Bärtschi-Post

Die Briefträgerin & die Floskeln

Katrin Bärtschi

Katrin Bärtschi ist Briefträgerin in Bern und Gewerkschafterin.

Es gibt schöne Redensarten. Der Abschiedsgruss «schönes Wochenende» an die Adresse der Arbeitskolleginnen und -kollegen, am Freitag oder Samstag geäussert, gefällt der Briefträgerin zum Beispiel sehr. Er drückt das Bewusstsein aus, dass Freizeit winkt. Eine Zeit, die vielen Leuten kostbar ist. Einander eine schöne zu wünschen ist sympathisch.

Es gibt richtig schöne Floskeln, manche sind aber gedankenlos.

NEUE FLOSKELN. Eine neue Zeit bringt eine neue Sprache. Und mit ihr neue Floskeln. Der Duden hat in seine Ausgabe von 2020 nach eigenen Angaben 3000 neue Begriffe aufgenommen. Und hält fest: «Mit Neuaufnahmen wie dem berüchtigten ‹Covid-19› oder ‹Social Distancing› zeigt er sich ganz am Puls der Zeit.» Immer wieder staunt die Briefträgerin, wie rasch und verbreitet die Parolen des Zeitgeists übernommen werden. Wie selbstverständlich und modebewusst die Neukreationen verwendet werden. Als gehörten sie seit Ewigkeiten zum gängigen Sprachgebrauch. «Fallzahlen», «Abstand einhalten», «Infektionsraten», «gendergerecht», «wertschätzend» usw. usw. Oder frühmorgens im Zug, empfundene zehntausend Mal gehört: «Werte Fahrgäste, bitte beachten Sie, dass im öffentlichen Verkehr eine Maskenpflicht besteht …» Die Briefträgerin fragt sich zum x-ten Mal, ob es wohl eine echte oder eine künstliche Frauenstimme sei, die die Parole wiederholt und wiederholt. Oder sie verdreht zusammen mit den andern Fahrgästen die Augen über der Maske und hört weg. Die Verkäuferin im Supermarkt – wie viele hundert Mal pro Tag repetiert sie wohl: «Äs schöns Tägli und gueti Gsundheit!»?

Angenommen, die Briefträgerin sei auf dem Heimweg vom Besuch bei der Ärztin, im Sack eine MS- oder Krebsdiagnose. Nun liest sie hier auf einem Plakat «Bleiben Sie gesund», dort trifft sie einen flüchtigen Bekannten, der wünscht: «Bliib gsund!» Der Lautsprecher im Laden mahnt: «Halten Sie Abstand und bleiben Sie gesund!» Usw. usf. Was empfände die Briefträgerin – oder sonst wer in ihrer ­Situation – wohl dabei? Trauer? Zorn? Beides?

Es gibt Redewendungen, die sind richtig schön. Es gibt solche ohne besondere Bedeutung. Und dann gibt es die sehr unüberlegten und gedankenlosen Floskeln.

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