Klimawandel: So geht CO2-frei bis im Jahr 2030
Eine Vision? Nein, ein konkreter Aktionsplan!

Die Schweiz will zwar den Klimawandel stoppen, doch sie hat keinen Plan. Den hat jetzt die Klimabewegung, und sie will das Land radikal umbauen.

GRÜNE NEUE WELT: Architekt Vincent Callebaut hat mit bepflanzten Bambustürmen und integrierten Windkraftanlagen für die Stadt Paris
seine ökologischen Visionen konkretisiert. (Visualisierung: Vincent Callebaut)

«Sie treten an einem Sommertag vor Ihre Haustür, atmen saubere und frische Luft. Obwohl Sie in einer grossen Stadt leben, sehen Sie viele Bäume. Zudem halten die Pflanzen die Umgebung angenehm kühl. Sie hören nicht mehr den Lärm der Flugzeuge. Stattdessen hören Sie die Vögel und Insekten um Sie herum summen.

Vor zehn Jahren haben Sie am Flughafen gearbeitet. Als die Coronakrise die Welt traf, wurden Flugzeuge gegroundet. Sie bangten um Ihren Job. Später haben viele Flugzeuge wegen der Klimaschutzmassnahmen nie wieder abgehoben. Aber zu diesem Zeitpunkt brauchte man keine Angst mehr davor zu haben, arbeitslos zu werden. Eine berufliche Umschulung ermöglichte es, in vielen verschiedenen anderen Bereichen zu arbeiten, die mit einer ökologischen Zukunft vereinbar sind …»

Dieses Zukunftsszenario klingt etwas naiv. «Nein!» findet Jonas Kampus (19). Er ist Klimastreiker der ersten Stunde, Volkswirtschaftsstudent und Mitautor des neuen ­Klimaaktionsplanes der Klimabewegung. «Mit der Vision wollen wir zeigen, dass eine andere Welt möglich ist.» Konkret will die Klimabewegung dies mit 138 Massnahmen erreichen, die sie im 377 Seiten schweren Klimaaktionsplan vorstellt, an dem Ökonominnen, Psychologen, Klimawissenschafter, Glaziologinnen und viele weitere Expertinnen und Experten mitgearbeitet haben. Das Ziel: Netto null bis 2030. Das heisst: Bis in neun Jahren soll die Schweiz keine Treibhausgase mehr ausstossen. Damit besteht die grösste Wahrscheinlichkeit, dass die Erderhitzung auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vor­industriellen Zeitalter beschränkt werden kann. Auch Medizinstudent Matthias Hafner (21) hat am Klimaaktionsplan mitgearbeitet. Er sagt: «Wir sind frustriert, dass in der Politik nicht genügend getan wird.» Was ist mit dem CO2-Gesetz? Oder dem neuen Klimaplan der Grünen? «Zu wenig und zu spät», da sind sich Hafner und Kampus einig. Der Plan der Klimabewegung scheint im Gegensatz sehr ambitioniert. Doch Kampus sagt: «Die Massnahmen sind pragmatisch. Und viele wurden bereits in der Vergangenheit oder heute an verschiedenen Orten umgesetzt.» So etwa das Werbeverbot im öffentlichen Raum, durch das der Konsum von klimaschädlichen Produkten gedrosselt werden soll: «Die Stadt Grenoble in Frankreich hat das bereits 2014 eingeführt.»

Peppina Beeli, Co-Verantwortliche fürs Klimadossier bei der Unia, gefällt der Klimaaktionsplan. Sie sagt: «Er schafft es, die Probleme in ihrer ganzen Komplexität zu analysieren und zu vernetzen. Zum Beispiel: Wenn wir keine fossile Energie mehr wollen, braucht es mehr Solarenergie, dazu braucht es rechtliche und finanzielle Grundlagen. Und es braucht Fachkräfte für die Umsetzung, diese wiederum brauchen die entsprechenden Weiterbildungen. Der Plan zeigt also die rechtlichen, finanziellen und gesellschaftlichen Aspekte der ökosozialen Wende auf.» Ebenfalls lobenswert ist für Beeli, dass die soziale Dimension stark mitgedacht wird. «Jedes Kapitel bespricht die soziale Verträglichkeit der vorgeschlagenen Massnahmen.»

«Der Plan funktioniert, wenn der politische Wille da ist. Und die Politik täte gut daran, ihn zu beachten.»

NEUE GESELLSCHAFTSORDNUNG

So sieht der Plan denn auch Umschulungen für Arbeitnehmende aus der Luftfahrt vor. Die Klimabewegung setzt hier zwar auf synthetische Treibstoffe. Aber trotzdem werde diese Branche schrumpfen, zugunsten von verbesserten Nachtzugverbindungen. Auch in der neuen, ökologischen Landwirtschaft ist die soziale Abfederung berücksichtigt: Die Schweiz müsse ihre Landarbeiter und Bäuerinnen wirtschaftlich und rechtlich stärken und die Arbeitsplätze dem Arbeitsrecht ­unterstellen. Der Plan will auch neue Eigentumsverhältnisse schaffen, grosse Ver­mögen stärker besteuern und Aktiengesellschaften durch Genossenschaften ersetzen. Zudem soll die Arbeitszeit auf 24 Stunden pro Woche verkürzt und die Pflege- und Betreuungsbranche ausgebaut werden, um ein gutes ­Leben innerhalb ökologischer Grenzen zu ­ermöglichen. Weiter fordert der Klimaak­tionsplan die Einführung einer bezahlten zwölfmonatigen Elternzeit, das Stimm- und Wahlrecht ab 14 Jahren und dass Klimaflüchtlinge neu als solche anerkannt werden.

NEUE TECHNOLOGIEN

Der Klimaaktionsplan setzt auf Verbote, Technologien und Anreize. So will er etwa eine Solarpflicht für Hausbesitzerinnen und -besitzer einführen, jedoch mit einer vollständigen Rückvergütung der Stromerzeugung. Zudem sollen Ölheizungen verboten und alle Gebäude energetisch saniert werden. Auch hier: ein Klimafonds soll diese Massnahme abfedern und verhindern, dass die Mieten steigen. Konventionelle Gebäude sind verboten, stattdessen muss mit einem hohen Anteil an nachhaltigen Materialien wie Holz oder Stroh gebaut werden. Verbrennungsmotoren sind bis spätestens 2030 Geschichte, die Städte autofrei. Dafür wird der Langsamverkehr und das Car-Sharing-Angebot ausgebaut. Industrieunternehmen müssen selbst Aktionspläne entwickeln, um bis 2030 vollständig CO2-frei zu produzieren. Für Massnahmen, die zwar technisch machbar, aber unrentabel sind, gibt es finanzielle Unterstützung.

Viele der Massnahmen würden die Gesellschaft tiefgreifend verändern. Oder wie es die Klimastreikenden auf den Punkt bringen: «System Change, not Climate Change» (Systemwandel, nicht Klimawandel). Der Klimaaktionsplan, ein Märchen? Klimaaktivist Hafner ist überzeugt: «Der Plan funktioniert, wenn der politische Wille da ist. Und die Politik täte gut daran, ihn zu beachten.»

Der ganze Aktionsplan gibt es zum Nachlesen unter: www.climatestrike.ch/de/crisis#solutions

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