Neue Unia-Umfrage in der Dienstleistungsbranche: Alarmierende Resultate

Zwei von drei wollen den Job wechseln

Christian Egg

Von den Menschen in Dienstleistungsberufen ist die Mehrheit mit den Arbeits­bedingungen nicht zufrieden.

KRANKSPAREN: Weil das Geld nicht reicht, verzichten viele in Tieflohnberufen Beschäftigte auch auf Arztbesuche und Medikamente. Vier von zehn Teilnehmenden an der Unia-Umfrage sagen, die Arbeit gefährde oder beeinträchtige ihre Gesundheit. (Foto: Keystone)

Verkäuferinnen, Pfleger, Putzkräfte: Ihre Arbeit ist wichtig. Für uns alle. Das hat spätestens die Coronakrise gezeigt. Aber gerade in diesen neuerdings als «systemrelevant» bezeichneten Berufen sind die Löhne so tief, dass sie vielen nicht zum Leben reichen. Andere werden von der Arbeit krank oder haben kaum mehr Zeit für die Familie.

Eine neue Umfrage der Unia Zürich-Schaffhausen liefert jetzt detaillierte Zahlen. Und die sind eindeutig. So sagen zwei von drei Befragten, sie möchten in den nächsten zwei Jahren am liebsten weg von ihrem Job. Im Gastgewerbe und in der Reinigung haben sogar drei von vier die Nase voll. Florian Keller von der Unia Zürich-Schaffhausen: «Schon das sollte den Arbeitgebern zu denken geben. Wollen sie wirklich Bedingungen, unter denen es den meisten Leuten aushängt?»

Bei fast der Hälfte reicht der Lohn nicht zum Leben.

ZWEI JOBS, DAMIT’S REICHT

Die Umfrage zeigt auch die Gründe für diese Unzufriedenheit. An erster Stelle: die tiefen Löhne. Auf die Frage, ob der Lohn zum Leben reiche, antworten nur gerade 22 Prozent mit Ja. Weitere 33 Prozent kreuzten «Ja, mit Einschränkungen» an. Der Rest, also fast die Hälfte, kann die Rechnungen nicht bezahlen, ist auf Unterstützung angewiesen oder hat zwei Jobs, damit es reicht. Was das bedeutet, deutscht ein 56jähriger Koch im Kommentarfeld aus: «Seit sieben Jahren versuche ich meine Matratze zu wechseln, aber ­ich schaffe es nicht. Ende Monat habe ich nichts übrig.»

MEDIKAMENTE? KEIN GELD

Noch schlimmer ist es in der Coiffeurbranche. Dort reicht bei 62 Prozent der Befragten der Lohn nicht aus. In der Reinigung sogar bei 72 Prozent, also bei fast drei Vierteln aller Beschäftigten. Eine 40jährige Reinigerin schreibt:

«Nur wenn es gar nicht anders geht, gehen wir zum Arzt oder in die Apotheke.» Stress im Job plus Stress mit dem Geld – das macht krank. Ganze ­41 Prozent sagen, die Arbeit gefährde oder beeinträchtige die Gesundheit. Unter den Berufstätigen in Pflege und Betreuung sind es sogar 60 Prozent. Am meisten genannt werden psychische ­Beschwerden wie Stress, Burnout oder Depressionen.

ES MUSS ETWAS GEHEN

1100 Menschen haben an der Umfrage teilgenommen, drei Viertel davon waren Frauen. Unia-Mann Florian Keller sagt, die Ergebnisse dienten als Basis für die weitere Arbeit: «In Diskussionsgruppen mit den Menschen aus diesen Berufen werden wir jetzt festlegen, welches die Hauptanliegen für die nächsten Jahre sind.» Die Unia Zürich-Schaffhausen habe sich entschlossen, jetzt ­einen Schwerpunkt bei den Dienstleistungsberufen zu setzen, weil hier die meisten Leute tätig und die Bedingungen oft schlecht seien. Und zudem, so Keller, «war es vor gut 15 Jahren das Gründungsversprechen der Unia, sich im Dienstleistungssektor als starke Gewerkschaft zu positionieren. Das treiben wir auch jetzt noch voran.»

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