Neuenburg: Johnson & Johnson lagert Produktion aus

Impfstoff-Milliarden und Wildwest-Methoden

Christian Egg

Der US-Pharmamulti Johnson & Johnson will im Kanton Neuenburg 320 Stellen ­streichen. Ganz ohne Sozialplan! Aus­gerechnet jetzt, wo der Bund mit dem Konzern über Impfstoff­dosen verhandelt.

HOFFNUNGSSPRITZE: Johnson &  Johnson stellt einen weltweit heiss­begehrten Impfstoff her. Auf den US-Pharmakonzern wartet ein Milliardengeschäft. (Foto: Getty)

Er ist der grosse Hoffnungsträger gegen Corona: der Impfstoff von Johnson & Johnson. Er ist günstig und soll vor einem schweren Krankheitsverlauf schützen. Noch ist er nirgends zugelassen, doch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verhandelt derzeit mit dem US-Pharmamulti über den Kauf von Impfdosen (siehe Artikel unten). Und just jetzt verkündet Johnson & Johnson in Neuenburg, dass die Produktion nach Mexiko und Puerto Rico ausgelagert werden soll. Das teilten die Chefs den geschockten Arbeiterinnen und Arbeitern Ende Januar mit: 320 Fixstellen plus 70 temporäre sollen verschwinden!

«Das BAG soll sich in den Verhandlungen dafür einsetzen, dass unsere Stellen erhalten bleiben!»

DAS GUTE GESCHÄFT

Industriearbeiterin Yvette Durand* kann es immer noch nicht fassen: «Viele von uns sind seit dem Anfang dabei», sagt sie. Das heisst seit 20 Jahren. Damals eröffnete der US-Konzern Johnson & Johnson, eines der grössten Pharmaunternehmen der Welt, eine neue Fabrik in Neuenburg. Und lässt dort seither chirurgische Nadeln und Wundverschlüsse herstellen.

Was jetzt viele im Betrieb frus­triert: Sie wissen bis heute nicht, warum der Konzern sie auf die Strasse stellen will. Sara Fusco *, Schichtarbeiterin in der Produktion, sagt gegenüber work: «An der Mitarbeiterinformation fragte jemand nach dem Grund der Verlagerung. Die Chefs beantworteten die Frage nicht.» Gegenüber work schreibt der Firmensprecher, Ziel der Verlagerung sei es, ­«Innovationen zu beschleunigen, die Agilität zu verbessern und die Bedürfnisse der Kunden besser zu antizipieren und zu erfüllen.» Reiner Verwedel-Nonsens.

Kein Wunder: Denn die Fabrik läuft «wie am Schnürchen». Das berichten mehrere Mitarbeitende gegenüber work. Fusco erklärt nicht ohne Stolz: «Bei den regelmässigen Qualitätskontrollen haben wir immer gut abgeschnitten.» Dass es Johnson & Johnson gutgeht, zeigen auch die Zahlen: 2020 machte der Multi ­einen Jahresgewinn von 14,7 Milliarden Dollar. Für CEO Alex Gorsky (Entschädigung 2019: 25,4 Millionen Dollar) ein «bemerkenswertes Ergebnis». Und jetzt lockt ein Milliardengeschäft mit dem Corona-Impfstoff. Mitarbeiterin Yvette Durand findet das Ganze «einfach nur widerlich». Und fordert: «Das BAG soll sich in den Verhandlungen dafür einsetzen, dass unsere Stellen erhalten bleiben!»

DIE DROHUNG

Doch die Chefetage bleibt knallhart: sie weigert sich sogar, einen Sozialplan zu verhandeln. Obwohl sie laut Obligationenrecht dazu verpflichtet wäre. Johnson & Johnson will nur individuelle Entschädigungen auszahlen. Und nur an die Festangestellten – die Temporären sollen leer ausgehen. Mitarbeitende berichten, dass die ersten Angebote mickrig gewesen seien, worauf die Firma die Beträge verdoppelte. Aber alles bleibt vage. Arbei­terin Fusco: «Es gibt nichts Schrift­liches.»

Verhandlungen mit der Unia lehnt die Firmenleitung ebenfalls ab. Und die Zahlungen gebe es nur, wenn die Unia aus dem Spiel bleibe. Mitarbeiterin Durand: «Uns wurde deutlich gesagt: Wenn Ihr die Gewerkschaft ins Haus holt, fangen wir wieder bei null an.» Silvia Locatelli, Leiterin der Unia Neuenburg, ist verärgert: «Das sind Wildwestmethoden. Ein klarer Versuch, die Leute einzuschüchtern.»

DIE STEUERRABATTE

Auch dem Kanton Neuenburg hat Johnson & Johnson eine Abfuhr erteilt. Der hatte vorgeschlagen, die Firma solle sich unter seiner Schirmherrschaft mit der Unia treffen. Der zuständige Regierungsrat Jean-Nathanaël Karakash (SP) zeigt sich enttäuscht. Er schreibt work: «Wir bedauern diese Haltung des Unternehmens zutiefst.»

Mehr noch: Johnson & Johnson profitierte in Neuenburg jahrelang von Steuerrabatten: Mit dem Argument, dass sie Arbeitsplätze schaffe. Jetzt zerstört sie diese wieder. Die Steuergeschenke zahlt sie aber nicht zurück. Trotz den schönen Worten auf der Firmenwebsite. In einem Beitrag über das «soziale Engagement» des Konzerns heisst es dort wörtlich: «Etwas zurückzugeben ist für uns eine Berufung.»

* Name geändert

Neuer GAV: Bei Cilag geht es auch anders!

In Neuenburg verweigert Johnson & Johnson Verhandlungen mit der Unia. Dass es auch anders geht, zeigt der gleiche Konzern in Schaffhausen: Dort hat er für seine Tochterfirma Cilag soeben einen neuen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) abgeschlossen. Und darin Hand geboten zu einer Erhöhung der Mindestlöhne um 300 Franken pro Monat. Auch die Schichtzulagen steigen wieder, erstmals seit fast zwanzig Jahren: um bis zu 150 Franken pro Monat.

FREUDE HERRSCHT. Florian Keller von der Unia Zürich-Schaffhausen freut’s, denn bei der Cilag gibt es traditionell sehr viele und gut organisierte Unia-Mitglieder. Keller: «Sie haben sich gegen Verschlechterungen gewehrt und diesen guten GAV erkämpft.»


Impfstoff:Der Bund verhandelt und schweigt

LICHTBLICK: Das Johnson-&-Johnson-Vakzin ist einfach in der Herstellung und braucht kein Tiefkühlen. (Foto: Keystone)

Der Impfstoff von Johnson & Johnson ist schon vor der Zulassung heiss begehrt: Denn er ist einfach in der Herstellung und braucht kein Tiefkühlen. Die USA haben bereits den Kauf von 100 Millionen Dosen zugesagt. Kostenpunkt: 1 Milliarde Dollar. Die EU hat sich sogar bis zu 400 Millionen Dosen gesichert. Und auch die Schweiz verhandelt. Wie viele Impfdosen der Bund kaufen möchte und was sie kosten werden, ist nicht bekannt.

ALLES UNKLAR. Es werden schätzungsweise Schweizer Steuergelder in zweistelliger Millionenhöhe an Johnson & Johnson fliessen. Just an den Konzern, der derzeit in Neuenburg Hunderte Stellen abbauen will (siehe Artikel oben). Kein Wunder, werden jetzt Stimmen laut, die fordern, dass der Bund sich bei den Verhandlungen für den Erhalt dieser Stellen einsetzen soll. Ob er das tut, sagt er nicht. Das Bundesamt für Gesundheit schreibt auf Anfrage, zu laufenden Verhandlungen äussere man sich «aus verhandlungstaktischen Gründen» nicht.

1 Kommentar

  1. Zoller, Hermann

    FRAGE / BITTE: Den Johnson-Artikel möchte ich gern auf der Webseite des SPD-Ortsvereins Schwaikheim (in der Nähe von Stuttgart) veröffentlichen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich unterstelle, dass ihr damit einverstanden seid – natürlich mit Autoren- und Quellen-Angabe.
    Herzlichen Dank im voraus.
    Hermann Zoller
    Telefon 07195-51311

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