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Strassenreinigerin Caroline Nobs: «Ich liebe den Winterdienst!»

Anne-Sophie Zbinden

Vom Coiffeursalon über die Back­stube in den Traktor: so ­aussergewöhnlich ist der Werdegang von Caroline Nobs, einer der ersten Strassen­reinigerinnen der Stadt Bern.

BAHN FREI. Caroline Nobs (44) befreit Trottoirs von Schnee und Eis. (Fotos: Franziska Scheidegger)

Bei eisigen Temperaturen und Schneefall hat Caroline Nobs (44) das Handy stets bei Fuss. Im Winterhalbjahr hat die Strassenreinigerin jede zweite Woche Pikettdienst. Sie sagt: «Heute morgen klingelte das Telefon um 4.30 Uhr. Und es kann gut sein, dass ich heute abend nochmals rausmuss.» Eine halbe Stunde nach dem Alarm ist sie im Stützpunkt in Bern Bümpliz, hat sich die leuchtorange Arbeitskleidung angezogen und den Traktor paratgemacht. Dann montiert Nobs den Schneepflug und den Salzstreuer, füllt das Salz auf. Und schon kann’s losgehen, hinaus ins Schneegestöber. Nobs kümmert sich zuerst um die Tram- und Busstationen und die wichtigen Fusswege. Erst wenn diese schnee- und eisfrei sind, kommen die Trottoirs dran. Und ganz zum Schluss die Brücken im Wald. Auch Senklöcher, Übergänge zu den Trottoirs und Treppen freischaufeln gehört zum Winterdienst. Um die Strassen kümmern sich Kolleginnen und Kollegen von einem anderen Stützpunkt. Heute muss Nobs bis am Mittag pflügen und salzen. «Wenn es richtig viel Schnee hat, dann fahren wir auch am Nachmittag nochmals.» Es komme vor, dass sie bis zu zwölf oder mehr Stunden am Stück arbeiten müssten. «Da liiret es mir dann schon ein bisschen!» Sie habe auch schon von Wintern gehört, an denen das Team 18 Tage hinterein­ander ausrücken musste.

CHEFIN. Dann ist der Winter nicht gerade Nobs’ liebste Jahreszeit? Im Gegenteil: «Ich habe nach wie vor gerne Schnee. Das einzige, was ich vermisse, ist, frühmorgens mit den Hunden laufen zu gehen.» Und sie liebt den Winterdienst. «Da ist immer viel los, und ich fühle mich wohl im Traktor, der ist geheizt, und ich kann Musik hören.» Und bereits in ihrem ersten Jahr beim Tiefbauamt der Stadt Bern habe sie Schwein gehabt: Seit Dezember seien sie bereits 24 Mal ausgerückt. Im letzten Jahr waren es nur drei Einsätze.

Ihre berufliche Laufbahn startete Nobs mit feineren Werkzeugen: nämlich als Coiffeuse. «Ich war eine gute Coiffeuse, nahm sogar an Wettkämpfen im Ausland teil.» Doch bereits in der Lehre half sie ihrem Vater, der in der Altstadt von Biel eine Bäckerei führte. Nobs erinnert sich schmunzelnd: Nach der Lehre habe sie ihr Vater «überschnuret», ganz bei ihm einzusteigen. Und ein paar Jahre später übernahm sie selbst die Bäckerei und führte sie 20 Jahre lang. Viele Jahre hätten sie gut gelebt von der Bäckerei. Aber auch sehr hart gearbeitet. «Ich stand jeden Tag ab Mitternacht in der Backstube. An den Wochenenden hatte ich nie frei, am Sonntagabend machte ich Büro und am Montag, wenn das Geschäft geschlossen war, den Grosseinkauf.» Als dann das Standesamt und weitere Arbeitgeber aus der Bieler Altstadt wegzogen, rentierte das Geschäft nicht mehr, Nobs musste schliessen. Eine neue Arbeit fand sie bei der Jowa-Bäckerei in Zollikofen BE. Doch der Job gefiel ihr nicht. Nobs sagt: «Ich hatte grosse Mühe mit der Qualität der Produkte und fühlte mich im Team nicht wohl.» Sie kündigte und wollte nichts mehr mit Lebensmitteln zu tun haben – dafür einen Job mit freien Wochen­enden.

SCHAUFEL, SCHNEE UND SCHALTHEBEL: Caroline Nobs sorgt dafür, dass Fuss­gängerinnen und Fussgänger auch im Winter sicher unterwegs sein können.

PIONIERIN. Wie gerufen kam da die Offensive der Stadt Bern, mehr Frauen als Strassenreinigerinnen zu gewinnen. Während vieler Jahre hatte nur eine einzige Frau als Strassenreinigerin gearbeitet, das sollte sich nun ändern. Caroline Nobs bewarb sich um eine Stelle, und wurde gewarnt: «Der Umgangston ist rau, die Arbeit körperlich streng, halten Sie das aus?» Nobs liess sich davon nicht beeindrucken und trat als eine von sechs Frauen ihre neue Stelle als Strassenreinigerin an. Heute sagt sie: «Ich habe nie ein falsches Wort gehört, seit ich hier arbeite.» Alle seien zuvorkommend, helfen und respektieren einander. Zudem gebe es nur wenige Aufgaben, für die ihr die Muskelkraft fehle.

Die neuen Strassenreinigerinnen stehen in regem Kontakt untereinander, treffen sich regelmässig an Sitzungen und tauschen sich über ihre Rolle als Pionierinnen aus. Denn der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Nobs erklärt: «Die Arbeitskleider waren zu gross, und wir hatten keine Funk­tionsunterwäsche für Frauen, auch Sicherheitsschuhe in meiner Grösse gab es nicht.» Die Strassenreinigerinnen werden speziell gefördert. So dürfe sie schon in ihrem ersten Winter mit dem Traktor fahren. Und sie sei auch bereits für die Ausbildung angemeldet, um die grosse Putzmaschine fahren zu können. Andere warteten schon seit drei Jahren auf diese Möglichkeit. Für Nobs ist es deshalb «kein Wunder, dass dies bei manchen Kollegen nicht so gut ankommt». Zudem stehen Nobs und ihre Kolleginnen mehr im Rampenlicht als die Kollegen, auch Nobs selbst hat bereits Erfahrung im Interview­geben. Und wenn sie jetzt gerade nicht mit work sprechen würde, wäre sie am «Fötzelen» wie ihre Kollegen. Denn unterdessen hat es aufgehört zu schneien. Wenn kein Winterdienst ansteht, ist das Abfallsammeln mit der Zange – «momentan sind’s hauptsächlich Masken» – eine ihrer Hauptbeschäftigungen. Ebenso wie die «Kübeltour», das Leeren der Abfalleimer. Und natürlich das Reinigen der Trottoirs mit der Putzmaschine. Nobs erzählt: «Ich musste zum Glück noch nie so richtig gruusige Sachen wegräumen. Das Schlimmste waren bis jetzt Früchte voller Maden.»

Nur selten überkommt sie Wehmut nach ihrem früheren Leben. «Früher hätte ich nicht als Strassenreinigerin arbeiten können, das wäre mir irgendwie zu tief gewesen. Heute sage ich: Wenn das Team stimmt und die Arbeit stimmt, dann ist alles gut.» Jahrelang sei sie in der Backstube eingesperrt gewesen. «Jetzt bin ich draussen unterwegs, höre die Vögel zwitschern, das ist wahnsinnig schön!»


Caroline NobsHündelerin

Caroline Nobs lebt in Schüpfen BE, zusammen mit den Hundedamen Blue und Richie und dem Rüden Lium. Es ist eine internationale Wohngemeinschaft: die Mischlinge kamen über den Tierschutz aus Bulgarien, Deutschland und Spanien ins Berner Seeland. Mit den beiden grösseren Hunden macht Nobs Bikejöring. Das ist wie Schlittenhundefahren, anstelle eines Schlittens ziehen die Hunde jedoch ein Velo. «Das hat mich fasziniert!» Gerne möchte sie in nächster Zeit ein Rennen fahren.

CAMPING. Normalerweise habe sie Wintercamping gemacht. Dann habe sie jeweils ihren Wohnwagen für ein halbes Jahr fix in Lauterbrunnen BE plaziert und sei an den freien Tagen jeweils Ski fahren gegangen und habe «das Leben genossen». Dieses Jahr musste sie jedoch pausieren, weil sie nicht wusste, ob das Campen mit dem Winterdienst vereinbar sei. Mit dem Wohnwagen war sie auch schon in Spanien oder an der Nordsee, aber für längere Reisen hatte sie noch nie lange genug Ferien. «Aber das wäre mal schön!»

Caroline Nobs ­verdient für ihr 100-Prozent-Pensum 66’000 Franken brutto pro Jahr.

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