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Fotograf Matthias Luggen: «Plötzlich hast du das Bild!»

Patricia D'Incau

In ein gutes Bild investiert ­Fotograf Matthias Luggen viel Zeit und ­Herzblut. Und dreht dafür auch mal eine Extrarunde auf dem Spielplatz oder im Wald.

MIT NEUGIERDE UND GEDULD: Fotograf Matthias Luggen rückt Menschen ins rechte Licht. (Fotos: Severin Nowacki)

Seit bald drei Jahren fotografiert Matthias Luggen (54) für work. Für diese Ausgabe steht er ausnahmsweise nicht hinter der Kamera. Sondern davor. Wie er das findet? Luggen lacht: «Meistens fühlen sich die Leute etwas unwohl. Ich verstehe das.» Er empfehle es aber jeder Fotografin und jedem Fotografen, ab und zu die Seite zu wechseln. «Dann kannst du dich besser in die Menschen hineinversetzen.»

Das ist es auch, was Luggen interessiert: Menschen und ihre Geschichten. Sie bleiben in seinem Gedächtnis hängen. Noch heute erinnert er sich zum Beispiel an Lydia Veyard*, die ihre Stelle verlor, weil sie Mutter wurde. Für work porträtierte Luggen sie mit ihrem Kind. Er sagt: «Die Gesichter durften nicht zu sehen sein. Trotzdem wollte ich, dass das Foto diese Verbundenheit ausstrahlt.» Also ging er mit den beiden zuerst auf den Spielplatz, danach in den Wald spazieren, «und plötzlich hatten wir dieses Bild». Für Luggen ist klar: «Diese Zeit musst du dir einfach nehmen.»

ÜBER UMWEGE. Viel Zeit verging auch, bis Luggen das Fotografieren zu seinem Hauptberuf machte. Erst mit 46 wagte er diesen Schritt. Er sagt: «Es war immer mein Ziel, aber mit vier Kindern kannst du nicht einfach alles hinwerfen und sagen: Ich bin jetzt Fotograf.» Plötzlich sei ihm dann aber klar geworden: «Jetzt muss ich das machen. Sonst ist es zu spät.»

Das war für Luggen dann auch die Erfüllung eines Bubentraums. Schon mit 13 hatte er sich seine erste Kamera gekauft, eine ­Minolta. Von seinem allerersten Lohn, den er sich mit WC-Putzen und Rasenmähen auf dem Campingplatz verdiente. Von der Pike auf brachte er sich das Fotografieren selber bei, doch lange blieb es beim Hobby. Und als Luggen mit 21 zum ersten Mal Vater wurde, verschoben sich die Prioritäten ohnehin.

Um Geld zu verdienen jobbte er auf dem Bau und in einer Schreinerei. Das Geographiestudium hängte er an den Nagel. Und schliesslich machte er eine Ausbildung zum Sozialarbeiter. «Aber eigentlich hätte ich lieber das GAF gemacht, eine alternative Fotoausbildung der ‹Gruppe autodidaktischer Fotografen›.» Doch das lag einfach nicht drin. Also sagte sich Luggen: «Jetzt arbeitest du jeden Tag eine Stunde an der Fotografie. Und das ist dann deine Lehre.» Genauso hat er es gemacht. Mehr als 15 Jahre lang.

BESCHEIDEN: Fotograf Matthias Luggen arbeitet mit einer kleinen, aber sorgfältig ausgewählten Ausrüstung.

UNSICHTBARE ARBEIT. Seit 2012 ist er nun selbständig und hat sich eine Stammkundschaft aufgebaut. Dazu gehören neben work etwa das «Gross­eltern»-Magazin, die Stiftung für Konsumentenschutz und das Berner Strassenfestival Buskers. Trotzdem arbeitet er auch noch in einer Teilzeitstelle im Marketing. Denn: vom Fotografieren alleine lässt es sich heute nur schwer leben. Im Coronajahr hat sich Luggens Jahresumsatz halbiert und beträgt jetzt noch 30’000 Franken. «Die Auftragslage ist total eingebrochen.» Eine Jobabsage reut ihn besonders: «Ich hätte den Astronauten Claude Nicollier porträtieren dürfen. Weil er zur Risikogruppe gehörte, war das dann nicht möglich.»

Aber auch ohne Corona ist die Branche ein hartes Pflaster: Immer mehr Redaktionen sparen bei den Bildern. Der Kreis der Auftraggeberinnen wird kleiner, der Preisdruck nimmt zu. Und dann gebe es noch jene «Spezialisten», die am liebsten gar nichts bezahlen wollten, sondern ihm sagten: «Wir schreiben dann deinen Namen unter das Bild.» Das regt den sonst so sanftmütigen Walliser gehörig auf. «Unsere Arbeit ist doch nicht gratis!»

Und es ist viel Arbeit, die in einem einzigen Bild steckt. Am Anfang steht meistens ein Telefon: «Wenn ein Auftraggeber anruft, muss ich zuerst genau erfragen, was erwünscht ist.» Dann sammelt Luggen erste Umsetzungsideen. Und wenn immer möglich, besucht er schon im voraus den Ort, an dem der Fototermin schliesslich stattfinden wird. Besonders wichtig beim Fotografieren sei das richtige Licht. Und dass sich die Menschen vor der Kamera wohl fühlten. Luggen beobachtet sie schon, während er noch sein Equipment aufbaut. «Oft fällt mir da plötzlich etwas auf: eine bestimmte Bewegung, ein Gesichtsausdruck. Damit arbeite ich dann.»
«Uh sträng» findet er es vor allem, aus mehreren Hundert Bildern eine Handvoll auszuwählen, die er dann an die Auftraggeberin schickt. Das macht er am Computer in seinem Schlafzimmer. «Nicht gerade sehr Feng-Shui», sagt er schmunzelnd.

KEIN SCHNICKSCHNACK. Am liebsten wäre Luggen sowieso immer unterwegs. «Die Arbeit am Computer mag ich nicht», sagt er. Aber die gehöre halt auch zum Beruf dazu. Genauso wie Versicherungen und Altersvorsorge abrechnen oder die eigenen Webauftritte pflegen. «In mein Instagram-Profil etwa investiere ich relativ viel Zeit. Solche Plattformen sind halt auch Visitenkarten», erklärt Luggen. «Und natürlich informiere ich mich dauernd, was fotografisch gerade so läuft.» Das heisst auch, die eigene Ausrüstung à jour zu halten. Doch während andere einen riesigen Materialpark haben, ist Luggen minimalistisch unterwegs: eine kleine Leica-Kamera, die er immer bei sich trägt. Dazu eine Kamera für Auftragsarbeiten. Drei Objektive (eines davon von 1987) plus zwei unterschiedlich grosse Blitzanlagen – das ist schon fast alles.

Kaufen tut er meistens Occasion. Denn auch als Profi müsse man nicht immer das Neuste haben, findet Luggen. «Wichtiger ist, dass dir das Equipment passt. Du musst es gerne in der Hand haben und wissen, welche Knöpfe wo sind.»

Und was braucht es sonst noch so im Beruf? «Eine gute Fitness», empfiehlt Luggen. Aber vor allem auch: «Viel Neugierde!»

* Name geändert


Matthias Luggen:  Der «rote» Walliser

Für Matthias Luggen (*1967) ist die Fotografie nicht nur Beruf, sondern auch Hobby. Wenn er nicht gerade für einen Auftrag unterwegs ist, dann für eines seiner eigenen Projekte. Zuletzt hat er für eine Serie über 25 Menschen besucht, ihnen im Badezimmer ins «Spiegelschäftli» geschaut und dessen Inhalt fotografiert. «Ich wollte verschiedene soziale Schichten zeigen», erklärt Luggen. Vom Jugend­lichen mit unklarem Aufenthaltsstatus bis zum Bauern ist alles dabei. Nur ein «so richtig Reicher» würde bisher fehlen. «Den hätte ich gerne noch!» sagt Luggen.

KEIN ZUFALL. Dass er sich für soziale Hintergründe interessiet, ist kein Zufall: Luggens Vater war Eisenbahner, aktiver SEV-Gewerkschafter und SP-Grossrat. Zusammen mit bekannten Figuren wie Peter Bodenmann gehörte er zum illustren Kreis der Linken. Ausgerechnet in der CVP-Hochburg Wallis! Im Skiclub sagte man Luggen junior: «Ah, da kommt der Sohn des Sozialisten!»

Trotzdem sei ihm aus dieser Zeit vor allem Gutes in Erinnerung geblieben: «Einmal haben wir uns zu sechst in einen Ford Anglia gequetscht, sind ins Goms gefahren und haben dort in einer Nacht-und-Nebel­-Aktion an den Ställen SP-Wahlplakate aufgehängt», lacht Luggen.

WAHL-BERNER. Seit 21 Jahren wohnt er mittlerweile in Bern. Zusammen mit seiner Frau und dem jüngsten Sohn Basil (18). 2019 machte Luggen als Fotograf rund 60’000 Franken Jahres­umsatz.

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