Pflegehelferin Leyla Yilmaz (51) ist hier geboren und arbeitet hier:

Jetzt soll sie ihre Niederlassungsbewilligung verlieren

Jonas Komposch

Leyla Yilmaz ist in der Schweiz geboren, hat ein Leben lang ­gearbeitet und ist auf Sozialhilfe angewiesen. Jetzt hat sie plötzlich das ­Migrationsamt am Hals.

VERSCHÄRFT: In der Schweiz ist es seit 2019 legal, wegen Sozialhilfebezugs den C-Ausweis zu entziehen. (Foto: Keystone / Montage: work)

Eigentlich ist Leyla Yilmaz * eine Frohnatur. Doch seit Sommer 2019 wird die Pflegehelferin von heftigen Sorgen geplagt. Damals brauchte Yilmaz nämlich selbst Pflege. Mit Herzrhythmusstörungen lag sie kurzzeitig im Spital. Dann geriet sie in den Fokus des Zürcher Migrationsamts, einer Behörde, mit der sie zuvor noch nie zu tun gehabt hatte. Es begann mit einem amtlichen Brief: «Sehr geehrte Frau Yilmaz», stand da, «aus unseren Akten geht hervor, dass Sie seit 1. September 2011 von der Sozialhilfe unterstützt werden müssen.» Schon nach diesem Satz habe sie sich «schuldig wie eine Verbrecherin» gefühlt, sagt Yilmaz. Doch dann erst der Schock: «Falls Sie weiterhin nicht in der Lage sein sollten, Ihren Lebensunterhalt aus eigenen Kräften und ohne Sozialhilfe zu bestreiten, werden wir den Widerruf Ihrer Niederlassungsbewilligung (Ausweis C) prüfen.»

«Seit dem Brief des Migrationsamtes lebe ich in ständiger Angst.»

IM THURGAU GEBOREN

Einer ausländischen Arbeitnehmerin nach über 50 Jahren den C-Ausweis wegnehmen, nur weil sie auf Sozialhilfe angewiesen ist? Das ist in der Schweiz seit ­Anfang 2019 möglich. Damals trat das Ausländer- und Integrationsgesetz (AIG) in Kraft – mit erneut drastischen Verschärfungen (siehe Artikel unten). Die Auswirkungen spüren nun immer mehr der 2,1 Millionen Mi­grantinnen und Migranten in der Schweiz. Darunter Pflegehelferin Yilmaz. Sie sagt: «Seit diesem Brief lebe ich in ständiger Angst. Und ehrlich gesagt, nie hab ich mich als Ausländerin gefühlt.» Sie bricht in Tränen aus.

Zur Welt kam Yilmaz 1969 in einem Thurgauer Bauerndorf. Als Tochter einer Näherin und eines Lederarbeiters. Beide waren aus der Türkei eingewandert. Nach der Schule machte Tochter Yilmaz eine Ausbildung zur Pflegehelferin, mit Fachprüfung des Schweizerischen Roten Kreuzes. «Dann habe ich immer gearbeitet», sagt Yilmaz wie selbstverständlich. In Spitälern, Heimen und in Privathaushalten. Und dies, wie sie betont, «auch, als ich Ehefrau, dann Mutter und schliesslich Alleinerziehende wurde». Irgendwann ging ihr Arbeitgeber pleite. Yilmaz fand keine Festanstellung mehr – trotz einwandfreien Arbeitszeugnissen. Mit Aushilfsstellen hielt sie sich und ihren Sohn über Wasser. Dann ging ihre zweite Ehe in die Brüche. Yilmaz musste den Gürtel noch enger schnallen. Bis es nicht mehr ging und sie 2011 Sozialhilfe beantragte. «Ergänzend», wie Yilmaz betont. Denn arbeiten tut die 51jährige nach wie vor: «Ich mache Pflegeeinsätze auf Abruf und nehme jeden Job an.» Zurzeit arbeitet sie für zwei Altersheime. Und da ist es passiert.

«Ich habe immer gearbeitet, auch als alleinerziehende Mutter.»

PENETRANTE AUSFRAGEREI

Kurz vor Weihnachten setzten heftige Kopfschmerzen ein. Dann rief das Temporärbüro an. Sie müsse sofort einen Coronatest machen. Einer ihrer Patienten sei infiziert. Nun war es auch Yilmaz. Zu Hause in Isolation erreichte sie Post vom Migrationsamt, wie so oft in letzter Zeit. Diesmal enthielt der Brief einen zweiseitigen Bogen mit über zwanzig Fragen: Warum sie eigentlich erwerbslos sei, weshalb in ärztlicher Behandlung und wie lange noch? Ob gar ein operativer Eingriff geplant sei? Warum, wann, wo? Besonders abgesehen hat es das Amt auf die «Nachweise Ihrer Suchbemühungen um eine existenzsichernde Arbeitsstelle». Yilmaz musste beweisen, dass sie monatlich zehn Bewerbungen schreibt, seitdem sie 2011 ihre Festanstellung verloren hat. Und nicht nur das. Verlangt wurde eine ganze Reihe von Belegen, Auszügen, Kopien, Verträgen, Zeugnissen sowie «eine detaillierte, tabellarische und chronologische Aufstellung sämtlicher Aufenthalte im Heimatland seit Ihrer Einreise in die Schweiz». Auch Gründe, Begleitpersonen und Finanzierung dieser Reisen ins «Heimatland» sollte die in der Schweiz Geborene offenlegen. «I ha d Welt nüm verstande», sagt Yilmaz in breitestem Thurgauerdialekt.

Wobei ihr auch ein Licht aufgegangen sei. Denn im Lokalblatt las sie Verblüffendes: In ­ihrer Zürcher Wohngemeinde lebten jahrelang rund 150 Sozialhilfebeziehende. Just im Jahr 2019, als das Migrationsrecht verschärft wurde, sank die Zahl auf 90, im letzten Jahr sogar auf rekordtiefe 60 Personen. Verzichten Ausländerinnen und Ausländer auf Sozialhilfe aus Angst vor aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen? Die Pflegehelferin meldete den Verdacht der Unia. Als Mitglied wird sie jetzt juristisch unterstützt. Das könne sie gut brauchen, sagt Yilmaz, denn eines stehe fest: «Ich lasse mir weder meine Würde noch meinen C-Ausweis wegnehmen.»

* Name geändert


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