Dabei stellt ihr ja am Samstag gar keine Nachnahmen zu, und sowieso werden die nicht deponiert!» Aufgrund dieser Fehlleistung würden nun rund zwanzig Franken in der Kasse fehlen.

Wird der Ton autoritär, vergeht der Briefträgerin das Spassen.

NACHNAHME. Wenn der Ton autoritär wird, vergeht der Briefträgerin das Spassen. Sie protestierte verärgert: «Sicher habe ich am Samstag keine Nachnahme mitgenommen, geschweige denn einfach deponiert! Der Scanner würde das sowieso nicht erlauben!» – «Die Scan-Daten beweisen es!» beharrte die Kollegin aus der Hauptkasse. Und wenn ihre Abrechnung nicht stimme, müsse sie den Fehlbetrag auch aus dem eigenen Sack begleichen.

Die Briefträgerin blätterte das Geld hin und verliess zornig den Laden. Vor Ärger überquerte sie die Strasse neben dem Zebrastreifen und wurde prompt von einem Polizisten angehalten, der sie mahnte, ein Vorbild für die Kinder zu sein …

GERECHTIGKEIT. Zwanzig Franken wären zu verschmerzen, aber das nächste Mal könnten’s fünfzig sein und so weiter und so fort. Und vor allem geht es um Gerechtigkeit! In diesem Sinn verfasste sie am gleichen Abend ein Mail an ihren Teamchef. Eine andere, flotte Kollegin aus der Hauptkasse ging der Sache am nächsten Tag auf den Grund. Sie fand heraus: Der Fehler geschah anderswo, ob durch Mensch oder Maschine verursacht, wurde nicht ganz klar. Der Teamchef gelobte, ihr die zwanzig Franken «würdig» zurückzuerstatten, und an der Leitungssitzung wurde beschlossen, dass solche Geschichten in Zukunft immer genau aufgeklärt werden müssten. Denn: «Derartige Fehler passieren – wenn auch nicht oft.» Die Briefträgerin war fröhlich wegen des kleinen Siegs. Und sie will ihn der flotten Kollegin mit einem Geschenk verdanken!

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