Turbo-Lädeler wollen noch längere Öffnungszeiten: Wofür Corona alles herhalten muss
Ihre Argumente mutieren rascher als das Virus

Mehrere Kantone wollen ausgerechnet im Teil-Lockdown die Laden­öffnungs­zeiten ­verlängern. Wegen der Pandemie haben sich die ­Deregulierer flugs neue Gründe zurechtgezimmert.

NEIN UND NOCHMALS NEIN! Verkäuferinnen und Verkäufer wollen nicht den einzigen Tag in der Woche verlieren, an dem auch Familie und Freunde freihaben. (Foto: Unia)

Viele Läden sind geschlossen, der Onlinehandel boomt, der Einkaufstourismus verschwindet: Im Detailhandel bleibt wegen der Massnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie kaum ein Stein auf dem anderen. Gleich bleiben nur die Rezepte der rechten Poli­tikerinnen und Politiker: Sie wollen längere Öffnungszeiten. Zulasten der Verkäuferinnen und Verkäufer.

Beispiel Bern: Im Corona-Sommer 2020 bewilligte die rechte Mehrheit im Kantonsparlament künftig vier Sonntagsverkäufe statt bisher zwei. Doch die Gewerkschaften ergriffen das Referendum, es kommt am 7. März zur Abstimmung.

Beispiel Zug: Eine Initiative der rechten Jungparteien fordert längere Öffnungszeiten – unter der Woche bis 20 Uhr, am Samstag bis 18 Uhr. Auch hier wird am 7. März abgestimmt.

Beispiel St. Gallen: Am Volk vorbei deklarierte der Regierungsrat das Zentrum der Kantonshauptstadt zur Tourismuszone. Deshalb müssen Verkäuferinnen und Verkäufer jeden Tag bis 20 Uhr chrampfen, auch am Samstag (work berichtete). Kürzlich haben SP, Grüne und Gewerkschaften eine Initiative dagegen eingereicht.

Beispiel Genf: Vor zwei Jahren führte der Kanton drei Sonntagsverkäufe pro Jahr ein – das wurde als «Experiment» deklariert. Die Bilanz der Unia: Es bringt den Läden nichts und belastet das Personal unnötig. Vergangene Woche entschied die Kantonsregierung: Die drei Sonntage sollen bleiben – und die Läden sollen am Samstag eine Stunde länger offen haben dürfen. Die Unia kündigte an, das Gesetz zu bekämpfen.

Plötzlich sollen die Öffnungs­zeiten für weniger Leute im Laden sorgen.

ALS «CORONASCHUTZ»

Lange Zeit war die Konkurrenz durch den Einkaufstourismus das Hauptargument für die Deregulierung der Öffnungszeiten. Das geht zu Coronazeiten natürlich nicht mehr. Kein Problem etwa für den Zuger FDP-Politiker Rainer Leemann. Dann müssen die längeren Öffnungszeiten halt gegen den Onlinehandel helfen.

Auch in St. Gallen lässt die FDP ihre Argumente mutieren. Lange war es ein Glaubenssatz der Turbolädeler, dass längere Öffnungszeiten mehr Kundinnen und Kunden in die Läden bringen. Jetzt gilt plötzlich das Gegenteil: länger offene Läden hätten «eine tiefere Kundenkonzentration zu Folge». Das sei «epidemiologisch sinnvoll».

FÜR DEN «UMWELTSCHUTZ»

Das grosse Vorbild der Deregulierer ist der Kanton Zürich. Unter der Woche dürfen dort Läden von 6 bis 23 Uhr offen haben. Doch der FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh reicht sogar das noch nicht. Sie fordert «mindestens acht» zusätzliche Sonntagsverkäufe. Und zeigte sich als wahre Meisterin der Argumentations­mutation: «Das hat auch einen Umwelt­aspekt. Die Lager mit den Frühjahrskollektionen sind voll und sollen nicht entsorgt werden müssen.»

Ganz ohne Politik und Gesetze machte es in Zürich dagegen der Flug­hafen. Und öffnete seinen neuen Shoppingtempel «The Circle» einfach mal an den Sonntagen. Ohne Bewilligung. Und obwohl er offensichtlich nicht den Reisenden dient. Lorenz Keller von der Unia Zürich-Schaffhausen: «Sollte ein Fluggast, der in Zürich abfliegt oder landet, dort einkaufen wollen, muss er oder sie das Flughafengebäude verlassen und einen grossen Platz überqueren.» Jetzt erhebt die Unia Einsprache gegen die Sonntagsverkäufe.


Verkäuferin Jasmin Moser:«Es verhungert niemand, wenn am Sonntag die Läden zu sind!»

Verkäuferin Jasmin Moser. (Foto: ZVG)

«Von uns Verkäuferinnen wird schon jetzt viel Flexibilität verlangt. Wir müssen ja in der Regel am Samstag arbeiten. Der Sonntag ist der einzige freie Tag, an dem unsere Familien und Freunde auch freihaben. Wenn es jetzt noch mehr Sonntagsverkäufe gäbe, würde sich das noch verschlimmern.

UNBELIEBT. Es verhungert niemand, wenn am Sonntag die ­Läden zu sind! Und sowieso gibt es schon genügend Ausnahmen. Etwa unseren Coop in Interlaken, weil das ein Tourismusort ist.

Klar, es gibt einen Lohnzuschlag, wenn ich am Sonntag arbeiten muss. Aber es stimmt nicht, dass die Sonntagsarbeit bei uns deswegen beliebt ist. Wir hätten viel lieber frei!»

Jasmin Moser ist Coop-Verkäuferin in Interlaken BE und Unia-Mitglied.

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